Der Präsident des Deutschen Hockey Bund, Wolfgang Hillmann, hält Mönchengladbach für die Hockey-Hauptstadt

Interview mit DHB-Boss Wolfgang Hillmann : „Mönchengladbach ist die Hockey-Hauptstadt“

Der Präsident des Deutschen Hockey Bundes spricht über die Pro League, den Hockeypark und die Gladbacher Vereine.

Wie wichtig ist die neu geschaffene „Pro League“ für das deutsche Hockey?

Hillmann Das Hauptaugenmerk liegt in unserer Sportart natürlich auf den Olympischen Spielen. Wir waren bisher immer mit beiden Mannschaften dafür qualifiziert und streben das auch für Tokio 2020 an. Wir haben für die Nationalmannschaften, sowohl für den Nachwuchs als auch die Damen und die Herren, immer wieder mal Gelegenheit, regionale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Eine der neuen Möglichkeiten ist eben jetzt die FIH Pro League. Wir sind sehr froh und stolz, dass wir uns mit beiden Mannschaften sportlich dafür qualifiziert haben. Wir rangieren in den vorderen Plätzen der Weltrangliste, das heißt: Es ist wirklich die Hockey-Weltspitze, die an der Pro League teilnimmt, und die deutsche Nationalmannschaft trägt ihre Heimspiele in Mönchengladbach und Krefeld aus.

Der Weg zu den Olympischen Spielen führt also über den Niederrhein?

Hillmann Ja, genau. Wir werden irgendwann im Herbst noch Olympia-Qualifikationsspiele haben, wollen aber hier die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir weit oben im Ranking liegen und dann auch Heimspiele haben. Die würden wir dann natürlich auch hier stattfinden lassen.

Der Hockeypark ist mit bis zu 12.000 Plätzen das größte Hockey-Stadion Europas, er wurde aber zuletzt wenig für Hockey genutzt. Warum etabliert der Deutsche Hockey Bund es nicht als deutsches Wembley-Stadion für Hockey?

Hillmann Wir müssen natürlich in die verschiedenen Regionen gehen. Wir haben Zentren in Hamburg, in Mannheim und Berlin, wo wir im letzten Jahr sehr erfolgreich die Hallen-Weltmeisterschaft durchgeführt haben, bei der wir mehrmals den Zuschauerrekord gebrochen haben. Das zeigt, dass wir den entsprechenden Zulauf haben, wenn solche Ereignisse stattfinden. Wir haben den Hockeypark in Gladbach nicht mehr in dem Maße nutzen können, weil wir praktisch keine Heimspiel-Möglichkeiten mehr bekommen haben durch die Champions Trophy oder die World League. Wir haben versucht, uns für die Europameisterschaften 2019 und 2021 zu bewerben, das hing aber mit dem Ausbauzustand zusammen. Der Belag ist absolut das Wichtigste, er hat eine Lebensdauer von bis zu 15 Jahren. Im Fall des Hockeyparks ist durch die Mehrfachnutzung vielleicht nach zehn Jahren Schluss. Der Kunstrasen ist jetzt ausgetauscht worden. Es ist der zweite Rasen, der auch den Namen „Tokio“ trägt. Hier und in Krefeld ist es der Belag, auf dem 2020 in Japan gespielt wird. Und natürlich wollen wir diesen Heimvorteil nutzen.

Glauben Sie, dass Sie eine breite Öffentlichkeit mit der Pro League erreichen können?

Hillmann Der Weltverband hat jetzt relativ kurz hintereinander seine Bezeichnungen für die Weltturnier-Systeme geändert. Die Hockey-Familie muss jetzt erst einmal lernen, dass das ein Turnier ist, das das Hockey wirklich nach Hause bringt. Wir haben hier die Heimspiele mit der bestbesetzten Nationalmannschaft. Natürlich eilt dem Hockeypark der Ruf voraus, dass es immer atmosphärisch tolle Spiele sind in einem Stadion, wie wir es sonst nicht haben. Das ist zuschauerkräftig, und wir setzen ganz darauf, dass diese Botschaft ankommt.

Werden das denn auch Menschen außerhalb der Hockey-Familie wahrnehmen?

Hillmann Wir erreichen bei entsprechenden Angeboten in der letzten Phase vor einer Veranstaltung durchaus Menschen, die sich für die „local heroes“ interessieren und so darauf aufmerksam werden und als Zuschauer kommen.

Der Fokus muss auf dem Wort „Olympisch“ liegen?

Hillmann Das glauben wir schon, weil Hockey ganz eindeutig mit Erfolgen bei Olympischen Turnieren verbunden wird. Das ist ein Ankerwort, das die Leute zu uns bringt. Die wollen Erfolg und attraktiven Sport sehen – beides können wir in der Regel garantieren. Wir setzen darauf, dass die Zuschauer das erleben wollen. Die Spielerinnen und Spieler freuen sich in jedem Fall auf die tolle Atmosphäre, in der sie gerne spielen.

Mit wie vielen Zuschauern rechnen Sie für die einzelnen Spiele?

Hillmann Das ist noch etwas früh. Wir nehmen alle (lacht). Mit dem Einzelspieltag der Damen gegen Großbritannien am Mittwoch, 24. April, müssen wir uns schon ganz schön strecken. Das war eigentlich ein Doppelspieltag mit dem attraktiven Spiel der Herren gegen Pakistan, das dann aber aus der Sache ausgestiegen ist. Das sind Schwierigkeiten, die zum Start einer solchen Länderspielserie nicht kalkulierbar waren, aber es ist leider so gekommen. Das ist schade, aber als nächstes, am Freitag, 26. April, kommen die Niederlande als Gegner der Damen und Herren, und das ist schon ein Highlight. Das ist einer der Höhepunkte der gesamten Runde, ohne jetzt die Spiele gegen Argentinien oder Australien schmälern zu wollen. Auch das Spiel gegen Großbritannien wird hochattraktiv, aber gegen die Niederlande ist es wie beim Fußball, wenn Deutschland und die Niederlande aufeinander treffen. Das sind zwar zwei völlig andere Spielsysteme, aber die Mannschaften kennen sich gut, und da ist immer Stimmung im Laden. Es gibt bestimmte Gegner, bei denen einfach mehr Atmosphäre da ist.

Man bekommt in Gladbach also Spitzen-Hockey in prickelnder Atmosphäre.

Hillmann Ja, und wir haben ein bisschen das Alleinstellungsmerkmal unter den Sportarten, dass wir mit Damen und Herren immer auf derselben Stufe spielen. Bei uns geht es immer um Medaillen, das haben wir auch mit den beiden Bronzemedaillen 2016 in Rio de Janeiro bewiesen. Das ist auch die Perspektive, die wir für Tokio haben, und dafür wollen wir hier die Basis legen.

Von Medaillen hängen ja auch Fördergelder ab, der Erfolg ist demnach existenziell?

Hillmann Ja. Jedes Länderspiel hat existenziellen Charakter für uns, aber diese besonders. Die Pro League löst ja alles andere ab: die Champions Trophy und die World League. Die Veranstaltungen, die der Deutsche Hockey Bund hat, sind seine Final-Four-Turniere im Feldhockey. Da gibt es natürlich auch die Perspektive, diesen Standort hier in Gladbach zu nutzen, weil er durch die Bedingungen, die nun geschaffen wurden, wieder attraktiv geworden ist. Es wird für die Pro League ein Grand Final geben, das erste findet in diesem Jahr in Amsterdam statt. Natürlich sind mit dem Ausbauzustand des Hockeyparks und dem Belag dort in 2020 auch noch andere Dinge möglich. Wir bedenken auch, hier ein Grand Final zu spielen. Das Stadion ist schön, die Erreichbarkeit europäischer Nachbarn ist gut – das ist alles kein Problem. In der Richtung sind alle Voraussetzungen geschaffen.

In Gladbach wird ein Leistungszentrum des Deutschen Hockey Bundes eingerichtet, mit einem Gästehaus. Ist diese Opulenz nötig?

Hillmann Nationen wie Belgien, Niederlande, Großbritannien und Spanien haben das alles schon. Diese Nationen können immer dann zentral trainieren, wenn sie es für erforderlich halten. Wir müssen es jetzt schaffen, ein solches Zentrum quasi als letztes im europäischen Ranking zu bauen, weil das eine Grundvoraussetzung für zukünftige Erfolge über 2020 hinaus ist. Es bedarf dringend eines solchen Zentrums, sonst ist das Level nicht zu halten.

Und ein Gästehaus ist auch notwendig?

Hillmann Ja. Eines der großen Probleme an anderen Stellen ist, dass wir immer darauf angewiesen sind, etwas zu finden, das noch gerade neben Messen oder anderen Großveranstaltungen verfügbar ist. Man muss ja überlegen, dass wir durchaus Platz für doppelte Kader und ein bis zwei Gäste-Teams benötigen. Wir werden also ein Gästehaus mit 66 Zimmern brauchen. Das sind Größenordnungen, wie sie auch in anderen Zentren üblich sind. Wir haben Belegungszahlen von rund 4500 Übernachtungen im Jahr mit allen Kadern. Wenn wir so etwas haben, machen wir nicht nur die Nationalmannschafts-Lehrgänge dort. Wir haben Schiedsrichter-Ausbildungen, Trainer-Ausbildungen, Camps, Jugendkongresse, Workshops und so weiter.

Wäre auch eine Vermietung denkbar?

Hillmann Das ist natürlich möglich. Die olympischen Hockey-Kunstrasen werden im paralympischen Bereich zum Beispiel für Blindenfußball genutzt, weil die Klingelbälle auf einem ebenen Kunstrasen besser zu hören sind als auf einem Naturrasen. Das könnte ja auch in Mönchengladbach heimisch werden. Es gibt da viel mehr Nutzungsmöglichkeiten als nur für Hockey. Auch solche Dinge wie die riesengroßen Eltern-Hockey-Turniere, zu denen 500 Teilnehmer kommen. Händeringend wird auf der ganzen Welt gesucht, wo an einem Ort mehrere Plätze existieren, an denen zum Beispiel Weltmeisterschaften der Masters ausgetragen werden können, zu denen 160 bis 180 Mannschaften kommen. Es gibt schon Veranstaltungen in der Welt, die Mönchengladbach mit dieser Ausbaustufe hochattraktiv finden.

Wie hoch wären denn die kompletten Investitionen?

Hillmann Grob liegen die Kosten für den Gesamtkomplex mit einem weiteren Kunstrasenfeld, dem Bettenhaus und den zusätzlichen Dingen wie einer Freilufthalle bei etwa zehn Millionen Euro. Das ist vor drei Jahren in die entsprechenden Finanzierungswege gegangen, wir müssen also noch die Baukostensteigerung bis heute einrechnen. Der genaue Stand wird gerade noch ermittelt. Einige Dinge werden in der ursprünglichen Größenordnung sicher nicht realisiert werden können, aber eine gewisse Anzahl an Zimmern wird es geben müssen.

Nun wurden aber vom Bund die Fördermittel für Leistungszentren gestrichen. Das war nicht förderlich, oder?

Hillmann Das ist richtig. Insgesamt ist es so, dass im Rahmen der Leistungssportreform eine unheimliche Verzögerung eingetreten ist. Wir haben 2012 begonnen und wollten 2016 fertig werden, jetzt haben wir 2019. Wir haben derzeit nicht die Unterstützung, wie wir sie uns wünschen. Nichtsdestotrotz werden die gesteigerten Ausgaben in der Pro League getragen. Die Bundesmitfanzierung macht nicht eine so hohe Summe aus, dass sie nicht aus anderen Regionen übernommen werden könnte. Das Land hat Interesse, die Stadt hat Interesse, dass Mönchengladbach die Hockey-Hauptstadt ist und bleibt. Diese Entscheidung ist schon vor längerer Zeit gefallen, und wir hoffen, dass wir noch in diesem Jahr mit dem Bau beginnen können. Das kann aber durch die Situation in der Baubranche noch verzögert werden.

Ist Mönchengladbach wirklich noch die deutsche Hockey-Hauptstadt?

Hillmann Wir gehen davon aus. Das Land Nordrhein-Westfalen engagiert sich mit der Perspektive einer Olympia-Bewerbung 2032 sehr, und darin spielt das Hockeystadion in Mönchengladbach eine ganz besondere Rolle.

Der Gladbacher HTC wird in diesem Jahr 100 Jahre alt und ist in der Halle wieder zurück in der Bundesliga. Wie bedeutsam ist das für die Region?

Hillmann Sehr bedeutsam. Und GHTC-Präsident Florian Kunz ist ein Leuchtturm, nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch, wie er gespielt hat. Er ist ein unglaublicher Name in der Nationalmannschaft und im internationalen Hockey. Man wird immer wieder auf ihn und Gladbach angesprochen. Auch beim GHTC gibt es ja gerade eine Kunstrasen-Sanierung, so dass auch da alle Voraussetzungen gegeben sind für eine sehr zukunftsfähige Weiterentwicklung. Im Nachwuchsbereich ist Gladbach immer schon ein bedeutsamer Verein gewesen, auch für den ganzen Bereich Nordrhein-Westfalen. Unser Wunsch ist natürlich, dass auch hier mit dem GHTC ein Klub in den Bundesligen existent ist, weil es das breitere Interesse in der Region trägt.

Es gab mal zwei Top-Vereine hier, neben dem GHTC noch den Rheydter SV, der Europapokal-Teilnehmer war. Das ist schon schwierig, das in der Größenordnung wieder hinzukriegen, oder?

Hillmann Es sind ja sogar drei Hockey-Vereine hier, es gibt auch noch den Rheydter Hockey-Club. Und alle drei haben ihre Existenzberechtigung. Das ist manchmal breitensportlich organisiert, manchmal mehr von Eltern getragen, andere haben einen Inklusions-Schwerpunkt. In der Hinsicht muss sich Hockey auch breiter und weiter aufstellen. Es wird auch Klubs geben, die 120 oder 150 Mitglieder haben. Wenn wir in die Niederlande gucken, gibt es da zentral gelegene Sportstätten, die von mehreren Klubs genutzt werden. Das ist auch ein Denkmodell für Gladbach. Das Stadion wird immer der Event-Platz bleiben, aber es hat bald noch zwei Felder, die auch regelmäßiger als nur von den Nationalmannschaften genutzt werden sollten. Und wenn wir das Zentrum haben, könnten da auch Workshops angeboten werden, zum Beispiel zum Thema Inklusion, das in Gladbach durch das Walter-Meyer-Gedächtnisturnier und das Special Hockey-Team schon vorgelebt wird. Da kann man das Zentrum allen Klubs zur Verfügung stellen, um sich in dieser Richtung zu entwickeln.

Ist die Pro League also der Auftakt für eine neue Ära im Hockeypark?

04.04.2019, Mönchengladbach, NRW: Redaktionsgespräch mit Walter Hillmann, Präsident Deutscher Hockey-Bund. Foto: Bauch, Jana (jaba)

Hillmann Definitiv. Der Hockeypark gibt uns wieder neue Möglichkeiten, uns noch breiter aufzustellen.