Serie Gladbacher Lesebuch (9): Stadtgrenze verlief quer über die Kegelbahn

Serie Gladbacher Lesebuch (9): Stadtgrenze verlief quer über die Kegelbahn

Die Autorin zog in der 1960er Jahren an die Rheydter Straße. Die Nachbarschaft traf sich bei "Billa", einer Kneipe zwischen zwei Städten.

Gladbach/Rheydt Die Zeiten ändern sich. Oder sie bleiben, wie sie sind. Geändert hat sich das Gegen- oder Miteinander von Gladbach und Rheydt. Konstant geblieben ist die Suche vieler junger Paare nach einer bezahlbaren Wohnung. Beides haben wir in den 1960er Jahren erlebt. Wir wohnten, jung verheiratet, im Sauerland. Dann bekam mein Mann, ein Ur-Gladbacher, eine Stelle in seiner Heimatstadt, aber keine bezahlbare Wohnung. Wir hatten zwar nach etlichen nervenden Behördengängen einen "Wohnberechtigungsschein" erhalten, aber das Papier blieb ein Papier. Bis wir den Gladbacher Architekten Peter Conrady kennenlernten und von ihm erfuhren, dass er an der Rheydter Straße neben der elterlichen Wirtschaft "Zur Grenze" ein Mietshaus errichten wolle.

Erster Stoßseufzer meines Mannes, als wir uns den zukünftigen Wohnplatz ansahen: "Ach nein, das ist ja fast in Rheydt!" Mein Seufzer klang anders: "Hier steht ja noch ein altes Haus. Abriss, Neubau, das kann dauern." Und es dauerte eineinhalb Jahre, bis das Achtfamilienhaus Rheydter Straße 367/369 bezugsfertig war und uns per "Benutzungsgenehmigung der Stadt Mönchengladbach die aus dreieinhalb Räumen bestehende Wohnung im vierten Stock links" zugeteilt wurde. Wir zogen ein und wurden damit zu "Grenzgängern". Aber das entdeckten wir erst später. Zunächst kam der dritte tiefe Stoßseufzer: Architekt Conrady hatte 1962 ein Haus ohne jegliche Zentralheizung gebaut. Das hieß investieren: 1000- Liter Öltank im viel zu kleinen Keller, in der Küche ein Ölherd, im Wohnzimmer ein Ölofen mit Gebläse ins Kinderzimmer, im Bad Infrarotstrahler, im Schlafzimmer nichts. Fortschritt hatten wir uns anders vorgestellt.

Das Haus an der Rheydter Straße 367/369 nach dem Neubau 1962. Acht Familien konnten in dem Haus leben. Die Kneipe nebenan blieb stehen. Foto: Hildegard Kremer

Dafür gab es hinter dem Haus einen kleinen Garten, eine Stange fürs Teppichklopfen - wir hatten einen Staubsauger - und einen Sandkasten. Dieses Idyll wurde ein behüteter Spielplatz für die acht Kinder, die nach und nach die Kinderzimmer der jungen Familien im Haus bevölkerten. Warum der Trennzaun zwischen Garten und anschließendem Garagenhof kein Törchen hatte, blieb aber ein Geheimnis des Architekten. Und nun kommt das Kuriosum: Unsere Garage, Nummer elf, lag auf Gladbacher Gebiet. Der Weg zu ihr führte aber über Rheydt. Denn die Grenze zwischen den damaligen selbstständigen Städten Gladbach und Rheydt folgte für mich keiner Logik, sondern, wie in alten Zeiten üblich, einem Bach, dem Grenzbach, der vom Hangbuschweg kommend quer über die Friedrich-Ebert-Straße zur Cecilienstraße, dann über den Lermenchesweg zum Grenzweg und weiter Richtung Volksgartenweiher und Bungt verlief.

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"Im Mittelalter hätte es dort vielleicht auch noch eine Zollstation gegeben", witzelte mein Mann. Aber was hätten die Kegelklubs, die in der Wirtschaft Conrady (Zur Grenze), im Nachbarschaftjargon liebevoll "bei Billa" getauft, zur Grenzführung gesagt? Aufsetzen der Kugel in Gladbach, alle Neune in Rheydt - so verlief die Grenze quer über die Kegelbahn. Bis Ende 1977 führte die Witwe Sibylle Ropertz, die Schwester von Architekt Conrady, die urige Gaststätte, die heute statt selbst gemachtem Kartoffelsalat mit Würstchen Pizza und Pasta anbietet. Leider ist die Verbindungstür mit den bleigefassten Wappen von Gladbach und Rheydt zwischen Gaststube und ehemaliger Kegelbahn längst verschwunden. Auch das "Rähmchen" im Gasthauseingang ist Geschichte. Für uns - eine Familie mit kleinem Geldbeutel - war es ein besonderer Genuss, ab und zu "bei Billa am Rähmchen" einen Tonkrug voll Hensenbier zu holen, ein schäumender, frisch gezapfter Abendschoppen - einfach lecker.

Sibylle "Billa" Ropertz war die Wirtin in der Kneipe "Zur Grenze". Foto: Hildegard Kremer

Das ehemalige "Zur Grenze" ist auch heute noch eines der kleinen Häuser linksseitig am Ende der Rheydter Straße. Damals war "bei Billa " eine Kneipe, die nur am Wochenende deftige Speisen anbot, aber mit einem grenzgängigen Stammpublikum punktete. Denn Sibylle Ropertz war mehr als eine Thekenchefin, sie war Beichtmutter und Ratgeberin für hilfesuchende oder mitteilungsbedürftige Gäste. Unvergessen sind auch die von einer heulenden Trauergemeinde begleiteten Hoppediz-Beerdigungen, die ohne Grenzpassierschein Gladbacher und Rheydter Jecken vereinte.

Für die Kinder im Haus Rheydter Straße 367/369 war das Grenzgebiet trotz starker Bebauung und belebter Durchgangsstraße ein toller privater "Kindergarten". Der kleine umzäunte Hof mit Sandkasten war Inspirationsplatz zum Burgenbauen und Hüttengestalten. Als die Knirpse älter wurden, war die grüne Wildnis, heute längst bebaut, des großen Conrady-Geländes, bestückt mit Bäumen, Beerensträuchern und Brennnesseln jenseits vom Lermenchesweg Kletterwald und Indianerreservat. Da unser Sohn beim Heimweg den Umweg über Rheydt scheute, bevorzugte er die Abkürzung über die Garagendächer, hangelte sich an der Teppichstange Richtung Sandkasten und verschwand durch die offen stehende Kellertür Richtung dritte Etage.

Die Kinder jungen Familien, die im Achtfamilienhaus wohnten, hatten hinter dem Haus ein kleines Paradies mit einem eigenen Sandkasten. Foto: Hildegard Kremer
(RP)
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