Mönchengladbach: Theater ist auch Bildung

Mönchengladbach : Theater ist auch Bildung

Michael Grosse berichtet von seiner Doppelrolle als Generalintendant und Schauspieler. Der Diplom-Regisseur, der seinen Kindern gerne vorliest, verrät, dass er auch gerne Chemie studiert hätte und erklärt, was Fußball und Theater verbindet.

Die Krefelder SPD und der Deutsche Gewerkschaftsbund fordern mehr Beteiligung für die Mitarbeiter.

Grosse Solche Rechtsformwechseln — und ich habe selbst bereits einige vollzogen — wohnen immer Sorgen inne. Dass der Betriebsrat mit zwei Stimmen im Aufsichtsrat vertreten sein sollte, ist eine gute Lösung. Ich glaube nicht, dass der Wechsel eine Gefährdung für den Theaterbetrieb darstellt. Und ich kenne keinen Rechtsformwechsel in der deutschen Theaterlandschaft, der mit Personal-Abbau einher gegangen wäre.

Was bringt denn eine Theater-GmbH?

Grosse Sie ermöglicht es, wesentlich flexibler zu agieren. Die Politik sieht natürlich auch steuerliche Gründe. Für ein autonom agierendes Theater ist eine GmbH wünschenswert. Es ist immer vorteilhaft, wenn diejenigen, die für das Theater arbeiten, auch zum Theater gehören und nicht unterschiedliche Arbeitgeber haben wie jetzt noch bei den spielfertigen Häusern.

Sie kommen von der Kunst, sprechen aber wie ein diplomierter Ökonom.

Grosse Zu meiner Aufgabe gehört halt beides dazu. Ich war jetzt 14 Jahre Geschäftsführer. Das Intendantenprofil hat sich zwar geändert, es schließt auch ein, dass man Geld beschafft, Sponsoren akquiriert oder Marketing betreibt. Aber dass man mit dem Geld klarkommen muss, was da ist, war auch schon zu Goethes Zeiten so.

Welche Seite mögen Sie lieber?

Grosse Beide.

Mönchengladbach hat 1,3 Milliarden Euro Schulden. Es gab Gutachter, die empfahlen, das Theater zur Haushaltskonsolidierung zu schließen. Hat Sie das nicht ins Grübeln gebracht, als Sie nach Mönchengladbach gekommen sind?

Grosse Es gibt kein Theater in Deutschland, das in seiner Finanzierung nicht existenziell gefährdet ist. In den neuen Bundesländern habe ich gesehen, wie durch Fusionen Theater gestorben sind. Man muss sich darüber im Klaren sein: Was geschlossen ist, kommt nie wieder. Nie. Und man muss sich fragen, welche Lebens-Qualität ein Theater bedeutet. Wir reden hier nicht von einem weichen Standortfaktor, sondern von einem harten.

Theater ist nicht nur Kultur, sondern auch Bildung. Die Fähigkeit, Kunst zu entschlüsseln, pädagogische Arbeit, Lehrplanprojekte in Schulen, Berufsbildung — all das leistet das Theater, bei Kindern wie bei Senioren. Wer also für Bildung Geld gibt, muss auch für Kultur Geld geben. Genauso wie man Bildung nicht in Frage stellt, darf man das auch nicht bei der Kultur machen. Unser Theater ist im Übrigen gelebte Integration. Bei uns arbeiten Menschen aus 25 Nationen täglich Hand in Hand. Da muss man sich sehr gut überlegen, ob man so eine Keimzelle aufgeben will.

Das war ein flammendes Plädoyer.

Grosse So ist es aber. Der Spielplan ist "nur" das nach außen sichtbare Produkt. Ein Theater leistet aber so viel mehr, als abends ein "bisschen" zu spielen.

Sie leben mit Ihrer Familie in Krefeld. Wie gut kennen Sie inzwischen beide Städte?

Grosse Von Mönchengladbach kenne ich die Innenstadt, den Abteiberg, Schloss Rheydt und natürlich den Nordpark mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Ich habe aber nicht so viel Zeit, mir Mönchengladbach als Tourist anzusehen.

Waren Sie schon bei Borussia?

Grosse Ja, beim 3:3 gegen Bayern München war ich im Stadion. Ich entwickle immer einen gewissen Lokalpatriotismus.

Und was würden Sie Borussia raten?

Grosse Da würde ich mir keinen Rat anmaßen. Ich halte Michael Frontzeck für einen tollen Typen, dem ich es absolut zutraue, die Mannschaft da unten heraus zu führen.

Fußball hat auch etwas Dramatisches. Sehen Sie Ähnlichkeiten mit dem Theater?

Grosse Sehr viele sogar. Wenn es schlecht läuft, muss immer einer gehen. Die Frage ist doch: Wie erreichst du die Leute? Indem man Geschlossenheit, Identifikation erzeugt. Berthold Brecht hat auch viele Ähnlichkeiten zwischen Kultur und Sport gesehen. Ein Trainer muss elf Leute erreichen, ein Intendant ein paar hundert. Wir unterscheiden uns nur in der Zahl, nicht in der Kernphilosophie.

Ihr Vorgänger fand, dass das Publikum in Krefeld und in Mönchengladbach unterschiedlich auf das Spielplanprogramm reagiert.

Grosse Diese Erfahrung habe ich noch nicht gesammelt.

In der Ausweichspielstätte im Nordpark lässt das Interesse der Abonnenten nach.

Grosse Ein Jahr ist verkraftbar, zwei wie in unserem Fall sind schon problematischer. Bei zwei Jahren in der Ausweichspielstätte geht man von zwei Jahren aus, bis das alte Niveau wieder erreicht ist. Ich hoffe, dass sich die Zahlen mit "Prinz Rama" oder "Me and my girl" verbessern. ich bin aber auch überzeugt, dass wir bei der Eröffnung des neuen Theaters im September 2011 denselben Effekt wie in Krefeld haben. Wir werden einen besonders attraktiven Spielplan vorbereiten, dass die Leute "gezwungen" sind, in unser saniertes Haus zu kommen.

Wer bestimmt den Spielplan?

Grosse Ich bin immer für Team-Arbeit. Es hat doch keinen Sinn, etwas anzuordnen, und keiner zieht mit. Wir sitzen zusammen mit den Direktoren, wir wägen ab, welche Inhalte wir transportieren möchten, in welchen Genres, was wir für Schulen machen wollen, was zu unserem Ensemble passt — das ist ein langer Prozess. Jetzt fokussieren sich die Entscheidungen für die nächste Spielzeit.

Wie weit sind Sie schon?

Grosse Wir wissen schon alles.

Nur zu. . .

Grosse Ich darf noch nichts verraten. Das bleibt dem Kuratorium vorbehalten.

Was würden Sie denn am liebsten einmal auf die Bühne bringen?

Grosse Die Wallenstein-Trilogie von Schiller, weil es ein global spannendes Werk ist.

Wie können Sie abschalten?

Grosse Bei einer guten Probe im eigenen Haus (lacht). Ich lese gerne ein gutes Buch, gehe spazieren oder joggen. Im Moment lese ich "Mein verspieltes Land" von Paul Lendvai.

Wo machen Sie Urlaub?

Grosse Wir fahren gerne an die See oder nach Österreich. Da hat meine Frau lange gearbeitet.

Wie oft gehen Sie im Urlaub ins Theater?

Grosse Möglichst nie.

Aber Kino geht schon für einen Theater-Intendanten?

Grosse Ja. Das kommt nur viel zu kurz. Bis auf Kinderfilme, da bin ich dank meiner Kinder Experte. Mein letzter war "Drachenzähmen leicht gemacht".

Welche Musik hören Sie denn gerne?

Grosse Ich bin Aha-Fan, Supertramp. . .

. . .da kommen Sie leider zu spät nach Gladbach. Beide Bands waren dieses Jahr schon hier.

Grosse Ja, leider. Und ich liebe die kühle Ästhetik in der Musik der Pet Shop Boys.

Wenn Sie nicht Regie studiert hätten — was wären Sie geworden?

Grosse Chemiker, das hat mich immer interessiert. Das ist eine plastische, nachvollziehbare Wissenschaft. Die Leidenschaft zu Chemie und Mathematik hat mir geholfen, zu abstrahieren und das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.

Lesen Sie Ihren Kindern vor?

Grosse Ja. Der Kleine ist aber schon so gut, dass er mir vorliest.

Proben Sie auch zu Hause? Gibt es Kritik von Ihrer Frau, die Sängerin ist?

Grosse Nein. Zu Hause reden wir so wenig wie möglich übers Theater.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Grosse Ich fokussiere mich auf den substanziellen Punkt der Kritik und versuche, den wahren Kern abzubilden. Kritik ist ein unerlässlicher Partner der Kunst, wenn sie fair ist.

Das Gespräch führten Dirk Richerdt, Andreas Gruhn, Gabi Peters und Michaela Feit.

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