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Wie der Fußballkreis Mönchengladbach-Viersen den Schiri-Schwund stoppen will​

Hohe Austrittszahlen im Verbandsgebiet : Wie der Kreis den Schwund der Schiris stoppen will

Die Zahlen der aktiven Schiedsrichter sind weiter rückläufig: Der Fußballkreis Mönchengladbach-Viersen hat vor einigen Monaten eine Arbeitsgruppe gegründet, um Probleme auszumachen und Lösungen zu finden. Was der Kreis plant und wieso Trainer, Spieler und Schiedsrichter gleichermaßen in der Pflicht sind.

„Mitte der 1990er-Jahre“, so erinnert sich Tim Stettner, Vorsitzender des Fußballkreises Mönchengladbach-Viersen, „da waren mit mir so viele Jung-Schiedsrichter – also unter 18-Jährige, die nur im Jugendbereich pfeifen – im Einsatz, dass wir Partien bis zu den E-Junioren besetzen konnten.“ Aktuell kann der Kreis noch auf etwa zehn Jugendliche zurückgreifen. „Es werden in dem Alter leider immer weniger, die den Weg als Schiedsrichter einschlagen. Das ist schade, weil genau diese jungen Schiris natürlich noch viel Potenzial mitbringen, ausgebildet zu werden“, sagt Stettner. Der Rückgang spiegelt sich aber auch in den Zahlen aller pfeifenden Schiedsrichter wieder. Zu seiner Anfangszeit als Schiedsrichter, berichtet Stettner, seien es im Fußballkreis Mönchengladbach-Viersen noch über 200 Unparteiische gewesen, in der aktuellen Erhebung kommt man hier noch auf 120. Ein stetiger Rückgang, der auch in den vergangenen Jahren zu beobachten war. 2019 waren es noch 150 Schiedsrichter, 2021 dann 131.

 Tim Stettner ist Vorsitzender des Fußballkreises Mönchengladbach-Viersen und war lange selber Schiedsrichter.
Tim Stettner ist Vorsitzender des Fußballkreises Mönchengladbach-Viersen und war lange selber Schiedsrichter. Foto: Sebastian Kalenberg
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Natürlich ist der Schiedsrichter-Schwund im hiesigen Fußballkreis kein exklusives Phänomen, sondern ein Problem, mit dem sich alle Kreise und Verbände auseinandersetzen müssen. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen, die der DFB in seiner Mitgliederstatistik erhoben hat. Im WM-Jahr 2006 waren im gesamten Verband 81.372 Schiedsrichter gemeldet, knapp zehn Jahre später waren es noch 58.171 und heute sind es 50.241. Der Fußballverband Niederrhein (FVN) weist in den vergangenen fünf Spielzeiten einen Rückgang von 383 Schiedsrichtern auf (2017/18: 2527, 2021/22: 2144), am Mittelrhein (FVM) sind es 207 Schiedsrichter weniger als noch vor fünf Jahren (2017/18: 2033, 2021/22: 1826).

Was ein Blick auf die Zahlen aber auch zeigt: Ein akutes Problem bei der Ausbildung neuer Schiedsrichter hat der deutsche Fußball eigentlich nicht. Klammert man die Corona-Saison 2020/2021 aus, als viele Lehrgänge abgesagt werden mussten, dann kamen jährlich 6.000 bis 8.000 neue Schiedsrichter hinzu. Vielmehr Sorgen machen die Zahlen bei den Austritten zuvor aktiver Schiedsrichter. Die lagen in den fünf zurückliegenden Spielzeiten laut DFB stets im fünfstelligen Bereich. 2017/18 waren es 16.841 Unparteiische, die ihre Pfeife zur Seite legten, in der abgelaufenen Spielzeit hörten 10.368 Schiedsrichter auf. Tim Stettner kann diesen Trend für den FVN und den Fußballkreis bestätigen. „Es werden hier im Verband Hunderte neue Schiedsrichter ausgebildet, im selben Zeitraum hast du aber auch Hunderte wieder verloren. Wir haben also insbesondere beim Erhalt der Schiedsrichter ein Problem, weniger bei der Ausbildung“, so Stettner.

Mit diesen beiden Aufgabengebieten – also der Ausbildung neuer Schiedsrichter und dem Erhalt der bestehenden Unparteiischen – beschäftigt sich seit einigen Monaten ein Arbeitskreis in Mönchengladbach-Viersen und entwickelt für beide Bereiche Lösungsansätze. So gab es zuletzt beispielsweise zum ersten Mal im Kreis einen Vortrag eines Schiedsrichters beim Ausbildungslehrgang für Trainer. Dabei sollte nicht nur für die Schiedsrichterei geworben werden, sondern auch das gegenseitige Verständnis gefördert werden. Hier sieht auch Tim Stettner einen wichtigen Ansatzpunkt zur Verbesserung der gegenwärtigen Situation. „Aus meiner Sicht sind die Nähe und das Verhältnis zwischen Schiedsrichtern und Vereinen ausbaufähig. Das muss gefördert werden und hilft dem gegenseitigen Respekt.“ So könne das Klima auf den Fußballplätzen verbessert werden – am Ende eine Win-Win-Situation für beide Seiten.

Denn die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt auch, dass unter den ausgetretenen Schiedsrichtern das Alter eine untergeordnete Rolle spielt, oft seien es andere Gründe, die Unparteiische zum Aufhören bewegen. Das können veränderte Lebensvorstellungen sein, aber auch negative Erlebnisse auf dem Platz oder das Gefühl, als Schiedsrichter alleine zu sein. „Ich kenne das ja aus eigener Erfahrung: Das Schiedsrichterwesen ist kein Teamsport, auf dem Platz bist du alleine“, sagt Stettner. „Umso wichtiger ist es, dass du dir deine Community suchst mit anderen Schiedsrichtern des Kreises oder des Verbandes. Das passiert eigentlich über regelmäßige Schulungen und andere Treffen.“ Veranstaltungen, die in den vergangenen zwei Jahren kaum bis gar nicht stattfinden konnten. Und für den Fußballkreis Mönchengladbach-Viersen kommt eine zweite Problematik hinzu, die das Bilden einer eingeschworenen Gemeinschaft unter den Schiedsrichtern erschwert. Aktuell gibt es keine festen Räumlichkeiten für die Aktivitäten der Schiedsrichter. „Jahrzehntelang war es das Lokal ‚Alt Eicken‘. Seit dem Abriss gibt es keinen festen Anlaufpunkt für unsere Schiedsrichter: Das ist wie bei einem Verein, der kein Vereinsheim hat. Wir haben das Problem noch nicht aus der Welt schaffen können, arbeiten aber an einer Lösung und suchen nach geeigneten Räumlichkeiten.“

Darüber hinaus hat sich der Arbeitskreis dafür eingesetzt, dass es neben den Hybrid-Lehrgängen vom FVN auch wieder Lehrgänge vor Ort geben wird (siehe Info). „Wir wollen die Schiedsrichter ja lokal binden, da kann es helfen, sie auch hier auszubilden.“ Um den lokalen Ansatz zu fördern, wirbt der Fußballkreis in seiner neuen Kampagne zudem mit bekannten Testimonials aus dem hiesigen Amateurfußball. Dafür hat der Kreis unter anderem Alexander Schuh (SC Victoria Mennrath) oder auch Dieter Kauertz (Stadtsportbund / 1. FC Mönchengladbach) gewonnen. „Früher wurden Plakate mit Florian Meyer oder Thorsten Kinhöfer aufgehangen. Die kannte man vielleicht aus dem Fernsehen, aber das ist sehr weit weg. So haben wir einen lokalen und regionalen Ansatz gefunden“, erklärt Stettner.

Kein großer Fan sei der Kreisvorsitzende von der strikten Handhabe über Strafen, die Vereine auferlegt bekommen, wenn sie die festgeschriebene Anzahl an Schiedsrichtern nicht stellen. „In vielen Verbänden gibt es dafür sehr harte Strafen: Da ist von sehr hohen Geldstrafen bis zum Eingreifen in den sportlichen Wettbewerb durch Punktabzüge oder Zwangsabstiege theoretisch alles möglich. Ich finde es aber besser, wenn man mit einem Belohnungssystem arbeitet und die Vereine finanziell entlohnt, die sich intensiv für Schiedsrichter einsetzen.“ Generell sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Kreis, Vereinen und Schiedsrichtern aus Stettners Sicht der Weg zum Erfolg. Aus diesem Grund gab es auch am vergangenen Freitag vor dem Eröffnungsspiel der Kreisliga A eine Info-Veranstaltung der Schiedsrichter für alle Trainer und Spielführer. „Auch auf diese Weise soll der Austausch weiter gefördert werden“, so Stettner.