Mönchengladbach: Ukraine-Krise: Journalist schildert die Lage aus Sicht der Betroffenen

Mönchengladbach : Ukraine-Krise: Journalist schildert die Lage aus Sicht der Betroffenen

Bernhard Clasen, früherer Ratsherr der Linken, sprach beim Friedensforum über die aktuelle Situation der Ukraine. Als vor rund einem Jahr die Protestbewegungen auf dem Majdan begannen, wurde der Journalist und Russisch-Dolmetscher Bernhard Clasen zum ersten Mal in die Krisensituation geschickt. Heute hat er dort eine Wohnung und lebte mitten unter der ukrainischen Bevölkerung. Er sieht, dass es bei dem Ukraine-Konflikt nicht eine Wahrheit gibt, sondern dass es um ein Ringen von möglichst vielen Halbwahrheiten geht. "Im Bus oder beim Friseur sind die Gespräche ehrlicher", sagte der Journalist.

Clasen erzählte, dass am Freitag die sechste Rekrutierungswelle für das ukrainische Militär begonnen hat. Diese treffe bei den Leuten vielfach auf passiven Widerstand, denn wer sich trotz Einzugsbescheid dem Wehrdienst verweigert, macht sich strafbar. Viele melden sich nicht bei den Behörden beim Umzug, andere verhindern auf kuriose Weise den Einwurf des Einzugs in den Briefkasten. So müssen die Behörden zu anderen Mitteln greifen, wie spontane Vorladungen während Arbeitszeiten oder in Supermärkten.

Dies findet Bernhard Clasen sehr problematisch: "Die Armee an sich ist bereits unterversorgt, sie kann nicht einmal drei Mahlzeiten oder Westen garantieren. Vor allem Männer ohne Militärerfahrung werden zu Kanonenfutter."

Im Gegensatz hierzu gruppierten sich bereits während der Aufstände auf dem Majdan freiwillige Bataillone wie der Rechte Sektor oder Azov, die zu Anfangszeiten noch nicht dem Verteidigungsminister unterstanden. Unzufrieden mit dem Status quo ist Clasen über den Donbass. Er bemängelt, dass nur äußerst begrenzt Medizin und Lebensmittel der Bevölkerung zu Verfügung ständen. Renten können nur persönlich in Kiew abgeholt werden, auch die Wasser- und Stromversorgung sei schlecht.

Der Kiew-Korrespondent wünscht sich eine Verbesserung der Lage. Es gehe jetzt darum, wie man wieder herauskommt, denn "Frieden ist eine Sache von vielen tausend kleinen Schritten." Er hofft auf die Freilassung der ukrainischen Pilotin Nadja Sawtschenko. Mittelfristig solle man den Menschen aus Donbass jedoch ein gutes Angebot machen.

"Man muss den Menschen zeigen, dass man zusammenleben kann und ihnen nicht die Renten und Medikamente verweigern", sagt Clasen. Denn wenn Kiew wirklich interessiert sei, dann solle man werben, statt zu drohen. Langfristig solle vor allem die russische Sprache wieder einen besseren Stellenwert erhalten.

Am Ende bleibt vielen Zuhörern die Frage, was man hier vor Ort tun kann. "Die Menschen in der Ukraine sind uns sehr nahe, auch sie wollen ein bisschen Zufriedenheit und in den Wünschen und Vorstellungen respektiert werden", sagt Veranstalter Günter Rexilius. Vor allem die Auseinandersetzung mit dem Thema ist ein erster Schritt zu einem besseren Verständnis.

(li)
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