Stadtsportbund Mönchengladbach spricht über die Zukunft

Interview Wolfgang Rombey, Christof Wellens und Johannes Gathen : „Unser Anspruch ist, dass jedes Kind Sport treibt“

Wie geht es dem Gladbacher Sport am Ende des Jahres 2018? Was sind die Sorgen und Nöte der Vereine? Was sind die Projekte für 2019? Und vor allem: Wie zukunftsfähig ist der Sport in der Stadt? Antworten auf diese Fragen geben Stadtsportbund-Präsident Wolfgang Rombey, sein Vize Christof Wellens und Geschäftsführer Johannes Gathen.

Wie ist der Zustand des Gladbacher Sports am Ende des Jahres 2018?

Rombey Sorge macht uns die Mitgliederentwicklung. 17,3 Prozent der Erwachsenen in Mönchengladbach treiben aktiv organisierten Sport, das ist aus unserer Sicht zu wenig. Darum hatten wir unsere gesamte Agenda im vergangenen Jahr darauf gerichtet, wie wir mehr Menschen dazu bewegen können, Vereinssport zu betreiben. Das wird auch 2019 ein Schwerpunkt sein.

Ein Großprojekt 2018 war Sport im Park. Damit sollte der Vereinssport an die Bürger herangebracht werden. Wie ist die Bilanz?

Rombey Wir hatten leider nur 1000 Teilnehmer. Wir hatten auf die doppelte Anzahl gehofft. Wir haben das analysiert und werden für das nächste Jahr unsere Schlüsse daraus ziehen. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dafür, dass wir die Menschen mit den 32 Angeboten, die es an verschiedenen Orten der Stadt gab, nicht so recht erreicht haben. Es war sehr warm, vielleicht waren einige Orte nicht so gut gewählt. Es wird aber definitiv eine Neuauflage von Sport im Park und des Familiensport-Tages geben. Denn wir glauben, dass wir durchaus Sportinteressierte erreichen können, wenn wir an den nötigen Stellschrauben drehen. Auch beim Turmfest werden wir aktiv dabei sein.

„Sport im Park“ sah Aktionen an unterschiedlichen Orten vor. Hier gab es Squaredance auf dem Alten Markt. Foto: Reichartz,Hans-Peter(hpr), Reich/Reichartz,Hans-Peter (hpr)

Trotz aller Öffentlichkeit ist es schwer, die Bürger zu erreichen. Ist Vereinssport noch zeitgemäß?

Rombey Der Vereinssport ist und bleibt eine Grundfeste unseres Sportsystems. Im Zuge der Individualisierung der Gesellschaft ist es sicherlich leichter, sozusagen Sport aus dem Automaten zu ziehen. Doch man darf die soziale Komponente der Vereine nicht unterschätzen. Vereinsleben hat mit Gemeinschaft, Solidarität und Geselligkeit zu tun. Gerade in unserer immer individualisierteren Gesellschaft, in der auch eine gewisse Orientierungslosigkeit herrscht, brauchen die Menschen Bezugspunkte im Quartier – und das können nach wie vor die Vereine sein.

212 Vereine gibt es in Gladbach. Was ist die Boom-Sportart?

Rombey Die Sportart, die nach wie vor den größten Zulauf hat, ist der Fußball mit 10.550 Mitgliedern, gefolgt vom Turnen mit 7800 Mitgliedern. Wobei wir da nicht nur über die klassischen Turnangebote sprechen, sondern ein modernisiertes Angebot. Die drittgrößte Sportart der Stadt ist der Handball mit 3340 Mitgliedern vor dem Tennis mit 3100, den Schwimmern und Rettungsschwimmern, den Leichtathleten und den Behindertensportarten, das sind die Sparten mit über 1000 Mitgliedern in den Vereinen. Auch der Verein American Sports gehört zu den aufstrebenden Vereinen.

In Gladbach gibt es auch einen der wenigen Skateboard-Vereine, die Rollbrett Union. Eigentlich ist das Skateboarden ein typischer Individualsport.

Gathen Auch da haben die Mitglieder gemerkt, wie stark das Gemeinschaftsgefühl ist. Da heißt es dann Community, doch es meint dasselbe: Man trifft sich, treibt gemeinsam Sport. Das ist eine sehr wichtige Entwicklung für den Sport in der Stadt. Es geht dabei nicht nur um den Sport, da sprechen wir auch über Sozialarbeit. Die Rollbrett Union hat daher nochmal eine Anschubfinanzierung von 40.000 Euro von der Stadt bekommen, die auf die nächsten zwei Jahre verteilt werden.

Vor allem fehlende Platz- und Hallenangebote sind ein Streitpunkt zwischen Verwaltung und Vereinen.

Rombey Man kann ja verstehen, wenn Vereine wie American Sports MG mehr Platz einfordern, weil sie aus allen Nähten platzen. Wir sind immer mit der Sportverwaltung im Dialog und setzen uns auch für die Vereine ein. Allerdings müssen die Vereine auch Verständnis aufbringen, dass nicht nur aufgrund eines Trends sofort ein Platz gebaut werden kann. Probleme gibt es vor allem da, wo sich mehrere Vereine einen Platz teilen.

Wie zum Beispiel in Beckrath, wo Blau-Weiss Wickrathhahn und der SV Wickrathberg zusammen den neuen Kunstrasenplatz bespielen.

Rombey Richtig. Es ist ja auch bei Viktoria Rheydt und dem FC Maroc so, oder beim Polizei SV und Welate Roj. Grundsätzlich sollten Sportler aber auch miteinander umgehen können, das versuchen wir in den Gesprächen mit der Verwaltung und den Vereinen anzubringen. Im Hockey zum Beispiel gibt es ja mittlerweile in Rheydt zwei Vereine, da machen wir mit den Klubs eine Mediation, um sie wieder zusammenzubringen. Denn die Zersplitterung eines Sports macht keinen Sinn. Das Ziel war, einen Hockeyverein zu haben, jetzt sind es drei. Das hilft niemandem.

Sind die Vereinsstrukturen für Kooperationen gemacht?

Rombey Ob die alten Strukturen mit großen Vorständen und vielen Posten hilfreich sind, muss man überlegen. Ein kleinerer Vorstand, der schneller entscheiden kann, wäre vielleicht sinnvoller. Auch eine professionelle Geschäftsstelle wäre zu bedenken, je nachdem wie groß der Verein ist.

Das können sich die meisten Vereine nicht leisten. Da kommt das von Ihnen angedachte Haus des Sports ins Spiel. Da könnten Vereinsmanager sitzen, die sich um mehrere Vereine kümmern.

Wellens Das ist mit der Idee vom Haus des Sports klar verbunden. Man könnte den Vereinen zum Beispiel die Mitgliederverwaltung abnehmen. Man darf nicht vergessen, dass immer mehr Vereine Probleme haben, die Ehrenämter zu besetzen. Da kann es eine Perspektive sein, dass wir solche Aufgaben übernehmen. Das wäre sogar sinnvoll. Nehmen wir den 1. FC Mönchengladbach: Da mussten drei Versammlungen anberaumt werden, bevor ein Vorstand ordentlich gewählt war. Eine zentralisierte Mitgliederverwaltung könnte solche Probleme auffangen. Man muss sich klarmachen, dass die Verantwortung, einen Verein zu führen, viel größer geworden ist. Dazu müssten die Vereine aber bereit sein.

Sind sie das nicht?

Wellens Momentan nicht. Momentan sehen wir, dass viele Vereine vor sich hin wurschteln und Möglichkeiten, die wir anbieten, nicht oder kaum annehmen. Das ist schade.

Wie ist der Stand beim Haus des Sports? Es wird über das Altensportzentrum in Holt gesprochen.

Wellens Wir haben unseren Wirtschaftsplan vorgelegt. Es gab einen runden Tisch mit der Verwaltung und der Sozialholding. Nun werden die Ansätze geprüft. Das Selbstverständnis des Stadtsportbundes ist, Dienstleister der Vereine zu sein. Gerade in den vergangenen zwei Jahren wurde das extrem kommuniziert.

Ist es trotzdem nicht angekommen?

Rombey Die Vereine kommen meistens erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Dann können wir oft nichts mehr tun. Wir machen aber jederzeit bei der Verwaltung und auch im Sportausschuss die Position der Vereine deutlich. Daher müssen uns die Vereine mitnehmen, wenn sie Sorgen und Nöte haben.

Sind die Schwellenängste zu groß?

Wellens Ein Problem ist, dass der Nachwuchsmangel im Ehrenamt dazu führt, dass die Vereinsvorstände teilweise überaltert sind und sich daher neuen Wegen nicht so schnell öffnen. Aber es gibt genügend Informationsveranstaltungen wie unsere Kurz-und-Gut-Seminare, die helfen können. Unser Tipp ist generell: Die Vorstände verkleinern und dafür lieber eine Bürokraft haben, die Verwaltungsaufgaben nachhalten kann.

Müssen die Vereine kreativer werden? Töpfe für den Sport gibt es auch im Landessportbund genug.

Rombey Zum Beispiel stehen ja jetzt Gelder bereit für Vereine, die die vereinseigene Anlage renovieren oder ausbauen wollen. Das sind rund 3,5 Millionen Euro. Noch gibt es aber keinen Kriterien-Katalog. Der soll bis Ende Januar, Anfang Februar vorliegen, dann soll das über den Stadtsportbund abgewickelt werden. Wenn wir den Kriterienkatalog haben, werden wir auf die Klubs zugehen, sie können sich dann mit ihren Konzepten bewerben.

Wie ist es die Situation bei den Außensportanlagen? Da hat sich viel getan.

Rombey Es ist anerkennenswert, dass es die Stadt mithilfe des Sportstätten-Entwicklungsplans trotz des Deckungshaushaltes geschafft hat, in Sportanlagen, insbesondere in die Außensportanlagen, zu investieren. Wir haben aber kritisch angemerkt, dass dabei die Leichtathletik-Anlagen auf der Strecke geblieben sind. In den Bezirkssportanlagen sind zum Beispiel die Rundlaufbahnen weggefallen. Das ist ein Problem, unter anderem für die Bundesjugendspiele und das Sportabzeichen.

Gathen Auch der Schulsport ist davon betroffen. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist, dass das in Hardt passiert ist, wo wir eine Sportschule haben. Man braucht die Bahnen nicht nur für die Leichtathletik, sondern für jegliches Grundlagen-Training. Wenn sich alles nur noch auf das Grenzlandstadion konzentriert, bekommen wir ein Problem.

Im Grenzlandstadion, hier beim Familiensport-Tag, gibt es noch eine Laufbahn, in vielen sanierten Stätten fällt sie inzwischen weg. Foto: Georg Amend

Ist Gladbach zu Fußball-lastig, ist die Sportstadt eine Fußballstadt?

Gathen Tendenziell ist Gladbach eine Fußballstadt. Dabei spielt Borussia natürlich eine Rolle. Sie hat eine extreme Anziehung und die Vereine profizieren davon.

Auch der Stadtsportbund, er hat durch Borussia extrem viele Mitglieder.

Wellens Sicherlich haben wir dadurch sehr viele Mitglieder. Aber wenn es um den Sport in der Stadt geht, rechnen wir die passiven Mitglieder Borussias inzwischen raus. Wir sagen nicht mehr, dass wir 127.500 Mitglieder haben, sondern 46.690 aktive Sportler. Darum haben wir ja nur noch 17,3 Prozent aktive Sportler. Man muss noch zu bedenken geben, dass viele aktive Sportler Mehrfachmitgliedschaften haben, also in zwei, drei oder sogar vier Vereinen angemeldet sind.

Mit den bereinigten Zahlen: Ist Gladbach wirklich eine Sportstadt?

Wellens Dass wir da noch viel Arbeit haben, liegt auf der Hand. Eigentlich ist unser Anspruch, dass jedes Kinder in der Stadt Sport treibt. Deshalb gehen wir auch in die Schulen, um den Kindern den Vereinssport näher zu bringen.

Für viele Familien sind die Mitgliedsbeiträge der Vereine ein Grund, die Kinder nicht anzumelden.

Gathen Das muss aber nicht sein. Es gibt Programme, die Eltern unterstützen können, zum Beispiel das Bildungs- und Teilhabepaket. Wer Sport treiben will, kann auch Sport treiben. Es muss nicht jeder ein Hochleistungssportler sein. Unsere Aufgabe ist es, die Kinder für den Sport im Verein zu begeistern.

Wie kriegt man das hin?

Rombey Um die Jugendlichen für den Sport zu begeistern, gibt es ab 2019 den sportmotorischen Test in einigen Grundschulen der Stadt. Mit den Kindern, die bewegungsaffin sind, machen wir eine Talentiade im Grenzlandstadion. Dabei können die Kinder verschiedene Sportarten ausprobieren und sich dann bestenfalls etwas aussuchen. Für die Kinder mit Bewegungsdefiziten richten wir an den Schulen Fördergruppen ein, im vierten Schuljahr gibt es einen Re-Check, um zu prüfen, ob es etwas gebracht hat.

Gathen Wichtig ist auch, nicht immer den Leistungsgedanken in den Vordergrund zu stellen. Man muss die Kinder für den Sport und die Bewegung begeistern. Wenn sie im Verein sind, bleiben sie dabei, das ist unsere Erfahrung. Über die Kinder kommen dann auch nicht selten die Eltern zu den Vereinen.

Haben die Vereine ausreichend Angebote, die Menschen zu locken?

Gathen Sicherlich müssen sie sich in einigen Fällen etwas bewegen und die Angebote modernisieren. Das ist der Auftrag, den die Vereine haben. Für uns wird es verstärkt darum gehen, die Kinder über die Schulen zu erreichen. Da haben wir den höchsten Deckungsgrad. Es ist nicht mehr so, dass alle zwangsläufig zu den Vereinen kommen, die Vereine müssen die Menschen abholen.

Das heißt, der Schulsport muss aufgewertet werden in der Wahrnehmung?

Gathen Generell müssen Schul- und Vereinssport mehr zueinanderfinden. Ein wichtiger Faktor sind die Ganztagsangebote der Schulen. Da können sich die Vereine einbringen. Aber das alles ist weder finanziell noch strukturell ausgestaltet. Einfach irgendwas zu machen, spielt den Vereinen nicht in die Karten. Sicherlich kann man den Vereinen sagen: Schickt eure Trainer in die Schulen. Aber wir reden da doch über ehrenamtliche Mitarbeiter, die tagsüber einen Job und somit keine Zeit haben.

Rombey Eine Idee ist, dass die Vereine zum Beispiel Schulpatenschaften übernehmen. Es gab da mal einen Versuch, doch das hat sich verlaufen. Generell ist die Organisation des Sports in Deutschland vor allem als Vereinssport da etwas problematisch. In den angelsächsischen Ländern ist Sport vor allem über die Schulen organisiert.

Ist die Organisationsstruktur des Sports in Deutschland noch zeitgemäß? Passt er noch zur gesellschaftlichen Realität?

Rombey Darum muss man sich im Deutschen Olympischen Sportbund und in den Landessportbünden Gedanken machen, wie man weiterhin die Vereinsidee den veränderten Lebensbedingungen anpassen kann. Für mich ist da die engere Zusammenarbeit der Vereine mit den Schulen dringend notwendig.

Wellens Die Vereinsstruktur ist ganz sicher zukunftsfähig und für mich auch eine schützenswerte Struktur. Die, die Vereinsleben erleben, werden den Gedanken auch weitertragen und später auch in ein Ehrenamt kommen. Das sind die typischen Vereinskarrieren. Ich glaube nicht, dass wir total pessimistisch sein müssen, aber es kommt auf die Rahmenbedingungen an. Im Ehrenamt wird es zum Beispiel das Mädchen für alles, das sich von morgens bis abends um den Verein kümmert, nicht mehr geben. Die Vereine müssen sich professionalisieren und besser zusammenarbeiten.

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