Mönchengladbach: Tochter in Todesangst

Mönchengladbach: Tochter in Todesangst

Libanesische Eltern sollen die Tochter als Geisel gehalten und zum Schwangerschaftsabbruch genötigt haben, weil sie einen anderen Mann für sie ausgesucht hatten. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen begann der Prozess.

Polizisten im Gerichtssaal, Kollegen auf dem Flur, dazu massive Türkontrollen – beim gestrigen Prozess vor dem Mönchengladbacher Schöffengericht, bei dem es auch um Familienehre ging, gab es offensichtlich große Sicherheitsbedenken. Ein libanesischer Familienvater (44) aus Hückelhoven und dessen Ehefrau (45) saßen gestern auf der Anklagebank, weil sie ihre Tochter monatelang im Elternhaus eingesperrt, geschlagen und am Ende zu einem Schwangerschaftsabbruch in Holland gezwungen haben sollen. Die 26-Jährige sollte auf ihren Freund verzichten, weil die Eltern offenbar bereits einen anderen Mann für sie ausgesucht hatten, so die Anklage. Dabei sollen die aus dem Libanon stammenden Angeklagten das Liebespaar massiv bedroht haben.

"Sie bedrohten mich"

Unumwunden gaben die Eltern gestern zu, dass sie den Freund der Tochter auf keinen Fall wollten. Zugleich sahen sie sich als "zu Unrecht angeklagt". Sie säßen auf der falschen Bank, ließen sie mit unbewegter Miene durch die Dolmetscherin erklären. Weil die Tochter, die nunmehr mit dem Freund und einem gemeinsamen Sohn zusammenlebt, die Aussage verweigert, spielten gestern die verlesenen Vernehmungsprotokolle bei der Polizei eine wichtige Rolle.

Im Oktober 2008 erfuhren die Angeklagten von dem Liebesverhältnis der Tochter, so erinnerte sich der Freund (39), der aus Tunesien stammt. "Sie kamen zu mir, bedrohten mich und erklärten mir, ich müsse die Tochter verlassen." Verängstigt habe er zunächst den Kontakt abgebrochen. Doch nach ein paar Wochen standen Freundin und Polizei vor der Tür. Sie sei geschlagen worden. Durch einen Vorwand, die Mutter sei schwer krank, sei sie wieder nach Hause gelockt worden. Zweimal sollen die Eltern die junge Frau als Geisel wochenlang im Haus gehalten haben. Das sei ihm von der Partnerin anvertraut worden, so der 39-Jährige gestern. Die Eltern hätten sie schlecht behandelt, schließlich zum Schwangerschaftsabbruch gezwungen und außerdem zu einer türkischen Arzt geschickt. "Der sollte sie wieder zur Jungfrau machen", hatte sich der Mann sinngemäß bei der Polizei erinnert. Gestern war sich der Zeuge sicher: "Sie hatte Todesangst vor den Eltern und hat sie heute noch." Ihm hätten die Angeklagten Geld angeboten, wenn er sich von der Tochter trenne, so der Freund. Ein Polizeibeamter erinnerte sich gestern, dass er von den Eltern als Vermittler im Streit mit der Tochter gebeten worden sei. "Nein, die wollen uns nur einfangen und umbringen", habe die Tochter sinngemäß reagiert.

Am Ende verwies das Gericht das Verfahren an das Landgericht. Die Angeklagten sind der zweifachen Geiselnahme verdächtig – mit jeweils fünfjährigen Mindesthaftstrafen. Dazu reiche die Strafgewalt des Schöffengerichts nicht aus.

(RP)