Mensch Gladbach: Und wir sind jetzt alle "Natur mg +"

Mensch Gladbach: Und wir sind jetzt alle "Natur mg +"

Wildwiesen statt Pestizide, blühende Ackerraine statt versiegelte Flächen, mehr Straßenbäume: Macht Mönchengladbach zur "Naturstadt mg +"! Das funktioniert - nur Mut.

Wir denken groß. Oder besser: Mönchengladbach denkt groß. Und das drückt sich in Sprache aus. Das nüchterne City-Ost, das eine Autobahnausfahrt vermuten lässt, aber eine schnöde Brachfläche mitten in der Stadt ist, weicht dem klangvollen Namen "Seestadt". Wir heben uns so quasi auf eine Höhe mit Konstanz, der Stadt am Bodensee. Im Vergleich zu dessen riesiger Wasserfläche von 536 Quadratkilometern ist unser künftiger See in der City-Ost, pardon Seestadt, ein Pfützchen. Hinter dem Namen "Seestadt" hat der Namenserfinder auch noch gleich die allgegenwärtige Gregor Bonin'sche Bezeichnung "mg +" angehängt, ohne die in Mönchengladbach gar nichts mehr geht. Hier in der Stadt ist alles "mg +", und vermutlich wird in den Schulen bald die Note "mg +" vergeben, wenn die Kinder ein "sehr gut" oder zumindest ein "gut" bekommen sollen. Mit einem "befriedigend" ist "mg +" gar nicht kompatibel. Es gibt auch schon die Verballhornung von "seestadt mg +" in "see statt mg +" . Ich weiß, ich äußere mich jetzt ziemlich defätistisch . . . Entschuldigung.

Seit einigen Wochen kreist durch die Ausschüsse des Rates ein Arbeitspapier, das "mg +" klein denkt und vielleicht gerade deshalb richtig groß ist: Zwei junge Stadtplaner wenden sich den Stadtteilen, den Honschaften zu. Sie entwickeln schrittweise ein Konzept, wie man die Orte weiterentwickeln kann. Das wird wichtiger denn je. Denn Menschen werden auch in den Stadtteilen alt, nicht nur in den Zentren, wo die Nahversorgung leichter fällt. Und die großen Verbrauchermärkte auf der grünen Wiese helfen niemandem, der kein Auto mehr hat. Allmählich setzt sich bei uns allen die Gewissheit durch, dass die Welt nicht an den Grenzen der Zentren aufhört, sondern so manches Kleinod in den Stadtteilen zu finden ist. Dass jede Geschäftsfrau und jeder Geschäftsmann ein wirtschaftliches Interesse hat und nicht einfach aus Gemeinnützigkeit einen Laden betreiben kann, ist natürlich klar. Aber es gibt inzwischen in der Stadt gute Beispiele, wie Nahversorgung auch in Honschaften funktionieren kann. Und das kann man weiter fördern und vorantreiben und zum Extra-Thema für "mg +" machen.

Wenden wir uns der Natur zu. Ich konfrontiere Sie mit dieser Nachricht: Popstar Ed Sheeran gibt ein Konzert - und dafür sollen bis zu 100 Bäume fallen. Keine Angst, das passiert nicht in dieser Stadt, was sicher auch deshalb nicht geschehen kann, weil dem Barden Gladbach für ein Konzert viel zu klein ist. In Düsseldorf tritt er auf, und Naturschützer der Landeshauptstadt argwöhnen, dass für seinen Live-Auftritt auf dem Konzertgelände massenweise Bäume fallen müssen. Da könnte man glatt sagen: Ach, ihr Gladbacher, regt euch nicht so auf wegen der paar Bäumchen, die im Diltheypark abgeholzt wurden. Ein gravierender Unterschied ist auch, dass Bäume im Diltheypark gefällt werden mussten, weil sie wegen ihrer instabilen Lage zur Gefahr wurden. Aber ist es nicht grotesk, dass in unserer Eventgesellschaft Naturschutz für ein vielleicht einmaliges Konzert so mir nichts, dir nichts geopfert wird?

Daraus kann man eine Konsequenz ziehen: Mönchengladbach zur Naturhauptstadt am Niederrhein zu machen. Wildwiesen auf Fahrbahn-Mittelstreifen, viele Straßenbäume pflanzen, Gründächer, naturnahe Gewerbegebiete, mehr blühender Ackerrain - und kein Glyphosat auf städtischen Ackerflächen nach Absprache mit den Bauern, an die die Stadt Land verpachtet. Das ist nichts, was in ein, zwei Jahren erreicht werden kann. Aber ein eigenes ökologisches Konzept für die Stadt - das wäre was. Ein "mg +" darf auch angehängt werden.

(RP)