Redaktionsgespräch Roland Weiniger: Spielen verzögert Demenz

Redaktionsgespräch Roland Weiniger: Spielen verzögert Demenz

Der Leiter des Piaget Instituts für Wissenschaftskommunikation und Bürgerpartizipation spricht über seine Ideenschmiede und über das Potenzial Mönchengladbachs als Messestadt. Er hat Spiele gegen Demenz entwickelt - und wurde dafür ausgezeichnet.

Sie bezeichnen sich selbst als "Interactive Experience Designer". Was bitteschön ist das denn?

Roland Weiniger Es geht darum, anderen interaktive Erfahrungen zu ermöglichen. Zum Beispiel durch Spiele am Computer, im Escaperaum oder auch in Simulationen, die Wissen vermitteln, wie bei interaktiven Führungen durch Museen.

Sie sind Spieleentwickler, Berater, Erfinder, Gründer - und leiten seit Oktober ein Institut für Wissenschaftskommunikation und Bürgerpartizipation in Rheydt. Was passiert dort?

Weiniger Das Büro ist eigentlich eine Ideenschmiede. Jeder, der eine Idee hat, kann kommen. Viele Menschen haben Ideen, wissen aber nicht, wie sie sie umsetzen können. Vor allem bei der Finanzierung wird es schwierig. Ich bin seit vielen Jahren interdisziplinär in der Forschung aktiv, entsprechend vernetzt, und muss eines ganz gut können, an dem viele scheitern: Förderanträge schreiben. Das ist unser tägliches Brot. Je höher die Ebene ist, desto komplexer ist allerdings der Antrag. Anträge für EU-Mittel sind deutlich umfangreicher als solche für Landes- oder Kommunalmittel.

Und wer kommt?

Weiniger Das ist sehr unterschiedlich. Neulich war ein ehemaliger Berufsschullehrer da, der gern junge Start-ups unterstützen würde. Aber meistens kommen Leute aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, die viele gute Ideen haben, aber kein Geld. Oder Künstler, die nicht wissen, wie sie eine Ausstellung finanzieren können. Manchmal kann man auch ganz einfach unterstützen. Ein befreundeter Künstler, der sehr coole Holzskulpturen macht, suchte eine Ausstellungsmöglichkeit und konnte sich dann bei unserer Institutseröffnung präsentieren.

Wie wird Ihre Arbeit bezahlt?

Weiniger Entweder durch eine erfolgsabhängige Pauschale oder indem wir als Projektpartner mit im Boot sind. Unsere Grundidee ist die eines Reallabors: Wir machen Experimente im urbanen Raum.

Sie haben sich erst einmal in Rheydt angesiedelt. Wie ist Ihre Sicht auf diesen Teil der Stadt?

Weiniger Sehr positiv, und zwar - so paradox das klingt - weil viel im Argen liegt. Der Leerstand zum Beispiel ist eklatant. Es gibt also Probleme, aber gleichzeitig merkt man, dass sich etwas tut, dass es ein Umdenken gibt, dass Bewegung entsteht. Deshalb ist es ein guter Ort und ein guter Zeitpunkt, um mit etwas Neuem anzufangen. Das passt wunderbar.

Sie kommen aus Nürnberg, haben lange dort gearbeitet, waren aber auch schon in Wien und Schwerin. Wieso jetzt Mönchengladbach?

Weiniger Der Liebe wegen. Meine heutige Ehefrau ist Gladbacherin.

Unter anderem haben Sie in den vergangenen Jahren ein Spiel für Demenzkranke, ein Virtual-Reality-Training zur Einübung von Erste-Hilfe-Maßnahmen und ein interaktives Lernspiel zur sprachlichen Förderung von Migranten entwickelt. Was ist der Vorteil von solchen spielerischen Ansätzen?

Weiniger Spiele motivieren auf besondere Art, nämlich intrinsisch, aus sich selbst heraus. Man spielt, weil es Spaß macht. Extrinsische Motivationen sind beispielsweise Geld oder gute Noten. Das ist etwas ganz anderes. Außerdem lernt man beim Spielen, zu verlieren. Auch das ist wichtig. Man erkennt, dass Scheitern nichts Schlimmes ist.

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Beliebte Computerspiele wie Counter Strike oder World of Warcraft sind bei vielen wegen ihrer Gewaltdarstellungen beziehungsweise ihres Suchtpotenzials in Verruf geraten. Wie sehen Sie das?

Weiniger Ich bin kein Fan von Ballerspielen. Man muss schon kritisch bleiben, aber andererseits haben wir alle Cowboy und Indianer gespielt. In vielen dieser Spiele geht es auch um Teamarbeit und Austausch. Da werden wichtige Eigenschaften trainiert. Nicht umsonst steckt das US-Militär sehr viel Geld in diese Art von Spielen.

Sie haben auf der Erfindermesse einen Preis für Ihr Spiel für Demenzkranke bekommen. Wie kam es dazu?

Weiniger Ja, das ist im Rahmen eines Langzeitprojekts entstanden. Wir haben in einem Altenheim getestet, wozu die Bewohner Lust haben. Wir haben Konsolen und Spiele ausprobiert, um festzustellen, was sie interessiert. Dabei wurde unter anderem deutlich, dass die Spiele in der Gruppe stattfinden müssen und möglichst regelmäßig, also zum Beispiel immer montags um drei. Außerdem weiß man inzwischen, dass Spielen Demenz verzögert, wenn es motorische und kognitive Elemente verbindet. Das Spiel, das ich entwickelt habe, ist ähnlich wie Wii-Bowling, aber es gibt keinen Bildschirm und vor allem keinen Controller. Der ist für Menschen mit Demenz zu kompliziert. Stattdessen werden Bälle auf Ziele geworfen. Sensoren registrieren die Treffer, und das Programm zählt mit. Felder-Bowling heißt das Spiel. Es existiert bisher allerdings nur als Prototyp.

Sie planen eine Wissenschaftsmesse in Mönchengladbach. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Weiniger Ich habe darüber nachgedacht, was der Stadt fehlt und was Start-ups brauchen. Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass es keine Messe gibt, obwohl Mönchengladbach ein extrem guter Standort ist. Die Lage im Rheinland zwischen dem Ruhrgebiet und den Niederlanden ist ideal. Natürlich muss man etwas Neues machen, denn mit Köln oder Düsseldorf kann Mönchengladbach nicht so ohne weiteres konkurrieren. Es muss also etwas Ungewöhnliches und Einzigartiges sein. In Deutschland gibt es bisher noch keine interdisziplinäre Wissenschafts- und Forschungsmesse. Aber es ist ein Bereich, in dem ich mich sehr gut auskenne. So ist die Idee der Wissenschaftsmesse entstanden.

Und Sie glauben, dass Sie genügend Aussteller nach Mönchengladbacher locken können?

Weiniger Sicher, ich bin sehr gut vernetzt. Öffentlich geförderte Projekte haben immer auch die Aufgabe, sich und ihre Ergebnisse in der Öffentlichkeit vorzustellen. Jedes Projekt hat Budgets dafür. Ich habe ein Konzept für die Messe mit meinem Team fertig ausgearbeitet. Im Vorfeld findet ein Kongress statt. Damit beginnt die dreitägige Messe, auf der sich wissenschaftliche Projekte vorstellen. Es gibt auch Kleinststände für studentische Projekte. Eine internationale Jury vergibt Preise. Zwei Tage lang geht es um fachlichen Austausch, der dritte Tag ist Publikumstag, bei dem zum Schluss ein Publikumspreis vergeben wird. Stattfinden kann die Messe zum ersten Mal in etwa einem Jahr, also im November oder Dezember 2018. Was noch fehlt, ist der richtige Ort. Es kommen in Mönchengladbach nicht allzu viele Locations in Frage. Aber die Wissenschaftsmesse ist nicht die einzige Messe, die wir planen.

Noch mehr Messen?

Weiniger Mein mittel- bis langfristiges Ziel ist es, Mönchengladbach zur Messestadt zu machen. Ich habe noch zwei weitere Messen in Vorbereitung. Die erste heißt "Nerds meet Business". Es gibt viele Szenen wie die der Trekkies oder der Computerspieler, die viel Zeit und Energie in diese Dinge stecken. Sie sind im technischen Bereich oft Pioniere und denken sehr visionär. Zum Beispiel im Bereich Künstliche Intelligenz. Das hat Science Fiction längst abgearbeitet, das ist alles schon durchdacht. Dieses Potenzial gilt es zu heben, dieses Wissen anzuzapfen und mit den Unternehmern zusammenzubringen. Eine derartige Messe gibt es noch nicht. Das erfordert viel Arbeit, aber ich kann mir vorstellen, sie in einem ersten kleineren Rahmen im September durchzuführen. Die dritte Idee ist die am wenigsten ausgearbeitete: Da ginge es um eine Publikumsmesse, Arbeitstitel "Romance". Sie sollte viel weiter gefasst sein als eine Hochzeitsmesse und die Felder Partnerschaft, Hochzeit und Dating abdecken. Das könnte eine große Chance für Mönchengladbach sein, weil auch Gastronomie und Handel einbezogen werden können.

Wo würden Sie eine solche Messe durchführen wollen?

Weiniger Für eine große Publikumsmesse fehlen im Augenblick die Räumlichkeiten. Da müsste man Partner finden, Investoren, die Hallen umbauen oder neu errichten.

MARLEN KESS UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(RP)