1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach
  4. Regionalsport

Tennis: Wie Tim Sandkaulen vom Gladbacher HTC an seiner Profikarriere arbeitet

Tim Sandkaulen vom Gladbacher HTC : Aus Mönchengladbach raus in die Welt der Tennisprofis

Tim Sandkaulen ist der Lokalmatador beim Gladbacher HTC. In diesem Jahr debütiert der 24-Jährige als Profispieler, die Reife dazu holte er sich auf dem College in den USA. Ganz unten auf der Profitour ist der Tennissport jedoch zunächst ein Minusgeschäft.

59 Minuten. Dann war die Sache durch. 6:4 und 6:2 stand auf der Anzeigetafel im Doppelfinale der Wilhelmshöhe Open in Kassel, das Siegerduo hieß Tim Sandkaulen und Constantin Frantzen. Dafür gab es eine kleine Glastrophäe in Form eines Regentropfens zum Hinstellen, 25 Punkte für die Weltrangliste und immerhin rund 1000 Euro an Preisgeld. Zum Leben im Prinzip zu wenig, zum Träumen aber reicht es vorerst. Für Sandkaulen war es Mitte Juli eine gute Woche in Kassel. Nicht nur sportlich, sondern auch für den Geldbeutel. „Bei dem Turnier gab es für die Spieler eine bezahlte Unterkunft. Das ist selten. Wenn man ansonsten sechs Nächte für ein Hotel bezahlen muss, ist vom Preisgeld fast alles weg“, sagt Sandkaulen.

Wenn Sandkaulen, 24, im Bundesliga-Kader des Gladbacher HTC steht, dann stellt ihn Teamchef Henrik Schmidt den Zuschauern immer als „unseren Lokalmatadoren“ vor. Sandkaulen ist Mönchengladbacher, seinen Eltern gehörte viele Jahre die Tennishalle in Giesenkirchen. „Ich habe quasi in einer Tennishalle gewohnt“, sagt er. Seit rund zehn Jahren spielt Sandkaulen für den Gladbacher HTC, debütierte 2014 mit 16 Jahren in der Bundesliga, wurde in dieser Zeit deutscher U18-Meister und spielte Junior-Daviscup an der Seite von Alexander Zverev. „Los Timi“ oder „Auf geht’s Timi“, rufen ihm die Leute bei Bundesliga-Heimspielen zu. Sie haben ihm hier aufwachsen sehen.

 Mit 16 Jahren bestritt er sein erstes Bundesliga-Spiel
Mit 16 Jahren bestritt er sein erstes Bundesliga-Spiel Foto: Henrik Schmidt
  • Die Spielvereinigung Kessel hat mittlerweile zwei
    Jetzt unter dem Dach der Spielvereinigung : Neustart für Tennissport in Kessel
  • Tim und Lena Oberdorf.
    Halbfinale Frauen-EM : Wie Schwester Lena Fortunas Tim Oberdorf stolz macht
  • Lynn Krings hat den Sprung in
    Hockey : Lynn Krings vom CHTC hat klare Ziele

Seit dieser Saison ist Sandkaulen nun Profispieler. Dafür löste er die entsprechenden Lizenzen beim Weltverband ITF (International Tennis Federation) und der Spielervereinigung ATP (Association of Tennis Professionals), die es für eine jährliche Gebühr gibt. 17 Turniere hat er seitdem gespielt, unter anderem in Marokko, Kroatien, Bosnien, Tschechien, Belgien, Lüdenscheid und Marburg. Neben Kassel gewann er an der Seite von Constantin Frantzen ebenfalls die Doppelkonkurrenz in Meerbusch und im tschechischen Most. Viele Reisekilometer, ein paar Punkte für die Weltrangliste, kaum Einkünfte. Es ist das Leben eines Tennisprofis, der sich zu Beginn seiner Karriere ganz unten an der Leistungstreppe anstellen muss – und für den die ersten Schritte in der Regel durch das Stockwerk der ITF Tour führen, früher die Future Tour. Es ist die dritthöchste Turnierkategorie hinter der ATP- und der Challenger Tour. Niemand möchte lange auf der ITF Tour spielen.

„Finanziell ist das sehr, sehr dünn“, sagt Sandkaulen, der als Tennisprofi quasi als selbstständiger Unternehmer unterwegs ist. „Wenn man anfängt, ist das System im Tennis undankbar. Die Top-Leute verdienen gutes Geld, aber die Diskrepanz nach unten ist zu groß.“ Er habe jedoch gewusst, was da auf ihn zukommt, deswegen sei das momentan kein Problem, so Sandkaulen. Er zehrt von Rücklagen und früheren Preisgeldern, auch seine Eltern unterstützen ihn. Dazu kommt durch seine Einsätze in der Bundesliga Geld in die Reisekasse. Wenn er in Mönchengladbach ist, trainiert ihn Daniel Puttkammer beim GHTC. Ansonsten kann er sich noch keinen Trainer leisten. Das würde zusätzliche Kosten durch Tageshonorare, Hotel und Verpflegung bedeuten – das ist im Moment nicht drin. Zumindest mit seinem Doppelpartner kann er regelmäßig unterwegs trainieren. Denn das Leben als Profi ist aktuell ein Minusgeschäft, wie eigentlich für jeden Spieler auf der ITF Tour. Einziges Ziel: So schnell wie möglich raus aus der Tour, ins nächste Stockwerk, der Challenger Tour, dort wo langsam Licht auf eine Karriere fällt.

„Im Moment probiere ich, die höher dotierten Turniere der ITF Tour zu spielen, um dann in die Challenger reinzukommen. Erstens gibt es dort mehr Punkte, zweitens auch mehr Geld“, sagt Sandkaulen. Für den Sieg in Meerbusch, einem geringer dotierten Turnier der ITF Tour, erhielt er 15 Punkte für die Weltrangliste; die gleiche Anzahl an Punkten gibt es bereits für die erste Runde bei einem Challenger. Und die Punkte braucht Sandkaulen. Denn über eine Teilnahme an einem Challenger-Turnier entscheidet am Ende die Platzierung in der Weltrangliste: Je höher das Ranking, desto größer die Chancen, berücksichtigt zu werden.

Bislang spielt Sandkaulen beides: Doppel und Einzel. Gerade im Doppel ist er im Ranking zuletzt deutlich gestiegen. Aktuell steht er auf Platz 371 der Weltrangliste, das reicht gelegentlich bereits für Challenger-Turniere. In der Bundesliga für den GHTC bestreitet Sandkaulen ebenfalls zumeist die Doppel; und womöglich liegt für ihn darin zunächst die lukrativere Chance, sich als Profi zu etablieren. „Im Doppel habe ich ein besseres Niveau. Ich kann das Spielgeschehen gut antizipieren und ich spiele ganz gute Volleys, die ich im Doppel viel besser einsetzen kann als im Einzel. Ich fühle mich im Doppel auch selbstbewusster, weil ich da mehr Erfolg hatte“, sagt Sandkaulen. Insbesondere am Netz fällt seine Reaktionsschnelligkeit auf, er schlägt die Filzbälle nicht nur einfach zurück, sondern platziert sie zumeist unerreichbar für den Gegner. Im Einzel steckt er hingegen noch auf Platz 1052 der Weltrangliste fest. Die Einzelauftritte bieten ihm derzeit aber zusätzliche Spielpraxis. Auch das ist wichtig zu Beginn einer Karriere.

Den Profitraum verfolgt Sandkaulen schon lange. Bei den Junioren erreichte er im Doppel unter anderem das Halbfinale der French Open und trainierte am Bundesstützpunkt in Hannover. In der Förderung des Deutschen Tennis-Bundes blieb ihm irgendwann jedoch der Aufstieg vom damaligen C- in den B-Kader verwehrt. Das war mit ein Grund, weshalb er einen anderen Weg einschlug: den über ein Sportstipendium in den USA. Jeden Sommer suchen die Trainer der amerikanischen Universitäten auch in Deutschland nach Talenten, Sandkaulen traf sich mit einigen, hörte sich deren Angebote an und bekam schließlich die Zusage der Ole Miss University in Oxford, Mississippi; ein College mit rund 25.000 Studenten. Dort bekam er ab 2016 die Förderung als Tennisspieler und studierte nebenbei Marketing- und Kommunikationswissenschaften. Ein komplett neues Leben für den damals 18-Jährigen fernab der Tennishalle in Giesenkirchen.

„In den ersten paar Monaten hatte ich wenig Ahnung davon, wie groß der Sport dort ist und wie dieser gefördert wird. Das merkt man aber, wenn ab September die Footballsaison losgeht. Als ich mein erstes Spiel besucht habe, waren 75.000 Zuschauer im Stadion – beim College-Football. Die Ressourcen und das Geld, die in dem System stecken, das ist unglaublich“, sagt Sandkaulen.

 Am College in den USA reifte er zum Profispieler
Am College in den USA reifte er zum Profispieler Foto: Tim Sandkaulen

Morgens von 7 bis 8.30 Uhr Fitness, dann zwei Stunden Unterricht, zwei Stunden Training, Physiotherapie und wieder Unterricht. So der regelmäßige Tagesablauf. „Abends kommt man um halb sieben nach Hause und denkt sich: Heute habe ich nicht eine freie Minute gehabt“, sagt Sandkaulen lachend. Zusätzlich nahm er für seine Universität an der College-Liga teil. „Alleine körperlich, aber auch menschlich, habe ich mich am College enorm entwickelt, ich bin selbstbewusster und eigenständiger geworden. Das ist etwas, das man auch auf der Tennis-Tour braucht. Alleine irgendwo hinzufliegen in ein fremdes Land – wäre ich jetzt nicht auf dem College gewesen, hätte ich das nun wahrscheinlich alles nicht so leicht wegstecken können, wie ich das jetzt tue.“ Einen ähnlichen Weg über das College in den USA wählte auch der Kölner Andreas Mies, der mit Kevin Krawietz 2019 und 2020 die Doppelkonkurrenz bei den French Open gewann. Im Vorjahr trainierte Sandkaulen einige Male mit Mies in Köln. „Was Andi geschafft hat, das wäre schön, wenn ich das auch mal erreichen könnte“, sagt Sandkaulen.

Wie ihn die fünf Jahre am College sportlich vorangebracht haben, zeigte sich 2019 und 2021 in der Bundesliga: Sandkaulen gehörte im Doppel zu den Stammkräften des Gladbacher HTC. „Im vergangenen Jahr war ich gerade fertig mit dem College, hatte dort eine erfolgreiche Doppel-Saison hinter mit, und jedes Mal, wenn ich im Kader stand, habe ich gespielt. Das hat mir viel Selbstvertrauen gegeben“, sagt Sandkaulen. Für ihn sei das ein ausschlaggebender Faktor gewesen, es dieses Jahr nun als Profi zu probieren.

Für ihn steht im August nun die Reise in die USA an, zur dortigen Saison auf Hardcourt. Im kommenden Jahr möchte er dann Bilanz ziehen: Wie weit ist er gekommen? Lohnt sich das noch? Denn so erstrebenswert der Traum als Tennisprofi scheint, Sandkaulen blickt realistisch auf seine Möglichkeiten. „Wenn ich nächstes Jahr immer noch da stehe, wo ich jetzt bin, dann will ich auch herausfinden, was ich für ein Mensch außerhalb des Tennisplatzes bin. Dafür habe ich das Studium. Ich werde dem Tennis aber immer verbunden bleiben, dafür liebe ich den Sport viel zu sehr“, sagt der 24-Jährige. Natürlich hofft er aber, dass er im kommenden Jahr eine andere Bilanz ziehen kann, eine, die vielversprechende Tendenzen für die Zukunft erahnen lässt. Seine optimale Vorstellung in drei Jahren: „Ich würde mich gerne bei den Grand Slams sehen, dass ich bei den größten Turnieren im Doppel mitspielen kann. Und der Davis-Cup wäre auch ein Traum, ein Doppel vor heimischem Publikum.“ Und ganz allgemein: von Tennis leben zu können.