Deutschland feiert gelungene Generalprobe für die EM in Italien

Blindenfußball : Nationalmannschaft gewinnt Turnier in Neuwerk

Deutschland schlägt Afrikameister Marokko 2:0 und Rumänien 5:0 – die EM kann kommen. Bundestrainer Peter Gößmann ist zufrieden, er will den „total genialen, geilen Sport“ mehr in den Fokus rücken. Davon überzeugen konnte sich unter anderem auch schon Borussias Matthias Ginter.

Das Rasseln ist auf der Sportanlage Neuwerk ebenso allgegenwärtig wie das „Voy, voy, voy“ der Spieler. Mit diesem spanischen Ausruf, der so viel bedeutet wie „Ich komme“, zeigen die Blindenfußballer ihre Position an, um Zusammenstöße während ihrer Läufe zu vermeiden. Ein Kopfschutz dient zusätzlich der Sicherheit, sogenannte Eye-Pads unter den Augenklappen sorgen für Chancengleichheit zwischen blinden und seh-behinderten Spielern.

Der Ball rasselt dank eingepflegter Metallplättchen, damit die Spieler ihn hören können, er macht sich aber nur bei Kontakt bemerkbar. Darum kommen hohe Bälle kaum vor, und Spieler wie Schiedsrichter machen den Ball hörbar, indem sie ihn möglichst oft mit dem Fuß berühren. Die Spieler führen ihn fast immer zwischen beiden Füßen hin und her, die Schiedsrichter bewegen ihn bei Freistößen so lange, bis die Spieler bei ihnen sind und den Standard ausführen können. Die wie die Unparteiischen sehenden Torhüter wiederum achten bei ihren Abwürfen darauf, dass der Ball aufsetzt oder die seitlichen Banden trifft, damit die Mitspieler ihn hören können.

Die Koordination und Technik der Akteure beim Vier-Nationen-Turnier in Neuwerk beeindruckt auch etliche sehende Amateurfußballer. Wie schwierig das alles ohne zu sehen ist, haben auch zwei Profifußballer vor rund einem Jahr erfahren: Borussias Matthias Ginter und Bayern Münchens Thomas Müller haben bei einer Vorführung der Blindenfußball-Nationalmannschaft mitgemacht, auf einem Video im Internet ist zu sehen, wie sich Ginter mit der die Sicht verhindernden Brille recht erfolglos beim Sechs-Meter-Strafstoß versucht.

Mit dabei war damals auch Alexander Fangmann, und der Kapitän der deutschen Blindenfußballer hat mit der Disziplin Strafstoß deutlich weniger Probleme: In der zweiten der jeweils netto 20 Minuten dauernden Halbzeit schießt er aus dem Stand aus sechs Metern den Ball mit der Picke in den oberen rechten Winkel, Marokkos Torwart hat keine Chance. Neben dem Schützen hat Sebastian Schleich Aktien an diesem Treffer, denn der „Guide“ steht hinter dem gegnerischen Tor und gibt den Spielern Anweisungen, sagt ihnen, wo der Ball gerade ist, dass er ins Aus geht oder der Keeper ihn hat. Bei Standards, wie eben auch bei diesem Strafstoß, klopft er mit seinem Ring zudem die Pfosten ab, damit die Akteure möglichst genau wissen, wo das Hockey-große-Tor steht.

Fangmanns 2:0 ist der Endstand im ersten Halbfinale, nachdem Jonathan Tönsing bereits in den ersten Sekunden gegen den Afrikameister getroffen hatte. Damit steht Deutschland bereits im Finale, das es tags darauf gegen Rumänien, das Europameister Russland mit 3:1 ausgeschaltet hatte, 5:0 gewinnt. Deutschlands Torwart Sebastian Themel bleibt also im Turnier ohne Gegentreffer. Eine äußerst gelungene Generalprobe vor der im September in Rom beginnenden Europameisterschaft. „Jetzt kann es mit der EM gerne losgehen“, sagt Fangmann.

Torschuss von Deutschlands Kapitän Alexander Fangmann in der Halbfinal-Partie gegen Marokko. Foto: Georg Amend

Bundestrainer Peter Gößmann ist zufrieden. „Ich muss den Spielern ein Kompliment machen, weil sie unsere Taktik sehr gut umgesetzt haben. Wir wollten die Mitte eng machen, und das hat sehr gut geklappt“, analysiert er. Generell ist ihm eines wichtig: „Wir wollen unseren Sport vom Rand in die Mitte holen und allen zeigen, was für ein total genialer, geiler Sport das ist.“ In Neuwerk ist dieses Vorhaben durchweg gelungen.

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