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Schiedsrichter erzählen: "Man darf man nicht immer alles sehen und hören“

Interview Kurt Kochen und Carlos Navarro : „Als Schiri darf man nicht immer alles sehen und hören“

Kurt Kochen und Carlos Navarro sind 50 Jahre Schiedsrichter im Amateurfußball gewesen, Kochen ist sogar weiterhin aktiv an der Pfeife. Im Interview sprechen sie über ihren Umgang mit Fehlern, die besondere Herausforderungen in der Kreisliga C und in welchen Spielen es am meisten „Palaver“ gab.

Herr Kochen, Herr Navarro, was ist das für ein Gefühl, wenn man über 50 Jahre der Sündenbock ist?

Kurt Kochen Das ist man irgendwann gewohnt. Ansonsten darf man kein Schiedsrichter sein. Ich habe früher in Dahl gespielt und zu Hause wurde ich immer gefragt, wie wir gespielt haben. Und wenn wir verloren haben, habe ich stets gesagt: Der Schiedsrichter ist schuld. Seitdem ich aber selbst Schiedsrichter bin, habe ich das nie wieder gesagt.

 Für ihre 50-jährige Tätigkeit als Schiedrichter sind Kochen und Navarro vom Kreisschiedsrichterausschuss ausgezeichnet worden.
Für ihre 50-jährige Tätigkeit als Schiedrichter sind Kochen und Navarro vom Kreisschiedsrichterausschuss ausgezeichnet worden. Foto: Dieter Kauertz

Carlos Navarro Der Sündenbock ist man meistens für die Mannschaft, die verloren hat. Aber das muss hier rein und da wieder raus gehen. Ich hatte da immer ein dickes Fell. Ansonsten macht man sich auch zu verrückt. Daher habe ich mich nie als Sündenbock gefühlt.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Spiel erinnern?

  Der aktuelle Schiedsrichterausweis von Kochen.
Der aktuelle Schiedsrichterausweis von Kochen. Foto: Daniel Brickwedde

Kochen Wir haben beide zusammen im März 1970 die Prüfung zum Schiedsrichter gemacht. Und an mein erstes Spiel in der Kreisliga A kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das war in Wanlo: Ich war gerade vier oder fünf Wochen Schiedsrichter und Wanlo verlor das Spiel mit 1:2. Hinterher wollten die Spieler mir ans Fell. Ein Spieler hat später sogar eine Sperre deswegen bekommen.

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Navarro Ich glaube, mein erstes Spiel war in der C-Jugend. Aber ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern.

Warum sind Sie Schiedsrichter geworden?

Kochen Ganz einfach: Weil ich mich als Spieler selbst immer über die Schiedsrichterentscheidungen aufgeregt habe. Ich habe mir dann gesagt: Dann mach es doch besser! Ich war damals aber auch bei uns im Verein Jugendobmann und A-Jugendtrainer. Damals gab es keine Schiedsrichter für die Jugend. Da musste immer ein Betreuer pfeifen. Da habe ich schon Spiele geleitet, bevor ich Schiedsrichter war.

Navarro Ich war damals Spieler in Giesenkirchen. Eines Tages hat der Schiedsrichter zu mir gesagt: Warum pfeifst du nicht? Ich habe damals als Spieler die Regeln schon alle gut gekannt. Der Schiedsrichter hat mich dann für den Kurs angemeldet.

Hattet Ihr eigentlich andere Schiedsrichter als Vorbilder? Aus Rheydt war damals Dieter Pauly als Bundesliga-Schiedsrichter bundesweit bekannt.

Kochen Mein Vorbild war Hubert Merx. Der hat in der Oberliga gepfiffen. Der hat genauso Fußball gespielt wie ich – Langholz. Deshalb war er mein Vorbild.

Navarro Ich habe nur für mich gepfiffen.

Als Schiedsrichtern geht es darum, immer die richtigen Entscheidungen treffen zu müssen. Wie behält man stets die Übersicht?

Kochen Es hilft, wenn man selbst Fußballer war. Und wenn man länger Schiedsrichter ist, ahnt man viele Situationen bereits im Voraus. Man nimmt das Spielgeschehen anders wahr und schaut mit einem Auge auf den Ball und mit dem anderen auf die Spieler im Umfeld. In der Art: Da könnte gleich was passieren. Man bleibt aber immer ein Stück zurück, damit man das Spiel vor sich hat.

Navarro Ich kann da nur zustimmen. Man weiß oft vorher schon, dass etwas passieren wird. Das kommt mit der Routine.

Wie geht man mit Fehlentscheidungen um?

Kochen Manchmal denke ich ein oder zwei Nächte noch über Entscheidungen nach. Beispielsweise bei einem Abseitstor. Das hat es bei mir oft gegeben, dass ich nachts die Szene noch mehrmals wieder im Kopf durchgegangen bin, ob es nun ein Tor war oder nicht. Wenn dir das nicht nachgeht, dann bist du kein Schiedsrichter.

Navarro Aber du musst in dem einen Moment entscheiden. Und bei dieser Entscheidung bleiben. Du hast keinen Videoschiedsrichter.

Damit muss man aber umgehen können. So eine Entscheidung ist ja nicht mehr umkehrbar.

Kochen In der Bundesliga haben es die Schiedsrichter leichter, die sind zu mehreren bei den Spielen. Aber in der Bezirksliga gibt es oft keinen Linienrichter, man ist alleine und muss entscheiden, ob es Abseits war oder nicht. Aber ob der Fuß nun zwei Zentimeter im Abseits stand – wer will das feststellen? Jeder Mensch macht Fehler, auch der Schiedsrichter.

Navarro Ich kann mich an eine Situation erinnern, da habe ich aber richtig entschieden. Es war das letzte Saisonspiel und es ging zwischen Viersen und Süchteln um den Abstieg. Kurz vor Schluss stand es Unentschieden. Bei einem Flankenball war ein Viersener dann beim Kopfballversuch geschubst worden. Gleichzeitig bekam ein anderer Viersener den Ball an die Hand und erzielte ein Tor. Ich habe gepfiffen und alle dachten wegen des Handspiels. Ich habe aber Elfmeter wegen des Schubsers gegeben, weil die Szene zuvor passierte und es die Verhinderung einer Torchance war. Für mich war es ein Elfmeter und dann pfeife ich. Egal, ob es um Abstieg geht oder nicht, das interessiert mich nicht. Viersen hat den Elfmeter dann verwandelt und Süchteln ist abgestiegen. Da war richtig Palaver. Ich habe mich dann schnell umgezogen und bin abgehauen.

Wie haben Sie sich auf die Spiele vorbereitet – auch auf einzelne Spieler, die man besonders im Auge behalten musste?

Kochen Früher sind uns die Spielansetzungen ja noch per Post zugeschickt worden. Da konnte man sich nicht groß vorbereiten, sondern ist einfach hingefahren. Mein Vorteil war, dass ich fast alle Spieler kannte. Und die kannten mich. Ich habe oft genug die Trainer in den Umkleidekabinen sagen hören: Heute müsst ihr den Mund halten, der Kochen pfeift. Die Trainer stellten die Spieler eher auf mich ein.

Navarro Ich habe mich nie groß auf die Spiele vorbereitet. Ich bin hingefahren und habe gepfiffen. Alles andere war mir egal.

Kochen Mit dem Internet ist es heute ja anders. Meistens sehe ich mir am Tag des Spiels um 11 Uhr die Aufstellungen an. Das gab es ja früher nicht. Dann schaue ich mir die Tabelle an und weiß meistens, was los ist.

Navarro Die Tabelle habe ich mir auch angeschaut. Wenn der Erste gegen den Dritten gespielt hat, dann habe ich mich immer darauf gefreut. Wenn der Erste gegen den Letzten spielte, aber auch. Dann brauchte ich nicht so viel laufen, da nur auf ein Tor gespielt wurde. (lacht)

Hat man Ihnen irgendein Image nachgesagt?

Kochen Da muss man die Spieler fragen. Ich weiß nur, dass die Trainer Bescheid wussten, was sie bei mir machen durften und was nicht.

Was zum Beispiel?

Kochen Bei mir durfte es etwas härter zu Sache gehen, aber nie unfair, da ich selbst hart gespielt habe. Ich hab ja selbst letzter Mann gespielt.

Wie haben Sie das Thema Respekt gegen Schiedsrichter wahrgenommen?

Kochen Ich war oft in Essen, auch bei den Derbys zwischen Rot-Weiß und Schwarz-Weiß. Das waren harte Arbeitstage. Aber hier im Kreis haben wir Glück. Und bei Beleidigungen, da muss man nicht immer alles hören. Allerdings pfeife ich in der Kreisliga C ganz anders als beispielsweise früher in der Kreisliga A.

Inwiefern?

Kochen Man darf nicht alles sehen und nicht alles hören. Sonst kriegt man das Spiel nicht über die Bühne. Die Spielklasse ist nicht leicht für Schiedsrichter, da braucht es viel Erfahrung. Aber wo fangen die jungen Schiedsrichter an? Im Jugendbereich oder in der Kreisliga C. Die pfeifen natürlich das, was sie gerade auf dem Lehrgang gelernt haben. Aber wenn du in der Kreisliga C konsequent nach Regeln pfeifst, gehst du baden. Ein erfahrener Schiedsrichter wie ich pfeift da ganz anders.

Und das schreckt die jungen Schiedsrichter dann ab? Stichwort: Nachwuchsproblem.

Kochen Genau. Die jungen Schiedsrichter werden mit der Liga nicht fertig und hören wieder auf. Nach einem Jahr ist vielleicht nur noch ein Viertel der Schiedsrichter dabei. Im zweiten Jahr sind es noch weniger. Die Jungs sind gerade 18 oder 20 Jahre und pfeifen in der C-Liga Spiele, bei denen die Spieler um die 40 Jahre sind – und vielleicht auch schon höher gespielt haben. Natürlich lassen die sich nichts sagen und denken, sie könnten machen, was sie wollen.

Wie schauen Sie eigentlich Fußballübertragungen im Fernsehen? Eher aufs Spiel oder eher auf den Schiedsrichter?

Kochen Auf den Schiedsrichter. Den habe ich immer im Blick.

Navarro Ich schaue auf beides. Wenn es aber um knifflige Schiedsrichter-Entscheidungen geht, liege ich bei 90 Prozent der Fälle richtig. Beispielsweise wenn ein Tor wegen Abseits überprüft wird.