Debütant Tim Heinemann will vorne mitfahren „Der nächste Schritt ist ein Rennsieg in der DTM“

Interview | Motorsport · Tim Heinemann hat sich seinen Traum von der DTM erfüllt. Und der Debütant will in der Rennserie gleich „um vordere Plätze“ mitfahren. Im Interview spricht der Wegberger über die Ambitionen mit seinem Team Toksport, das Fahrgefühl im Porsche 911 GT3 und wie er die DTM und seinen 40-Stunden-Job als Kaufmann kombiniert.

DTM-Fahrer aus Wegberg: Das ist Tim Heinemann
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Das ist Motorsportler Tim Heinemann

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Foto: Gruppe C Photography

Herr Heinemann, seit vergangener Woche ist bekannt, dass Sie 2023 DTM fahren werden. Stand Ihr Handy in den vergangenen Tagen überhaupt mal still?

Tim Heinemann Ich habe Hunderte Nachrichten bekommen. Wir haben seit Oktober letzten Jahres daran gearbeitet, davon wusste aber nur ein kleiner Kreis. Deswegen haben wohl viele nicht damit gerechnet. Dementsprechend groß war die Resonanz auf die Neuigkeit. Das hat mich natürlich sehr gefreut.

Die DTM war immer Ihr Ziel – was löst es in Ihnen aus, dieses Ziel nun erreicht zu haben?

Heinemann Auf der einen Seite ist es eine große Freude. Auf der anderen Seite hört die Reise jetzt natürlich nicht auf. Im Gegenteil: Ich bin jetzt noch motivierter, weil alles zusammengepasst hat und die richtigen Leute zur richtigen Zeit zusammengekommen sind. Da möchte ich das in mich gesetzte Vertrauen erfüllen. Deswegen hört die Freude fast schon wieder auf, weil es direkt ernst wird. Es müssen viele Details geklärt werden, ich will mich körperlich und mental bestmöglich vorbereiten, um an die Erfolge aus der DTM Trophy anzuknüpfen. Ich will mich nach diesem Schritt nicht ausruhen, sondern so weitermachen.

Tim Heinemann wird 2023 in der DTM debütieren.

Tim Heinemann wird 2023 in der DTM debütieren.

Foto: Gruppe C Photography

Sie werden im Porsche für das Team Toksport WRT fahren, das in diesem Jahr den Einstieg in die DTM wagt. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Heinemann Ich arbeite mit dem Motorsportausrüster Nimex zusammen. Über Matthias Burghof, den Chef von Nimex, kam der Kontakt zustande, da das Unternehmen auch mit dem Rennteam Toksport WRT zusammenarbeitet. Er hat es ins Rollen gebracht, weil er wusste, dass ich in die DTM und das Team in die DTM einsteigen will. Die ersten Gespräche gab es schon im Oktober, das wurde dann immer detaillierter und präziser.

Was verspricht sich das Team vom DTM-Einstieg?

Heinemann Toksport ist ein türkisches Team. WRT steht für World Rallye Team, die kommen also ursprünglich aus dem Rallye-Sport und sind dort in der Weltmeisterschaft sehr erfolgreich. Vor einigen Jahren hat das Team auf der Rundstrecke angefangen und fährt seitdem zweigleisig. Das Rallye- und das Rundstreckenteam, das auch das DTM-Programm betreut, sind personell und räumlich unabhängig. Bei einem Gaststart in der DTM ist Toksport auf Anhieb auf das Podest gefahren – das ist schon eine Ansage.

Hatten Sie auch mit anderen Teams Kontakt?

Heinemann Das Projekt mit Toksport hatte Priorität, aber man sollte niemals alles auf ein Pferd setzen. Deswegen gab es mit vielen Teams Kontakt – für die DTM, aber auch für andere Rennserien. Ich habe mir bewusst alles angehört, um eine Resonanz zu kriegen, wie ich auf dem Fahrermarkt überhaupt dastehe.

In den vergangenen Jahren hat die DTM bei Ihnen über allem geschwebt – woher kommt diese Begeisterung?

Heinemann In Deutschland und Europa kommt nach Formel 1 direkt die DTM – es ist eine Marke, die jeder kennt. Die DTM hat eine unheimlich große Strahlkraft, deswegen war es für mich immer das größte Ziel.

Sie haben in den zurückliegenden Saisons im Grunde immer gewonnen. Die DTM ist mit Sicherheit noch anspruchsvoller – was sind Ihre Ambitionen?

Heinemann Die Trauben hängen natürlich sehr hoch. Da kommt man nicht hin und gewinnt alle Rennen. Aber: Mein Anspruch ist es nicht, hinterherzufahren und Lückenfüller zu sein. Ich möchte auf jeden Fall Rennen gewinnen und um die vorderen Plätze mitfahren. Um zu sagen, was in der Meisterschaft passiert, ist es aber noch zu früh.

Ist das mit dem Auto drin?

Heinemann Der Porsche 911 GT3 R Typ 992, den wir fahren, kommt ganz neu auf dem Markt. Da hat Porsche also unheimlich viel an Entwicklung reingesteckt. Das gepaart mit einem sehr professionellen Team macht mir Hoffnung, um die vorderen Plätze mitreden zu können. Ansonsten würde ich es auch gar nicht machen. So sind alle hochmotiviert.

Hatten Sie auch mal Zweifel, ob es mit dem Schritt in die DTM klappen könnte?

Heinemann Zweifel gehören dazu. Das ist aber auch gut, weil sie motivieren. Die Wunschvorstellung nach meinem ersten DTM-Trophy-Sieg 2020 war schon: Ich habe die zweite Liga gewonnen, jetzt komme ich in die DTM. Die Realität sah ein bisschen anders aus. In den letzten drei Jahren gab es immer wieder Gespräche, auch über Gaststarts. Wenn ich es mache, wollte ich es aber richtig machen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte dieser schon früher kommen können, aber ich freue mich, dass die Arbeit jetzt Früchte trägt.

Dass der Zeitpunkt jetzt erst gekommen ist, liegt vor allem am finanziellen Aspekt. Es gab eine Budgetlücke, die es zu schließen galt – wie hat das jetzt geklappt?

Heinemann Es ist ein gutes Angebot für alle Seiten, bei dem sich alle Beteiligten schnell einig waren.

Sie gehen als Kaufmann einem normalen Beruf nach. Ist es in der DTM noch nicht möglich, den Motorsport hauptberuflich zu machen?

Heinemann Ich bin in der DTM einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige Fahrer, der eine ganz normale 40-Stunden-Woche hat. Ich sehe im Moment aber keinen Bedarf, daran etwas zu ändern. Mit dem DTM-Einsatz verdiene ich im Endeffekt kein Geld. Ich bekomme finanzielle Mittel – die fließen zu 100 Prozent in das DTM-Programm ein. Natürlich habe ich dennoch das Ziel, Profi zu werden und mit dem Motorsport mein Geld zu verdienen. Meine Intention war aber nie, damit reich zu werden. Ich wollte es immer in die DTM schaffen, deswegen habe ich das ganze Geld, was ich durch das Fahren verdient habe, wieder in den Motorsport gesteckt. So fließt zum Beispiel das Preisgeld aus der DTM Trophy komplett in das DTM-Programm.

Im Mai geht die DTM-Saison mit dem Rennwochenende in Oschersleben los – wie sieht der Zeitplan bis dahin aus?

Heinemann Ich versuche, mich körperlich bestmöglich vorzubereiten und habe einen neuen Trainer gefunden, der versucht, mich auf eine neue Ebene zu heben. Die Rennen in der DTM dauern nicht mehr 30 Minuten wie in der DTM Trophy, sondern 60 Minuten – das ist körperlich eine höhere Belastung. Auch mein Rennsimulator steht nicht still. Ich versuche, mich lieber zu viel vorzubereiten als zu wenig. Die ersten Tests für mich als Fahrer beginnen Richtung April.

Merken Sie am Drumherum, dass die DTM eine Nummer größer ist als Ihre bisherigen Rennserien?

Heinemann Die DTM ist auf jeden Fall viel größer. Ich habe nach der Bekanntgabe schon gemerkt: Nachrichten von Fans, Pressetermine, Interviews, Sponsorenanfragen – alles ist mehr geworden. Ich bin niemand, der sich inszenieren will, aber wenn man das Interesse an seiner Person spürt, motiviert das noch einmal 110 Prozent zu geben.

Gibt es in der DTM einen Konkurrenten, auf den Sie sich freuen?

Heinemann Ich nehme schon wahr, dass im Teilnehmerfeld einige Hochkaräter dabei sind. Wenn ich im Auto sitze, sind mir die Namen aber egal. Auf der Strecke gilt: Egal, wer das ist oder was seine Vorgeschichte ist – Hauptsache, ich sehe ihn im Rückspiegel.

Ihr großes Ziel haben Sie mit der DTM erreicht – was ist jetzt der nächste Schritt?

Heinemann Die DTM zu gewinnen. Der nächste Schritt wäre zunächst aber mal ein Rennsieg, dann die Meisterschaft und vielleicht die 24 Stunden von Le Mans oder andere große Rennen. Ich bin aber grundsätzlich kein Fan davon, zu weit in die Zukunft zu schauen, sondern will mich auf dieses Jahr in der DTM konzentrieren.

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