Billard-Präsident Helmut Biermann „In den Medien sind wir nicht mehr präsent“

Interview · Helmut Biermann ist Präsident der Deutschen Billard-Union (DBU) und einer der weltweit am besten vernetzen Billardfunktionäre. Mit der Dreiband-WM für Nationalteams in Viersen steht nun der Höhepunkt des deutschen Billardjahres an. Im Interview spricht de 67-Jährige über den Reiz am Spielort Viersen, den Dopingfall Ronny Lindemann, Billardbegeisterung in Asien und den TV-Sport Snooker.

Helmut Biermann, Präsident der Deutschen Billard-Union (DBU).  Foto: Jörg Knappe

Helmut Biermann, Präsident der Deutschen Billard-Union (DBU). Foto: Jörg Knappe

Foto: Ja/Knappe, Joerg (jkn)

Herr Biermann, die offizielle Zusage des Weltverbands für die Ausrichtung der Nationen-WM gilt immer für fünf Jahre. 2023 läuft diese für die an die Deutsche Billard-Union (DBU) aus. Muss man sich Sorgen machen um die WM in Viersen?

Helmut Biermann Nein, eine Gefahr sehe ich nicht. Es besteht ein „Gentlemen Agreement“ zwischen der DBU und dem Weltverband. Da steht der Weltverband bei mir im Wort. Solange die WM in Deutschland ausgerichtet werden soll und wir das auch wollen, wird die Veranstaltung hierbleiben. Es steht und fällt immer mit dem Geld. Unsere Sponsorenvereinbarung für die Veranstaltung mit dem Unternehmen SAB Bröckskes aus Süchteln läuft in diesem Jahr aus. Ich hoffe, dass wir zu einer weiteren Vereinbarung kommen. Beim Bundesministerium des Inneren und für Heimat bin ich zuversichtlich, dass wir weiterhin gefördert werden. Das Land NRW hat die WM immer unterstützt, wofür wir nach wie vor äußerst dankbar sind. Daher denke ich, dass die Weichen gestellt sind.

Die Nationen-WM hat seit 1990 ihren festen Platz in Viersen. Die Einzel-WM im Dreiband wandert hingegen jährlich durch Metropolen wie Kairo, Ankara oder Seoul – was macht den Reiz an Viersen aus?

Biermann Das ist historisch gewachsen. Wir haben über Jahrzehnte unsere Kontakte hier ausgebaut. Die Möglichkeiten in Viersen haben wir woanders nicht. Ich komme aus Herne, also mitten aus dem Ruhrpott, und habe gute Kontakte in alle Ruhrgebietsstädte. Nur: Das ist für uns alles unbezahlbar. Da kriegen wir keinen Fuß in die Tür, egal wie populär wir sind. Die Sportler fühlen sich unheimlich wohl in Viersen, die Festhalle ist ein Traum für Billard. Die Halle hat einen Charme, den man woanders nicht findet. Es ist eine intime Atmosphäre, die Akustik ist gut. Es passt alles. Die Sportler wissen: Einmal im Jahr findet Viersen statt. Das ist ein fester Platz im Kalender. Es ist wie Wimbledon im Tennis – jedes Jahr wird es gespielt und immer an der gleichen Stätte.

Im Vorjahr gab es für Deutschland Bronze in Viersen. Die Medaille ist inzwischen nach dem positiven Dopingbefund von Ronny Lindemann aberkannt worden. In einer Dopingprobe in Viersen aus dem Vorjahr war der Grenzwert Wert für THC-Carbonsäure überschritten. Wie ist der Verband damit umgegangen?

Biermann Es war eine Hängepartie. Das Urteil kam ja erst am 20. Januar dieses Jahres. Wir sind seitens des Weltverbandes erst Ende Juli 2022 über das positive Ergebnis der Dopingkontrolle informiert worden. Der Sportler hat sich dann auch uns gegenüber erklärt. Nachdem das Verfahren in Gang gebracht wurde, mussten wir auf das Urteil der Anti-Doping-Kommission warten und wussten nicht: Darf er spielen, unter Umständen auch in Viersen? Kann man ihn überhaupt nominieren? Es gab bis dahin kein Urteil und es galt die Unschuldsvermutung. Es hätte aber ein Geschmäckle gehabt, auch für seinen Teamkollegen Martin Horn, der nicht besonders erfreut darüber ist, dass er um die Bronzemedaille gebracht wurde. Das kann man durchaus nachvollziehen. Nach der durch das Urteil verhängten dreimonatigen Sperre haben wir sofort die Auflagen des Weltverbandes umgesetzt: Preisgeld zurück, Medaille zurück und Pokal zurück. Anschließend hat das Präsidium Lindemann bis Ende 2023 aus dem Kader ausgeschlossen. Wir riskieren ja unter Umständen unsere Bundesförderung, wenn wir einen als Dopingsünder überführten Sportler im Kader belassen.

Wie schätzen Sie nun die Chancen des deutschen Teams ein?

Biermann Çengiz Karaça ist die Nummer drei in Deutschland, daher hat es sich automatisch ergeben, dass er statt Lindemann im Team ist – zumal er mit Horn in der Bundesliga zusammenspielt. In der Gruppe mit Korea, Mexiko und Ägypten sollte es möglich sein, den zweiten Platz hinter Korea für das Erreichen des Viertelfinales zu belegen. Danach geht es in die K.o.-Runde und aufgrund des Spielsystems – mit einer Entscheidungspartie im Doppel bei einem Unentschieden – kann dann alles passieren. 

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Foto: Helga Ackermann

Im Vorjahr stellten Sie einen gewissen Zuschauerschwund fest. Wie sind nun die Erwartungen?

Biermann Wir haben die Erfahrung gemacht: Egal was und wie intensiv wir etwas im Vorfeld machen, es kommen die, die kommen wollen – wir generieren da nicht mehr Klientel. Wir bekommen merkwürdigerweise ja auch die Leute aus Viersen nicht in die Halle. Neben den treuen deutschen Besuchern besuchen uns ja vor allem Leute aus Belgien und den Niederlanden. Wobei im Moment ja festzustellen ist, dass die Leute nach der Corona-Zeit wieder vermehrt Veranstaltungen besuchen. Ich hoffe, dass wir auch davon profitieren.

Positiv wurde 2022 hingegen das erstmalig kostenfreie Streamingangebot angenommen. Eine Chance zur besseren Vermarktung des Sports?

Biermann Bei der Vermarktung sind wir nach wie vor auf persönliche Kontakte angewiesen. Es wird häufig gefordert, wir müssen mehr für die Vermarktung tun – es liegt aber auch daran, dass wir in den Medien überhaupt nicht präsent sind. Den Stream, den wir hier bei der WM produzieren, den könnten wir frei an die Fernsehanstalten geben, die diesen live kostenfrei ausstrahlen könnten – aber da gibt es kein Interesse dran. Keine Fernsehpräsenz, keine Sponsoren – keine Sponsoren, keine Fernsehpräsenz. Den Kreislauf wissen wir derzeit leider nicht zu durchbrechen.

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In vielen asiatischen Ländern gilt Billard als Volkssport. Kann man sich davon irgendetwas abschauen?

Biermann Die Mentalität ist dort eine ganz andere. Alleine in Seoul gibt es 1000 Spielstätten für Karambol-Billard. Beim Weltcup in Ho-Chi-Minh-City in Vietnam wird beispielsweise in einer Sportstätte gespielt, die über 100 Karambol-Tische verfügt. Die Dimensionen sind ganz andere als hier. Den Status hätten wir ja gerne – haben wir aber nicht.

Allerdings hat sich in Deutschland zumindest Snooker als TV-Sport etabliert. Hat das etwas bewirkt?

Biermann Die Snooker-Turniere werden vom kommerziellen Veranstalter Matchroom Sports organisiert, der sich nicht um die nationalen Verbände schert. Es ist komplett marktorientiert. Da spielen in einer geschlossenen Gesellschaft 128 Profisportler, die bei uns vertraglich nicht mitspielen dürfen. Selbst unsere Kadersportler haben das Erreichen der Snooker-Haupttour als Ziel. Wir bilden diese Sportler über Jahre aus, finanzieren alles – und dann stehen sie uns nicht mehr zur Verfügung. Bis jetzt war es so: Die haben zwei Jahre auf der Haupttour mitgespielt und waren danach mehr oder weniger pleite, weil sie nicht in die Preisgeld-Ränge kommen, in denen sie davon leben können. Ich finde ja gut, dass Billard im TV zu sehen ist. Ich sehe aber nicht, dass die Mitgliederzahlen dadurch steigen oder es neue Snooker-Vereine gibt.

Wie stellt sich der Billardsport in Deutschland zukunftsfähig auf?

Biermann Wir haben unsere Sportförderung komplett umgestellt und fördern nur noch unsere Kadersportler: 9-Ball, Dreiband im Karambol und Snooker – das sind die Wettbewerbe, die für uns förderungswürdig sind und die vonseiten des Bundesministeriums des Inneren und für Heimat anerkannt und gefördert werden. Alles andere ist Breitensport, da gibt es nur noch die Basisförderung. Das ist in den Nicht-Olympischen-Verbänden so üblich. Wir haben allerdings ein riesiges Nachwuchsproblem.

Wie wird das Nachwuchsproblem angegangen?

Biermann Unsere Jugendorganisation geht das Problem gerade mit massiver finanzieller Unterstützung an und versucht, über neue Programme und starke Einbindung sozialer Medien mehr Aufmerksamkeit für den Billardsport zu generieren. Zum Beispiel soll durch den Einsatz portabler Billardtische unser Sport in Schulen, Jugendheimen und so weiter präsentiert werden können. Der fehlende Nachwuchs im Billardsport ist aber kein spezifisch deutsches Problem. 

Sie haben vor einiger Zeit angekündigt, Ihr Amt als Präsident bald aufzugeben. Wie lange bleiben Sie dem Sport noch erhalten?

Biermann Ich bin mit 67 nun seit 52 Jahren regional, national und international im Billardsport unterwegs. 2017 bin ich als Präsident für eine Restwahlperiode und eine zusätzliche Wahlperiode von vier Jahren angetreten, die eigentlich Ende November 2022 zu Ende gewesen wäre. Ich stehe da bei meiner Familie im Wort, irgendwann mal kürzerzutreten. Am 25. März wird ein neues Präsidium gewählt. Es wird zukünftig dann einen hauptberuflichen Vorstand und ein ehrenamtliches Präsidium geben. Um einen geordneten Übergang sicherzustellen, ist geplant, dass wir uns für zwei Jahre für den Wissenstransfer als Vorstand zur Verfügung stellen. Danach sollte es aber auf nationaler Ebene mal gut sein. Dem Sport bleibe ich aber auf regionaler Ebene noch erhalten: Bis 2025 bin ich als Präsident des Billard-Verbandes Westfalen gewählt.

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