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Mönchengladbach: Streit um Arzneimittel im Heim

Mönchengladbach : Streit um Arzneimittel im Heim

Der Verwalter der städtischen Altenheime fürchtet, dass in Pflegeeinrichtungen zu viele Medikamente unnötig verabreicht werden. Die Ärzteschaft ist empört: Solche Anschuldigungen verunsicherten Patienten.

Gladbachs Ärzte sind verärgert. Der Grund ist eine öffentliche Kritik des Verwalters der städtischen Altenheime. Helmut Wallrafen-Dreisow, der Geschäftsführer der Sozialholding, hat festgestellt, dass von den 617 Bewohnern in den städtischen Heimen 63 Prozent mehr als sechs Medikamente bekommen. Deswegen fordert er bessere Absprachen zwischen Haus- und Facharzt. Seine Motivation: Er will eine öffentliche Diskussion über die Medikation bei Senioren anregen und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Heimen verbessern.

Ein bekanntes Problem

Doch der Ärzteschaft stießen diese Äußerungen bitter auf: Solche Behauptungen würden die Patienten unnötig verunsichern. Deswegen haben Heribert Hüren, Allgemeinmediziner und Vorsitzender der Ärztekammer Nordrhein, und Arno Theilmeier, Gastroenterologe und Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, einen offenen Beschwerdebrief an den Sozialholding-Geschäftsführer geschickt: Dieser soll "die laienhaft-unqualifizierten und anmaßenden Äußerungen bezüglich ärztlicher Verordnungen in Pflegeeinrichtungen in den Medien unterlassen". Andernfalls würden sie rechtliche Schritte gegen ihn einleiten.

Eine so scharfe Kritik übten die Ärztevertreter, "weil es sich so anhört, als würden die Ärzte kritiklos Medikamente verschreiben", sagt Heribert Hüren. Und sein Kollege Arno Theilmeier ergänzt: "So etwas muss in Fachkreisen diskutiert werden, nicht in den Medien."

Das Problem der Mehrfachmedikation von alten Menschen sei den Ärzten durchaus bewusst, so Hüren. "Aber der behandelnde Arzt kennt den Patienten jahrelang und verabreicht ihm nicht irgendeine Pille." Falls Nebenwirkungen auftreten, müsse das Pflegepersonal den Arzt sofort informieren. Die von Wallrafen-Dreisow kritisierten Arzneimittel, die auf der sogenannten Priscus-Liste stehen, können beispielsweise Schwindel als Nebenwirkung auslösen. Das wiederum kann zu vermehrten Stürzen führen. "In solchen Fällen fragt die Pflegekasse bei uns nach", sagt Helmut Wallrafen-Dreisow, "ob die Person auch richtig betreut wird." Eine Frau musste zum Beispiel unter anderem Priscus-Medikamente einnehmen, weil sie lebenswichtig für sie waren – aber eben Schwindel förderten. Deswegen sei sie insgesamt 17 Mal gestürzt, was die Pflegekasse aufmerksam gemacht hat. "Nach der Absprache mit dem Arzt ist dann klargeworden, dass die Patientin das Mittel weiter nehmen muss", sagt Wallrafen-Dreisow.

Um solche Fälle frühzeitig zu erkennen, wünscht sich Wallrafen-Dreisow eine bessere Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegeeinrichtungen. "Es geht mir nicht darum, die Ärzte zu kritisieren", betont Wallrafen-Dreisow. Deswegen hat er das Thema auf die Tagesordnung der gestrigen Pflegekonferenz setzen lassen. Dort wurde einstimmig beschlossen, dass das Problem in der nächsten Gesundheitskonferenz, wo Vertreter der Ärzte und der Apotheker zusammenkommen, ebenfalls diskutiert werden muss. Wallrafen-Dreisow betont: "Auch die Vertreter der Pflegekassen und der Kassenärztlichen Vereinigung waren sich einig, dass die Medikation bei Senioren ein Thema ist, das nun weiter diskutiert werden muss – und zwar gemeinsam."

(RP)