"Stadtsportbund soll Dienstleister der Vereine sein"

"Stadtsportbund soll Dienstleister der Vereine sein"

Johannes Gathen, neuer Geschäftsführer des Stadtsportbundes, über zunehmende Bürokratie, das Haus des Sports und Sport im Park.

Herr Gathen, Sie sind seit Jahresbeginn Nachfolger von Axel Tillmanns als Geschäftsführer des Stadtsportbundes. Wie schwierig war die Einarbeitung?

Gathen Ich konnte mich in den vergangenen Wochen gut einarbeiten. Wir haben ein tolles Team, die Zusammenarbeit funktioniert gut. Wir arbeiten in offenen Büros, so dass jeder weiß, was der andere macht. Januar und Februar sind bei uns im SSB auch eher ruhigere Monate, wo keine großen Projekte anstehen, deshalb konnte ich mich auf die Einarbeitung konzentrieren.

Sie kommen aus der Leichtathletik und haben viele Jahre als Trainer in diesem Bereich gearbeitet. Wie gut kannten Sie die Strukturen?

Gathen Auch wenn ich mich in erster Linie mit Leichtathletik beschäftigt habe, kenne ich die Verbandsstrukturen seit vielen Jahren. Ich habe die Angebote des Verbandes auch genutzt. Mir war immer klar, dass ich mich zum Beispiel bei Fragen des allgemeinen Vereinsrechts an den Stadtsportbund wenden kann.

Bert Gerkens war als Geschäftsführer des Stadtsportbundes kämpferisch, Axel Tillmanns innovativ. Wie sehen Sie sich? Sind Sie eher Diplomat oder Kämpfer?

Gathen Ich bin beides, zuerst Diplomat, dann Kämpfer. Wenn man immer mit der Axt durch die Tür will, erreicht man nichts, wenn man immer zurücksteckt, auch nicht. In erster Linie sehe ich mich aber als Handwerker: ich setze um. Für den politischen Bereich ist der Präsident zuständig.

Kennen alle Vereine die Angebote des Stadtsportbundes?

Gathen Das ist unterschiedlich. Natürlich kennen die meisten Vereine die Aus- und Fortbildungsangebote des Stadtsportbundes. Aber dass der Stadtsportbund auch Lobbyarbeit für die Vereine im politischen Bereich leistet und Beratungsangebote zur Entlastung der Vereine bereithält, ist nicht allen bewusst.

Werden Sie den Stadtsportbund neu ausrichten?

Gathen Axel Tillmanns hat den Stadtsportbund neu aufgestellt, das soll nicht verändert, sondern intensiviert werden. Die Arbeit soll transparenter werden. Der Stadtsportbund soll verstärkt als Dienstleister der Vereine wahrgenommen werden. Wir können die Vereine in vielen Fragen beraten. Die Vereine sind ehrenamtlich aufgestellt, es wird immer schwieriger, die bürokratischen Anforderungen zu erfüllen. Das ist im Ehrenamt zum Teil kaum noch machbar. Wir können helfen und unterstützen, denn die Bürokratie wird immer undurchsichtiger. Die Landesregierung hat zwar versprochen, dass der Aufwand verringert werden soll, aber meiner Erfahrung nach bedeutet ein solches Versprechen eher das Gegenteil. Mit der Umsetzung der EU-Datenschutzrichtlinie kommt noch einiges auf die Vereine zu. Sie ist sehr komplex. Es besteht die Gefahr, dass die Vereine überfordert werden.

Was kann der Stadtsportbund in diesem Zusammenhang tun? Brauchen die Vereine auf lange Sicht Vereinsmanager?

Gathen Es spricht einiges dafür, das Vereinsmanagement zu professionalisieren, aber das muss auch finanziert werden. Außerdem müsste so etwas vom Gesetzgeber begleitet werden. Heute ist es so, dass der Vereinsvorstand haftbar bleibt, auch wenn Managementaufgaben abgegeben werden würden.

Würde in diesem Zusammenhang das geplante Haus des Sports nicht die entsprechenden Möglichkeiten der Zusammenarbeit bieten? Wenn Stadtsportbund und Vereine in einem Gebäude untergebracht wären?

Gathen Dort ließen sich die Kräfte bündeln, das ist richtig. Allerdings wollen und können nicht alle Vereine ihre Geschäftsstellen ins Zentrum der Stadt verlegen. Aber es gibt zwei potenzielle Kandidaten, die sehr interessiert sind. In einem Haus des Sports könnte der Stadtsportbund die Vereine spürbar entlasten, der Kontakt wäre eng, Räume könnten gemeinsam genutzt werden. Am Berliner Platz wird durch den Auszug der GWSG Platz frei. Wir planen, den linken Flügel zu nutzen und das Haus des Sports erst einmal hier zu etablieren.

Es gibt immer neue Anforderungen an die Sportvereine. Beispielsweise die Nachfrage nach Reha-Sport wie Onko-Walking. Können Vereine das noch leisten?

Gathen Rehasport wird oft über das Sportbildungswerk angeboten. Das Bildungswerk ist ein eigener Verein, der aber eng mit dem Stadtsportbund zusammenarbeitet. Hier wird versucht, die Reha-Angebote erst einmal zu etablieren und später an die Vereine abzugeben. Das ist auch sinnvoll, weil für den Rehasport qualifizierte Übungsleiter akquiriert und die Angebote von den Krankenkassen akzeptiert werden müssen.

Im Bereich des Sports ist in den vergangenen Jahren viel Positives passiert. Alle Schwimmbäder sind saniert worden, es gibt neue Kunstrasenfelder und vieles mehr. Jetzt steht die Sanierung der Hallen an.

Gathen Ja, die Gelder stehen zur Verfügung. Es ist auch nötig, die Hallen anzugehen, denn viele sind aufgrund des Sanierungsstaus in einem schlechten Zustand, wodurch die Möglichkeit dort Sport zu treiben, teilweise eingeschränkt sind. Die eine oder andere Halle muss auch schon mal gesperrt werden. Allerdings reicht es noch nicht, das Geld zu haben. Es braucht auch Personal für Planung und Umsetzung. Das ist im Augenblick schwierig. Schon die Planer sind überlastet, und auch die Baufirmen haben mehr Aufträge als sie abarbeiten können.

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Ist der Stadtsportbund in die Planungen eingebunden?

Gathen Wir sind natürlich im Sportausschuss präsent, aber es gibt auch einen regelmäßigen Austausch mit dem Fachbereich. Wir sitzen einmal im Quartal zusammen. Die Zusammenarbeit ist sehr gut.

Der Stadtsportbund vertritt die Vereine auf Stadtebene. Sind alle Vereine automatisch Mitglied?

Gathen Nein, man muss die Mitgliedschaft beantragen. Momentan haben wir 208 Mitglieder, die Aufnahme eines weiteren Vereins läuft gerade. Die Mitgliedschaft bietet den Vereinen Vorteile: Mitglieder werden bei der Vergabe von Sportstätten vorrangig behandelt. Vereine, die Wettkampfsport anbieten, sind in der Regel durch ihren Fachverband zur Mitgliedschaft verpflichtet.

Mönchengladbach nennt sich mit Stolz Sportstadt. Ist der Titel berechtigt?

Gathen Ja, der Titel passt, sowohl was die Breite des Angebots als auch was die Erfolge angeht. Der Breitensport ist genauso gut etabliert wie die Vereine, die an nationalen und internationalen Meisterschaften teilnehmen.

Wie passt es zum Anspruch einer Sportstadt, auf die Sportlerehrung verzichten zu wollen?

Gathen Diese Frage möchte ich als Leichtathletiktrainer beantworten: Das ist ein völlig falsches Signal. Wenn Mönchengladbach Sportstadt sein will, darf man sich nicht nur auf Borussia und den Fußball verlassen, sondern auch die anderen Sportarten wertschätzen. Eine Sportstadt, die es nicht schafft, ihre besten Sportler in einem feierlichen Rahmen zu ehren, wird diesem Namen eigentlich nicht gerecht.

Es gibt immer neue Trendsportarten. Haben Sie einen Lieblingstrend?

Gathen Freeletics finde ich gut, allerdings ist das nur ein neuer Name für das gute alte Zirkeltraining. Aber wenn es den ganzen Körper fordert und durch Trainer begleitet wird, ist das eine tolle Sache. Freeletics verkauft sich eben besser als Zirkeltraining.

Sind die englischsprachigen Bezeichnungen als Marketinginstrument im Sport wichtig?

Gathen Die Bezeichnungen müssen aufmerksamkeitsstark sein. Pole dance beispielsweise hat einen verruchten Touch, ist aber ein anspruchsvoller Sport, Akrobatik an der Stange. Bei der Rollbrettunion zeigt sich, dass es nicht immer ein englischsprachiger Ausdruck sein muss. Sie hatte den Mut gehabt, einen deutschen Namen zu wählen und wurde vielleicht auch gerade deshalb wahrgenommen.

Sportvereine werden immer aufgefordert, ihre Nachwuchsprobleme durch Angebote im Offenen Ganztag der Schulen zu lösen. Wie sehen Sie das?

Gathen Das funktioniert deshalb nicht gut, weil die Ehrenamtler, die in den Vereinen das Training leiten, tagsüber keine Zeit haben. Großbritannien hat da ein interessantes Modell: Dort werden Trainer an den Schulen angestellt. Dieses Modell wäre auch in Deutschland denkbar. Gut ausgebildete Trainer haben wir genug.

Welches Projekt ist für Sie in diesem Jahr das wichtigste?

Gathen Ganz klar "Sport im Park". Nach den Sommerferien sollen an vielen tollen Plätzen in Mönchengladbach Sportangebote stattfinden. Zum Beispiel am Minto, im Hans-Jonas-Park, auf dem Kapuzinerplatz oder dem Rheydter Markt. Es soll eine Leistungsschau der Vereine werden. Sie sollen raus aus den Hallen und mit ihrem Angebot zu den Bürgern gehen. Das ist der Ansatz für die Zukunft: Die Vereine öffnen sich und präsentieren sich als Dienstleister. Auf Dauer wird die Entwicklung in diese Richtung gehen: Klassische Mitglieder werden weniger, es wird mehr Menschen geben, die bestimmte Angebote nur für eine bestimmte Zeit annehmen. Darauf müssen sich die Vereine einstellen und der Stadtsportbund hilft ihnen dabei.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN KARSTEN KELLERMANN, GEORG AMEND, ANGELA RIETDORF UND DIETER WEBER

(RP)
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