1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach
  4. Regionalsport

Fussball: Wie gefährlich sind Kopfbälle für die Gesundheit der Spieler?

„Der Einfluss auf das Gehirn wird unterschätzt“ : Wie gefährlich sind Kopfbälle für die Gesundheit?

Aus gesundheitlichen Gründen hat der englische Fußballverband das Kopfballtraining im Profi- und Amateurbereich stark reguliert. In Deutschland ist diese Diskussion aber noch kaum ein Thema. Oder doch? Wir haben uns bei den Vereinen in der Region umgehört.

Alan Shearer ist mit 260 Toren der erfolgreichste Torschütze der englischen Premier League. Viele seiner Treffer für Newcastle United und die Blackburn Rovers erzielte der heute 51-Jährige mit dem Kopf – und fürchtet deshalb an Demenz zu erkranken: „Wenn du Fußballprofi warst, erwartest du im späteren Leben Probleme mit den Knien, dem Sprunggelenk oder dem Rücken“, sagte der ehemalige Kapitän der englischen Nationalmannschaft 2017 dem „Daily Mirror“. „Aber ich hätte nie gedacht, dass Fußballspielen mit einer Gehirnerkrankung in Verbindung gebracht werden könnte.“

Was Shearer damals schon befürchtet, wurde durch eine Studie, die vom englischen Fußballverband in Auftrag gegeben wurde, nun bestätigt. Anhand der Untersuchung von 8000 schottischen Fußballprofis konnte die „Glasgow Brain Injury Research Group“ nachweisen, dass das Risiko, an Demenz zu erkranken, bei ehemaligen Profis bis zu fünf Mal so hoch ist wie im Schnitt der Bevölkerung – bei einer Parkinson-Erkrankung liegt das Risiko doppelt so hoch. Alarmierend scheint dabei vor allem der Blick auf die Positionen der Spieler: Verteidiger sind am häufigsten betroffen, während Torhüter die Werte der durchschnittlichen Bevölkerung aufweisen.

 Eine Studie, die der englische Fußballverband beauftragt hat, zeigt, dass Kopfbälle zu langfristigen Schäden bei Fußballern führen können.
Eine Studie, die der englische Fußballverband beauftragt hat, zeigt, dass Kopfbälle zu langfristigen Schäden bei Fußballern führen können. Foto: Heiko van der Velden
  • Baumbergs Sportlicher Leiter Engin Akkoca. ⇥Foto:
    Fußball, Oberliga : SFB zurück im Training – Pokalspiel soll stattfinden
  • Sie haben als eSports-Profis viel erreicht,
    Wie ehemalige Profis den Gamer-Nachwuchs fördern : Moerser gründen eSports-Talentschmiede
  • Nedim Basic (l.) fehlt dem SVS
    Fußball, Landesliga : SV Schlebusch kann gegen Hohkeppel befreit aufspielen

Baptist Polman ist Physiotherapeut beim Regionalligisten FC Wegberg-Beeck. Er kennt die Studie und wundert sich, dass das Thema in Deutschland kaum in der Öffentlichkeit steht: „Ich habe den Eindruck, dass wir viel zu wenig über die langfristigen Folgen von Kopfbällen reden“, sagt Polman. Deshalb begrüßt der Physiotherapeut die Entwicklung in England. Dort hat der Fußballverband vor dem Saisonstart überraschend strikte Regeln für das Kopfballtraining erlassen: Zehn „intensive Kopfbälle“ – also solche nach Ecken, Freistößen, Flanken oder langen Pässen – sollen Profis in einer Woche nur noch machen. Auch Amateurspieler sollen maximal an einem Tag in der Woche zehn Mal mit dem Kopf zum Ball gehen dürfen, Jugendspieler bis zum elften Lebensjahr sollen gar keine Kopfbälle mehr machen.

„Ich hoffe, dass der DFB nachzieht und ein deutliches Signal absetzt“, sagt Polman. „Der Einfluss von Kopfbällen auf das Gehirn wird meiner Meinung nach total unterschätzt.“ Mittlerweile läuft beim DFB eine Untersuchung mit ehemaligen Profis, bei der die gesundheitlichen Folgen ermittelt werden sollen. Empfehlungen vom Verband, dass Jugendliche erst ab 13 Jahren mit dem Kopfballtraining beginnen sollten, gibt es zwar, ein Verbot allerdings nicht. Baptist Polman findet, dass sich Physiotherapeuten und Mediziner deshalb in einer misslichen Lage befinden. „Wenn ich einem Spieler oder dem Trainer sagen würde, dass wir jetzt keine Kopfbälle mehr trainieren, dann würden die mir doch den Vogel zeigen. Der Verein muss ja konkurrenzfähig bleiben, so eine Entscheidung muss vom Verband kommen.“

 Baptist Polman ist Physiotherapeut bei Beeck.
Baptist Polman ist Physiotherapeut bei Beeck. Foto: Michael Schnieders

Auch beim Oberligisten SC Union Nettetal hat sich Physiotherapeut Ilker Ilbasmis mit dem Thema beschäftigt: „Jeder Kopfball ist ein Stoß im Gehirn. Das kann natürlich auch mal zu einer Gehirnerschütterung führen. Im Kopf beziehungsweise im Gehirn gibt es allerdings auch Feuchtigkeit, die das Gehirn gegen solche Stöße schützt“, so Ilbasmis. Ohnehin würde Kopfballtraining bei vielen Seniorenteams nicht mehr so intensiv ausgeführt. Das Kopfballpendel – früher eine häufig genutzte Trainingsmethode – würde heute bei den meisten Vereinen keinen Gebrauch mehr finden.

So ist es auch beim 1. FC Mönchengladbach: „Ich bin seit dem 1. Juni hier“, sagt Timo Wendelen, Sportlicher Leiter der Jugend beim 1. FC. „Das Kopballpendel wurde bislang noch nicht benutzt.“ Auch Wendelen verweist bei der Thematik zu den gesundheitlichen Folgen von Kopfbällen auf die Verantwortung des DFB. „Wir sind keine Ärzte und richten uns danach, was der Verband sagt.“ Im unteren Jugendbereich findet beim Oberligisten Kopfballtraining lediglich mit Plastikbällen statt. „Wobei der Fokus, vor allem im Jugendbereich sowieso auf den spielerischen Elementen liegt. Spezielles Kopfballtraining wird gar nicht so häufig gemacht,“ sagt Wendelen. Wie sich der Fußball entwickeln würde, wenn auch in Deutschland das Kopfballspielen eingeschränkt oder gar verboten wird, kann sich Wendelen noch nicht vorstellen: „Das würde ja das ganze Spiel verändern, aus meiner Sicht müsste man dann auch Ecken und Freistöße abschaffen, wenn man nicht mehr mit dem Kopf zum Ball darf.“

Wie das aussehen könnte, wird ein Benefizspiel beim englischen Sechstligisten Spennymoor Town FC am Sonntag zeigen. Dort werden in der ersten Halbzeit Kopfbälle nur im Strafraum erlaubt sein, nach dem Seitenwechsel sind sie auf dem ganzen Feld verboten. Bei dem Pilotprojekt machen viele ehemalige Profis mit – darunter auch Alan Shearer.