Mönchengladbach: Stefanie Raff liebt das Nähen und Cordhosen

Mönchengladbach: Stefanie Raff liebt das Nähen und Cordhosen

Die 46-Jährige hat ihr eigenes Atelier in Giesenkirchen. Und nicht erst dort hat sie gelernt, dass Kleidung auch viel mit Emotionen zu tun hat.

Die Nähmaschine ist computergesteuert. Selbstverständlich. Stefanie Raff kann sie warten. Auch selbstverständlich. Schließlich hat die 46-Jährige eine Zeit lang für einen Düsseldorfer Handelskonzern Computer repariert. Und dennoch: "Ich nähe gerne mit der Hand. Für mich ist es eine persönliche Herausforderung, dass man die Stiche nicht sieht." Die Schneiderin mit Maßband und Brille deutet als Beispiel auf den losen Saum eines gestreiften Sommerkleides aus T-Shirt Stoff, das hinter ihr hängt.

Seit Oktober vergangenen Jahres betreibt Stefanie Raff ihr Nähatelier in Giesenkirchen, Am Sternenfeld. Ein heller Raum, Pastelltöne. Zwei Näh- eine Kettelmaschine, ein Bügel- und Ärmelbrett. In Regalfächern liegen Hosen und Pullis, repariert. Im Fenster zwei mit Knöpfen randvolle Bonbonnieren. Eine Büste in Rot. Jede Menge Garnrollen. Auf dem Boden Stoff- und Fadenreste, an der Wand ein Board mit bunten Nähgarn-Röllchen.

Vor mehr als 25 Jahren hat die Damenschneiderin ihr Handwerk bei Elisabeth Moden in Giesenkirchen gelernt. Nach der Ausbildung musste sie sich umorientieren: Der Wechsel in die Industrie war zu schwierig. Ihr Studium der Bekleidungstechnik an der Hochschule Niederrhein ließ damals kaum Raum für Handwerkliches: "Ich wollte nähen." Stefanie Raff ging ein paar berufliche Umwege, dann kamen die beiden Kinder: "Nebenbei habe ich aber immer was für mich genäht. Aber auch schon mal ein Kleid, mit dem meine Freundin zur Hochzeit gehen konnte." Als dann das Atelier frei wurde, hat sie mit ihrem Mann Für und Wider diskutiert, dann war klar: "Ich will es versuchen. Und ich habe es bisher nicht bereut. Ich hab meins gefunden, bin zufriedener, entspannter und ruhiger geworden." Und es habe sich ein Kreis geschlossen: von Giesenkirchen über mehrere Stationen zurück nach Giesenkirchen." Mit ihrer Familie und den Hunden lebt die Frankreich- und Krimiliebhaberin nicht weit von ihrem Atelier.

Natürlich sei der Schritt zum Atelier eine Umstellung gewesen. Allein die Öffnungszeiten. Viele Kunden hätten in den Anfangszeiten erwartet, dass sie das Atelier so weiterführt wie ihr Vorgänger das über 30 Jahre getan hat: "Der hatte jeden Tag auf. Aber das kann und will ich nicht. Schließlich habe ich Familie." Montag und Mittwoch hat sie Ruhetag: "Ich muss ja irgendwann auch mal nähen." Insgesamt seien die Kunden ungeduldiger geworden, erlebt die gebürtige Rheydterin: "Nicht alle können verstehen, dass die Reparatur einer Hose schon mal eine Woche dauern kann." Gerade vor Weihnachten habe sie die Arbeit kaum geschafft. Unter dem Strich aber gelte: "Ich hab Spaß." Stefanie Raff mag den Umgang mit den Menschen: "Die allermeisten sind nett. Das hat hier so ein bisschen was von Frisör. Die Leute erzählen mir viel, auch Privates. Eine Kundin hat mir Pralinen gebracht, weil ich mir mit ihren Dirndlkleidern so viel Mühe gebe." Eine eigene Kollektion - diesen Traum hat die Damenschneiderin "begraben". Denn die Arbeit könne sie betriebswirtschaftlich sinnvoll nicht leisten: "Wünsche nach einem eigens angefertigten Kleid muss ich leider ablehnen." Der überwiegende Teil ihrer Aufträge sind Flick- und Reparaturarbeiten: Reißverschlüsse einsetzen, Hosen kürzen, einen aufgegangenen Saum nähen. Stefanie Raff hat gut zu tun. Auch, weil Kleidung mit Emotion zu tun hat: "Es gibt Kunden, die hängen an ihren Kleidern. Oder sie kommen, Bauarbeiter etwa, weil eine Reparatur preiswerter ist als die Anschaffung neuer Bekleidung." Das hat sie schon während der Ausbildung beobachtet: "Meine Meisterin hatte immer gut zu tun." Schon als Kind haben Stefanie Raff Stoffe fasziniert: "Mein Vater war Färbereimeister in einem Giesenkirchener Betrieb. Er hat mir aus einem selbst bedruckten Stoff, eine Jacke machen lassen." Stefanie Ruff liebt Knöpfe, nie könnte sie einen wegwerfen. Das erklärt die beiden Gläser im Fenster. Sie stöbert auch gerne in Second-Hand-Läden. Nach Cordhosen - am liebsten mit seitlichen Taschen. Die seien selten. Und sie liebt alte Mäntel: "Die sind toll. Weil in ihnen viel Handarbeit steckt." Wenn die Damenschneiderin unterwegs ist, fällt ihr direkt auf, welche Kleider gut oder schlecht gearbeitet sind: "Manchmal erlebe ich, dass gerade die Teuren nicht gut in der Verarbeitung sind." Ach ja, sie liebt die Spaziergänge mit ihren Hunden: "Wenn ich nach einem Tag gebeugt an der Nähmaschine in frischer Luft aufrecht gehen kann."

(akue)