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Rennfahrer Etienne Ploenes : Wieso im Motorsport Talent allein nicht ausreicht

Wenn Talent allein nicht ausreicht : Der schwierige Weg zum Rennfahrer

Etienne Ploenes aus Brüggen lebt seit Jahresbeginn den Traum einer Motorsportkarriere. Er gilt als talentiert, das Mönchengladbacher Rennteam RN Vision STS ist von ihm überzeugt. Doch ob seine Zeit als Rennfahrer von Dauer ist, entscheidet nicht die Rennstrecke, sondern das Geld.

Ein BMW E36 328i, in Weiß, knapp 200 PS und selbst aufgerüstet mit sportlichem Fahrwerk, Überrollkäfig und entsprechendem Motor – das war für Etienne Ploenes im Frühjahr 2021 seine Vorstellung von Motorsport. Regelmäßig war er mit dem Auto auf dem Nürburgring in der Eifel unterwegs, bei sogenannten „Touristenfahrten“, bei denen sich jeder mit jedem Fahrzeug für einige Runden oder Stunden auf der Rennstrecke einbuchen kann. Das reichte Ploenes aus. Es ging um Spaß und Zeitvertreib. „Ich habe mit Anfang 20 nicht gedacht, dass es mit dem Rennfahren noch etwas wird“, sagt Ploenes.

 Das GTC Race in Oschersleben im April 2022.
Das GTC Race in Oschersleben im April 2022. Foto: Alexander Trienitz

Doch insgeheim hatte er diesen Traum noch nicht aufgegeben – zumal er schon damals bemerkenswert schnell seinen BMW um die 26 Kilometer lange Nordschleife jagte. Im Herbst 2021 kam es dann zu einem tödlichen Unfall während einer Touristenfahrt am Nürburgring. Mehrere Fahrzeuge waren darin verwickelt. Das führte bei Ploenes schließlich zu einem Umdenken: Er wollte weiter im Motorsport aktiv bleiben, aber nicht mehr bei den privaten Touristenfahrten. „Da kam bei mir die Überlegung, es doch im Rennsport zu probieren“, sagt er. Der gebürtige Brüggener verkaufte seinen BMW, kaufte sich mit dem Vater zusammen einen Rennwagen, einen Porsche Cayman GT4.

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Doch ein Rennauto alleine reicht nicht, um tatsächlich am Rennsport teilzunehmen. Ploenes brauchte Unterstützung, ein Team. „Ich habe jemanden in der Nähe gesucht, mit guten Referenzen. Es ging mir nicht nur um den technischen Support, sondern auch um die fahrerische Hilfe“, sagt er. Zeitgleich absolvierte er zu jener Zeit im Rahmen seines Ingenieurstudiums ein Praktikum bei Manthey-Racing in der Pfalz, eines der renommiertesten Motorsportteams in Deutschland. Dort bekam Ploenes ein Team als Empfehlung vorgeschlagen: RN Vision STS aus Mönchengladbach.

Der Rennstall gründete sich 2015, fährt seit 2016 Meisterschaften und gewann seitdem unter anderem den Vize-Titel in der GT4 European Series sowie in der ADAC GT4. Der Teamname geht auf das Unternehmen RN Vision im Nordpark in Mönchengladbach zurück, welches Datenlogger für Motorsportteams zur Analyse von Runden- und Fahrzeugdaten entwickelt. Diese sogenannten Race Navigatoren werden von vielen Teams genutzt, der Mönchengladbacher Rennstall ist der Entwicklungspartner des Unternehmens.

In seiner Jugend fuhr Ploenes Kart, vor allem als gemeinsames Hobby mit seinem Vater. Irgendwann gab es über Bekannte das erste eigene Kart, angeblich eins, auf dem als Jugendlicher Ex-Formel-1-Weltmeister Jenson Button unterwegs war. „Das war allerdings schon 15 Jahre alt. Dann habe ich ein richtiges Kart von meinen Eltern bekommen – das hat allerdings auch zweimal Geburtstag und Weihnachten ersetzt“, sagt Ploenes lachend. Er nahm an überregionalen Meisterschaften teil, einen üppigen Pokalschrank sammelte er zu jener Zeit allerdings nicht. 2018 begann dann sein Studium in Aachen. Aus Zeitgründen hörte er mit dem Kartfahren auf. Das hielt zwei Jahre. „Ich habe gemerkt, dass ich den Motorsport vermisse – und auch die gemeinsamen Wochenenden mit meinem Vater“, sagt Ploenes. Für die Touristenfahrten ging es zurück auf die Rennstrecke.

Was diese Vita allerdings auch zeigt: Rennerfahrung hatte Ploenes bis dahin nur im überschaubaren Umfang. Auch daher machte das Mönchengladbacher Team für ihn Sinn, da mit dem Race Navigatoren auch die fahrerischen Fähigkeiten gecoacht werden.

„Was muss man ändern, um mit einem km/h mehr durch eine Kurve zu kommen? Das bringt einen enormen Vorteil“, sagt Veit-Valentin Vincentz, Teamchef bei RN Vision STS, über die Gründe für ein Fahrertraining. „Ein Fahrer sitzt hochkonzentriert bei 60 Grad im Auto und muss immer die besten Entscheidungen treffen. Das erfordert sehr viel Feingefühl. Ein Bar mehr auf die Bremse drücken, was nicht viel ist, oder den Lenkwinkel um fünf Grad verändern – das sind die Gründe, warum man Zeit gewinnt oder verliert.“ Daran arbeitet man bei RN Vision STS mit den Fahrern. Davon profitieren beide Seiten: Der Fahrer, der sich verbessert, und das Team, das dadurch die Fahrzeugabstimmung verfeinern kann. „Ein Fahrer muss genau benennen können, wo welche Probleme auf der Rennstrecke aufgetreten sind, damit das Team daran arbeiten kann. Der Fahrer ist die Schnittstelle zwischen dem Team und dem Auto“, sagt Vincentz. Für ihn bringt Ploene diese Voraussetzung als Rennfahrer mit.

Das zeigte sich bereits in diesem Winter, als Ploenes mit seinem eigenen Rennwagen erstmals das Team für zwei Testtage nach Portugal begleitete. Er überzeugte und nahm anschließend als Gaststarter in Barcelona an einem Rennen der GT-Winterserie teil – und gewann. Es war sein erstes Rennen abseits der Erfahrungen im Kartsport. „Wir haben daraufhin gemeinsam beschlossen, ihn in der GTC-Race-Rennserie anzumelden. Dort kann er sich mit einem starken Konkurrenzfeld messen“, sagt Vincentz. Die GTC Race ist eine internationale Rennserie für GT-Fahrzeuge der Klasse GT3 und GT4 – Ploenes startet mit einem Posche in der GT4-Wertung.

Der Start beim ersten Saisonlauf der Serie im April in Oschersleben verlief jedoch holprig. Im Training lag Ploenes zwei Sekunden pro Runde hinter der Konkurrenz – im Motorsport sind das Welten. Am Abend setzte sich das Team über drei Stunden zur Datenauswertung zusammen, ging jede Kurve in mehreren Abschnitten durch, analysierte das Fahrverhalten und überarbeitete die Fahrzeugabstimmung. Pleones saugte jede Information auf. Bereits im Qualifying am nächsten Tag war er deutlich besser unterwegs, im Rennen fuhr er die Zeiten der Spitze mit und landete am Ende auf Platz drei. „Das war ein internationales Feld mit GT-Profis. So einen tollen Auftakt haben wir nicht erwartet“, sagt Teamchef Vincentz.

 Beim Saisonauftakt der GTC-Race-Rennserie in Oschersleben landete Etienne Ploenes (r.) auf Platz drei.
Beim Saisonauftakt der GTC-Race-Rennserie in Oschersleben landete Etienne Ploenes (r.) auf Platz drei. Foto: Alexander Trienitz

Die GTC-Race-Rennserie besteht aus zehn Rennen auf fünf Rennstrecken. Der nächste Lauf ist im Juli am Lausitzring. Ob Ploenes daran jedoch teilnehmen kann, ist offen. Wie so oft hängt es am Geld. Denn bei allem Talent muss auch Ploenes die nötigen finanziellen Mittel aufbringen, um seine Renneinsätze zu bezahlen. Denn RN Vision STS ist – wie in solchen Rennserien üblich – ein Kundenteam. Bedeutet: Ploenes ist nicht angestellt, sondern mietet sich quasi für die Renneinsätze beim Team gegen Geld ein – oder besser: Sponsoren tun das. Dafür bekommen die Fahrer die personelle, technische und materielle Unterstützung in Form eines konkurrenzfähigen Rennautos, um am Meisterschaftsbetrieb teilzunehmen.

„Motorsport ist als Materialsport einer der teuersten Sportarten“, sagt Vincentz. Bei Ploenes übernimmt das Team 25 Prozent der Kosten. Mehr gehe allerdings nicht, sonst wäre es auch für das Team unwirtschaftlich, sagt Vincentz. Denn eine Saison pro Fahrer kostet selbst in der GTC-Race rund 100.000 Euro.

Daher braucht Ploenes Sponsoren, um seinen Traum vom Rennsportler fortzusetzen. „Gerade als Neuling ist das nicht einfach, weil einem die Referenzen fehlen. Das Beste, was ihm passieren kann: Er findet einen Sponsor oder privaten Geldgeber, der in ein junges Motorsporttalent investieren möchte“, sagt Vincentz.

Zu vielen regionalen Unternehmen habe er bereits Kontakt aufgenommen, sagt Ploenes, aber noch keinen größeren Geldgeber gefunden. Im Prinzip ist die Sponsorenakquise wie ein zweiter Job neben dem Rennfahren. Jeder potenzielle Sponsor muss überzeugt werden, durch Werbemöglichkeiten oder interne Aktionen für das Unternehmen, aus denen es einen Mehrwert ziehen kann – wie beispielsweise Taxifahrten für Mitarbeiter auf Rennstrecken.

Trotz der unsicheren finanziellen Situation hat der 22-Jährige für diese Saison ein großes Ziel: die Top drei in der Meisterschaft des GTC-Race. Denn diese bekommen mit einem zusätzlichen Wildcard-Fahrer am Ende der Saison die Chance, ein GT3-Auto zu testen. Wer dabei eine Jury aus Trainern und Ex-Rennfahrern überzeugt, bekommt eine komplette GT3-Saison finanziert. Kosten: rund 150.000 Euro. Für einen Rennfahrerneuling ein unbezahlbarer Preis.

Denn der Gedanke, Berufsrennfahrer zu werden, ist in Etienne Ploenes gereift – auch wenn er es realistisch sieht. „Es gibt Kinder, die seit ihrem sechsten Lebensjahr Kart fahren und für die das Geld keine Rolle spielt. Für sie ist der Weg in den bezahlten und professionellen Motorsport einfacher. Ich habe aber auch mein Ingenieurstudium“, sagt Ploenes. Es klingt aber wie ein Plan B. Vorerst will er weiter den schwierigen Weg zum Rennfahrer nehmen.