"Deine Stimme zählt" in Mönchengladbach: Speed-Dating - ein erster Flirt mit der Politik

"Deine Stimme zählt" in Mönchengladbach: Speed-Dating - ein erster Flirt mit der Politik

Politisches Speed-Dating mit Schülern in Mönchengladbach

24 Schüler zwischen 14 und 18 Jahren trafen auf Einladung der Rheinischen Post und der Stadtsparkasse fünf Kandidaten für die Landtagswahl - jeden Politiker löcherten sie zehn Minuten mit ihren Fragen.

SPD: Einnahmen verbessern

Hans-Willi Körfges erwartet viele Themen von den Schülern. Aber nicht gerade das Thema Haushalt und Steuern. In der ersten Frage der Schüler geht es dann doch um Schulden und Sparen. "Wir werden die Schuldenbremse bis 2020 einhalten", sagt der Haushaltsexperte und SPD-Kandidat für den südlichen Wahlkreis. "Wenn wir vernünftig mit dem Geld umgehen, sinnvoll investieren und die Einnahmen verbessern." Wie die SPD denn die Einnahmen verbessern wolle, fragt Alexander Lodes. "Wir kaufen CDs ein und helfen damit der Steuerehrlichkeit nach. Auch die Vermögensteuer ist ein Instrument dafür." Benno Embser will wissen, warum die Grunderwerbssteuer auf 6,5 Prozent erhöht wurde. "Niemand erhöht gerne die Steuern. Aber die Alternative wäre gewesen, woanders zu sparen - oder etwa Studiengebühren einzuführen. Und das wäre nicht gerecht", so Körfges. Studienbeiträge, auch nachgelagert, lehnt er ab.

Foto: Detlef Ilgner

Bildung ist ein wichtiges Thema für die Schüler - vor allem G8 und G9. "Die totale Umstellung geht nicht mehr. Die Schüler müssen am Ende der Mittelstufe selbst entscheiden können, ob sie zunächst weitere Kurse besuchen wollen. An allen Schulen muss G8 und G9 möglich sein." Annabelle Kwofie fragt nach dem Ausbau der IT-Infrastruktur. "Man darf Kupferkabel nicht als letzte Lösung sehen. Bis 2020 wollen wir überall vernünftigen Standard haben, und zwei drei Jahre später Glasfaser." Tom Hilgers moniert, in der Schule wären die Computer zum Teil so alt, dass sie noch mit Windows XP liefen. "Die Schulen müssten besser ausgestattet und die Lehrer fortgebildet werden", verspricht Körfges. Simon Albertz fragt nach Koalitionen: "Wir haben gut mit den Grünen zusammengearbeitet. Aber der Wähler entscheidet. Von einer Großen Koalition bin ich nicht so der Freund, weil das die Ränder stärkt und die Unterschiede verwischt." angr

CDU: Die Sicherheit erhöhen

An Wochenenden soll die Polizei an Autobahnauffahrten stehen und kontrollieren, wer Richtung Niederlande unterwegs ist. "Schleierfahndung ist ein Thema, das ich absolut befürworte", sagt Jochen Klenner, CDU-Kandidat im nördlichen Wahlkreis. Die Auswahl der kontrollierten Fahrer dürfe aber nicht davon abhängen, ob der Fahrer ausländisch aussieht. Der Bevölkerung müsse ein stärkeres Gefühl von Sicherheit gegeben werden. "Wir brauchen mehr Polizisten. Und die müssen mehr Technik einsetzen."

Einige Schüler interessiert der Umgang mit Vorratsdatenspeicherung. Klenner befürwortet die Speicherung von Daten, wenn die Behörden sorgsam mit ihnen umgehen. Der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund sei das beste Beispiel. Da habe das Auslesen von gespeicherten Daten zur Ergreifung des Täters geführt. Klenner spricht sich zudem für mehr Videoüberwachung aus. Dazu gehören auch Body-Cams an den Uniformen der Polizisten.

Zwei Schüler wollen wissen, wie Klenner zur AfD steht. "Bei der AfD sind viele Dinge nicht demokratisch und entsprechen nicht der Verfassung. Die Partei bietet viele Schlagworte, aber keine Lösungen", antwortet er. Es sei weniger wichtig, sich um die Partei Gedanken zu machen, als viel mehr um deren Wähler. auch die Frage, wer eigentlich die Wähler der AfD seien, interessierte die Schüler. "Viele wählen sie, weil sie sich von anderen Parteien im Stich gelassen fühlen. Wir müssen hören, welche Sorgen die Wähler der AfD haben." Der digitale Wandel müsse an den Schulen stärker voran getrieben werden. "Die Geräte habt ihr eh alle dabei, seien es Smartphones oder Tablets. Ich bin dafür, sie stärker im Unterricht einzusetzen." In Gladbach gebe es allerdings Gegenden, in denen das Internet viel zu leistungsschwach sei. cli

Grüne: Wählen ab 16 Jahren

Für die Grünen tritt Lena Zingsheim im südlichen Wahlkreis an. Mit 23 Jahren ist sie die jüngste Politikerin beim Speed-Dating. Als angehende Lehrerin liegt ihr das Thema Bildung besonders am Herzen. Die Schüler-Gruppen interessiert im Gespräch mit ihr auch dieses Thema am meisten. Abitur nach acht oder neun Jahren (G8/G9)? Bei vielen Schülern punktet Zingsheim damit, den Schulen und den Schülern die Entscheidung zu überlassen. Klar müssten Schulen besser ausgestattet werden (Tablets und eine digitale Tafel). "Zudem müssen die Lehrer besser im Umgang mit moderner Technik geschult werden."

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Ein weiteres Thema, nach dem die Schüler besonders häufig fragen, ist der Umgang mit Flüchtlingen und Innerer Sicherheit. Wie können die Menschen integriert werden? Sollte konsequenter abgeschoben werden? Ein Schlüssel zur gelingenden Integration sei laut Zingsheim die Unterbringung von Flüchtlingen in den Stadtzentren und nicht am Stadtrand. Abgeschoben werden sollte nur in wirklich sichere Herkunftsländer (nach gründlicher Prüfung). "Afghanistan gehört meiner Meinung nach nicht dazu", sagt sie.

Zingsheim schlägt beim Thema Kultur mehr Flächen für Kunst- und Kulturschaffende vor. Zudem brauche es mehr Beteiligung der Jugend bei politischen Entscheidungen, beispielsweise durch die Schaffung eines Jugendrates. So würde das politische Interesse gesteigert. Wie auch durch die Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre. maxk

FDP: Digitalisierung forcieren

Nach der zweiten Runde besorgte sich Andreas Terhaag schnell ein Glas Wasser. Er spricht viel in der kurzen Zeit. In Sachen Haushalt stellt er klar: "Wir haben kein Einnahme-, sondern ein Ausgabeproblem, vor allem müssen wir in NRW Bürokratie abbauen", betont der 49-Jährige. Beim Thema der inneren Sicherheit müsse die Polizei durch mehr Personal und eine bessere Ausstattung gestärkt werden. Und bezüglich der Energiepolitik sagt Terhaag: "Im Moment sehe ich noch nicht, wie wir auf die Braunkohle verzichten können."

Im Fokus der Gesprächsrunden steht deutlich die Bildungspolitik. Terhaag, der sich nachgelagerte Studiengebühren an den Hochschulen durchaus vorstellen kann, ist für intelligente Konzepte, um die Digitalisierung in der Schule zu forcieren: "Das ist die Zukunft, und wir sind es gewohnt die Technik zu nutzen. Aber wir benötigen dazu auch jene, die Programme entwickeln können." Stark machen wolle er sich für eine neue Schwerpunktsetzung im Unterricht: "Ich halte es für richtig, Informatik zum Grundpflichtfach zu machen, auch Wirtschaft ist ein wichtiges Feld. Ich finde es bedenklich, wenn Stundenten zwar den "Faust" ins Alt-Griechische übersetzen, aber ihren Mietvertrag nicht lesen können."

Als Paul Spieles ihn nach dem Wahlrecht mit 16 fragt, fällt ihm die Antwort einfach: "Ich bin dafür, weil ich es 16-Jährigen zutraue. Doch ich muss auch ehrlicherweise sagen, dass wir uns in der FDP dagegen entschieden haben." togr

Die Linke: Geld genug ist da

Die Wirkung von Schul- und Bildungspolitik kennen die Schüler aus eigener Anschauung, und dazu stellen sie dem Kandidaten der Linken Torben Schultz viele Fragen. Mehr Lehrer brauche man natürlich, allein 9000 zusätzliche Stellen für die Inklusion, stellt Schultz fest. Er setze auf die Schule für alle. "Gemeinsames Lernen bis zur zehnten Klasse", wirbt er für das skandinavische Modell. Es sei zu früh, in der vierten Klasse über Abitur, Studium oder Ausbildung zu entscheiden. Die Schüler haken nach: Bleiben da nicht die Stärkeren auf der Strecke? Nein, sagt Schultz: "Die Schüler helfen sich gegenseitig, alle profitieren davon." Außerdem müssten sich Phasen intensiven Lernens mit spielerischen Phasen und Projektarbeit abwechseln.

Skeptisch sind die Schüler, was die finanzielle Kompetenz der Linken angeht. Wie denn die Investitionen in Schulen oder die Sozialpolitik bezahlt werden sollten?. "Es ist genug Geld da", sagt Schulz. "Es ist nur falsch verteilt." Er spricht sich für eine Reichensteuer und höhere Steuersätze aus. "Wenn wir wieder die Steuersätze aus der Zeit Helmut Kohls, nicht gerade ein Linker, hätten, wären 80 Milliarden Euro mehr im Bundeshaushalt, zehn Milliarden davon in NRW", rechnet er vor. "Das würde reichen, um unser gesamtes Wahlprogramm zu finanzieren. Und nach der Flüchtlingspolitik gefragt, stellt er fest: "Asylrecht ist Menschenrecht, deshalb gibt es keine Obergrenze. Aber in wirksame Entwicklungshilfe zu investieren ist besser als alle Flüchtlingshilfe." arie

(RP)
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