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Fußball: Der Frauen-Trend allein reicht nicht

Fußball : Der Frauen-Trend allein reicht nicht

Ursula Sieben, Referentin für Frauenfußball, über die aktuelle Entwicklung ihres Sports im Kreis Mönchengladbach-Viersen und was die Frauen-Weltmeisterschaft in Deutschland den kleinen Vereinen bringen kann.

Borussias Frauen haben vergangene Woche gleich zwei Aufstiege gefeiert. Zudem hat der FSC trotz desolater Vorrunde in der Niederrheinliga noch die Chance auf den Klassenverbleib. Fällt ihr Saisonfazit für den Mönchengladbacher Frauenfußball entsprechend positiv aus?

Sieben Selbst wenn der FSC neben der Zweiten auch noch mit seiner Ersten Mannschaft absteigen sollte, ist es insgesamt ein gutes Jahr. Neben Borussia dürfen wir schließlich auch die Sportfreunde Neuwerk nicht vergessen, die aus der Kreis- in die Bezirksliga aufgestiegen sind.

Waren die Erfolge der Borussinnen die logische Konsequenz aus dem gesteigerten Engagement der letzten Jahre?

Sieben Das kann man so sagen. Dort ist sehr viel Aufbauarbeit geleistet worden, zuletzt die Erste Mannschaft immer punktuell verstärkt worden, so dass es irgendwann klappen musste. Und dass die Reserve jetzt bis in die Niederrheinliga durchmarschiert ist, spricht für sich.

Dagegen hat der FSC, lange Aushängeschild des Frauenfußballs im Kreis MG-Viersen, Probleme?

Sieben Es war vor zehn Jahren deutschlandweit zu beobachten, dass reine Frauen- und Mädchenfußballvereine mit solider Aufbauarbeit sehr schnell sehr weit nach oben gekommen sind. Doch heute ist es für diese Klubs schwer, mit den finanzstärkeren Gegnern mitzuhalten. Für den FSC, der immer schon eine gewisse Konkurrenzsituation mit Borussia hatte, ist es sicher möglich, in der Niederrheinliga oder zukünftig auch mal wieder in der Regionalliga mitzuspielen.

Wie sieht es bei den unterklassigen Gladbacher Vereinen aus?

Sieben Ich bin schon ein wenig enttäuscht, dass dieses Jahr vier Mannschaften in der Kreisliga, darunter Grün-Weiß Holt und Blau-Weiß Meer, die Saison nicht zu Ende spielen konnten. Auch wenn jetzt der 1. FC mit einer zweiten Mannschaft, Rheydt 08 und eventuell Odenkirchen-Süd dazukommen, ist es so nicht möglich, wie angedacht eine Kreisliga nur mit Mannschaften aus dem Kreis Mönchengladbach-Viersen zusammenzustellen.

Wo liegt das Problem bei den Kreisliga-Vereinen?

Sieben Es fehlt zumeist am Unterbau. So hat Holt seit einigen Jahren keine Mädchen-Mannschaft mehr. Und wenn nichts nachkommt, ist auf Dauer eine Frauen-Mannschaft nicht aufrecht zu erhalten. Dann nehmen sich die Vereine die Spielerinnen nur gegenseitig weg. Wer ein Frauenteam aufbauen möchte, muss sich zunächst um die Jugendarbeit kümmern.

Fehlt es den Klubs dabei an Engagement, Geld oder an der Überzeugung?

Sieben Es ist einfach mit sehr großem Zeitaufwand und viel Idealismus verbunden, Mädchen- und Frauenmannschaften aufzubauen. Wir reden hier schließlich von einem Zeitraum von circa fünf bis zehn Jahren, in dem sich vielleicht noch nicht einmal großer sportlicher Erfolg einstellt.

Wo müssen die Vereine den Hebel ansetzen?

Sieben Es ist wichtig, eine breite Basis aufzubauen. Nicht nur für die einzelnen Vereine, sondern allgemein für den Frauenfußball. Insofern sind heutzutage Kooperationen mit Schulen unerlässlich. Hinzu kommt das Thema Integration, das immer mehr an Bedeutung gewinnt. Über die Schulen können die Vereine auch die Mädchen muslimischer Abstammung erreichen, deren Eltern dem Fußball vielleicht noch ablehnend gegenüberstehen.

Was ist noch wichtig?

Sieben Auch beim Übergang der U17-Juniorinnen in den Erwachsenenbereich müssen die Klubs aufpassen. Oft haben die Mädchen noch keinen Führerschein, und die Ausbildung steht an. Bei den Jungen, die aus der U 19 kommen, sieht das anders aus, sie können sich zudem selbst in der Kreisliga manchmal schon ein kleines Taschengeld durch Fußball dazu verdienen.

Kann die Frauenfußball-Weltmeisterschaft in Deutschland in diesen Punkten etwas bewirken?

Sieben Ich glaube, das ist eine ganz andere Ebene. Da geht es um eine Handvoll Nationalspielerinnen und nicht um die Nachhaltigkeit in den kleinen Vereinen.

Also ist Eigeninitiative gefragt.

Sieben Ja, die Klubs müssen am Ball bleiben. Aber es soll niemand eine Frauenmannschaft gründen, nur weil das gerade im Trend liegt. Da habe ich in Gladbach lieber nur fünf oder sechs Vereine, die das dann aber auch solide und langfristig machen.

Thomas Grulke führte das Gespräch.

(RP/rl)