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Mönchengladbach: Suizid: Warum hast du mir das angetan?

Mönchengladbach : Suizid: Warum hast du mir das angetan?

Franz K. hat sich nach einem Streit mit seiner Frau aufgehängt. Seine Frau Marianne stürzte danach in tiefste Depression. In der Trauergruppe lernte sie, mit ihren Gefühlen umzugehen. Sie fand Gleichgesinnte und wieder Freude am Leben.

Marianne K. * (65) hat ihren Mann verloren. Ganz plötzlich — völlig unerwartet. Franz K. hat sich umgebracht, aufgehängt nach einer Auseinandersetzung mit seiner Frau. Beruflich lief es nicht gut, und dann kamen familiäre Probleme hinzu. Franz K. ertränkte seine Ängste und Sorgen im Alkohol. Die Lebensplanung des Ehepaars drohte komplett aus dem Ruder zu laufen. Es kam zum Streit. "Da bleibt mir doch nur noch der Strick", sagte Franz K. zu seiner Frau. Er hatte wieder einmal zu tief ins Glas geschaut. Marianne K. erwiderte wütend: "Dann mach das doch."

Sie verließ wütend das Haus. Als sie nach einer Viertelstunde zurückkehrte, hatte er seinem Leben ein Ende bereitet. Er hing an einem Strick auf der Terrasse. Das war im Jahr 2008. Dass sie später am Tag mit ihrer Tochter stundenlang durch den Regen lief und unablässig schrie, weiß sie nur, weil ihre Tochter es erzählt hat. "Ich erinnere mich an nichts", sagt die Witwe.

Der Schmerz kam später. Und er war kaum auszuhalten. "Ich war unfähig, morgens aufzustehen, mich zu waschen, die einfachsten Dinge zu erledigen." Eine Frage ging ihr immer und immer wieder durch den Kopf: "Hätte ich ihn aufhalten können?" Sie fühlte sich schuldig, "schließlich hatte ich ihn ja dazu aufgefordert, sich zu erhängen". Ihre Tochter zog vorübergehend zu ihr. Eine schwere Zeit. "Ich fühlte mich so schuldig, ich konnte nicht darüber sprechen." Es sei etwas anderes, wenn der Ehemann nach einer Krankheit gestorben ist. "Suizid ist ein Tabu-Thema." Drei Monate nach dem Freitod ihres Mannes las sie von der Trauergruppe, in der sich Menschen nach dem Selbstmord eines Angehörigen treffen. Sie ging hin. "Da habe ich ganz schnell gemerkt, dass ich mit meiner Trauer, meiner Angst und meinen Schuldgefühlen nicht alleine bin."

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In Deutschland versucht alle vier Minuten ein Mensch, sich umzubringen. Alle 40 Minuten schafft es jemand, sein Leben zu beenden. Das sind etwa 10 000 Suizide pro Jahr. Seit 2001 gibt es in Mönchengladbach die Trauergruppe für Menschen, die einen Angehörigen durch Selbstmord verloren haben. Geleitet wird sie von dem katholischen Krankenhaus-Seelsorger Jürgen Schmitz und dem Theologen und Psychotherapeuten Rudolf Bruch-Reinhaus. "Als wir begannen, kamen die Menschen auch von weither", sagt Jürgen Schmitz. Weit und breit gab es kein Angebot dieser Art. Inzwischen haben die beiden 13 Gruppen als Trauerberater begleitet. Am kommenden Donnerstag, 6. Februar, startet die vierzehnte.

In der Gruppe hat Marianne K. gelernt, dass sie mit ihrer Thematik nicht allein ist. Sie hat gelernt, dass sie nicht jedem ihre Geschichte auf die Nase binden muss. Sie hat Freunde gefunden, mit denen sie viel unternimmt. Und sie hat Verantwortung für andere übernommen. Sie arbeitet als "grüne Dame" in den Kliniken Maria Hilf und steht Schwerstkranken bei. "Ich lebe mein Leben wieder, ich bin aktiv und optimistisch."

Aber: Es gibt keinen Tag, an dem sie nicht an ihren Mann denkt. "Seitdem er nicht mehr bei mir ist, weiß ich erst, wie sehr ich ihn geliebt habe." Niemals sucht sie Orte auf, die sie mit ihrem Mann besucht hat. Wütend hat sie die Tat ihres Mannes nie gemacht — nur traurig. Über sich selbst ärgert sie sich. "Er sprach nicht über seine Gefühle. Ich hätte mehr mit ihm streiten müssen, ihn herausfordern, nachfragen müssen." Traurig wird Marianne K., wenn sie ältere Paare Hand in Hand gehen. "Das fehlt mir."

*Name ist der Redaktion bekannt

(RP)