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Mönchengladbach: Stipendiatin Britta Thie inszeniert die Stadt neu

Mönchengladbach : Stipendiatin Britta Thie inszeniert die Stadt neu

Die Künstlerin arbeitet bis Mitte Oktober in der Stadt. Mit Jugendlichen, die sie im Minto kennengelernt hat, dreht sie einen Film. Es wird eine Liebesgeschichte. Das Ergebnis zeigt das Museum Abteiberg.

Ihre Eltern überließen ihr die Entscheidung, ob sie getauft werden wollte oder nicht. Sie entschied sich dafür, "denn ich braucht dringend Geld für eine Kamera." Ihr Wunschtraum ging in Erfüllung. Mit neun Jahren konnte sie endlich das tun, was ihr so unendlich wichtig war. Das war der Start. Britta Thie legte früh den Grundstein für ihre künstlerische Arbeit. Sie ließ niemanden in Ruhe. Freunde, Familie, alle engagierte sie, ließ sie vor ihrer Kamera agieren. Sie selbst war ihre Haupt-Protagonistin. Sie sang und schauspielte vor der Kamera, sie inszenierte Clips unterschiedlichster Art. Da war sie gerade einmal neun oder zehn Jahre alt. Jetzt lebt sie im Atelierhaus an der Steinmetzstraße - als 30. Stipendiatin der Stadt. Und das im 20. Jahr des Projekts, das von Anfang an von der Josef und Hilde Wilberz-Stiftung gefördert wurde und wird. Dafür dankte Kulturdezernent Gert Fischer gestern Peter Fliege von der Stiftung.

Bis Mitte Oktober wird Britta Thie, die 1987 in Minden geboren wurde und ihr Studium der Bildenden Kunst an der UdK Berlin absolvierte, in Gladbach tätig sein. Und so, wie sie es bereits als Kind (und seitdem immer) tat, wird sie sich auch hier mit dem Phänomen der Selbstinszenierung und Selbstmedialisierung beschäftigen. Dazu begibt sie sich ins Minto, wo sich Jugendliche treffen, um das kostenfreie W-Lan zu nutzen. Sie wird auf der oberen Ebene des Einkaufszentrums, bei Saturn, drehen, außerdem im Skulpturengarten des Museums Abteiberg. "Ich habe mit den Jugendlichen gesprochen und sie nach ihren Themen gefragt."

Herausgekommen ist eine Liebesgeschichte: Ein Mädchen zieht in die Stadt, lernt einen Typen kennen, der als Praktikant bei Saturn arbeitet. "Inmitten der Flatscreens funkt es", sagt die Künstlerin. Dann verliert das Mädchen ihr Passwort, ein Fremder hackt sich in ihr Leben ein. Es wird fies.

Die Jugendlichen, die sie für ihren Dreh gewinnen konnte, sind durch die Bank Gladbacher. Museumsdirektorin Susanne Titz begleitet das Projekt. "Indem Britta Thie sich mit dem auseinandersetzt, was die Jugendlichen in dieser Stadt interessiert, beschäftigt sie sich mit der Stadt selbst", sagt sie. Power: So soll der Film heißen, der im Museum Abteiberg präsentiert wird. Im Rahmen ihres Stipendiats wird die Künstlerin zudem Sommerkurse für Jugendliche aus Mönchengladbach anbieten.

Britta Thie begreift ihre künstlerische Tätigkeit als Soap über ihr eigenes Leben. Dazu gehört die Selbstinszenierung wie in "Transatlantic", ihrem Werk aus dem Jahr 2015. In dem Film schickt sie sich selbst und ihre Protagonistinnen durch ein rasantes hyper-hypes Leben zwischen Kunst, Modewelt und persönlichen Abgründen. In der Zwei-Kanal-Videoinstallation "Shooting - Arrogant Suffering" (2009) legt sie Hörigkeit und subtile Gewalt bloß. "Ich habe während meines Studiums gemodelt, um Geld zu verdienen", sagt Britta Thie. Die Britta Thie in der linken Bildschirmhälfte gibt der Britta Thie in der rechten Anweisungen: Augen Kamera, Augen kneifen, Mund auf, Schultern buckeln, Profil, mehr Energie ins Kinn, leiden, leiden - mehr leiden. "Genau so geht es zu beim Modeln", sagt sie.

Morgen beginnen die Dreharbeiten. Vom 24. Juni bis zum 14. Oktober ist das Ergebnis in einer Einzelausstellung der Künstlerin im Museum Abteiberg zu sehen.

(isch)