Mönchengladbach: Sonja Oberem – die Marathon-Frau

Mönchengladbach: Sonja Oberem – die Marathon-Frau

Sie ist Mönchengladbachs Vorzeige-Leichtathletin. Niemand war in den vergangen 50 Jahren erfolgreicher: Achte bei den Olympischen Spielen 1996 über die 42,195 Kilometer. Von ihrer Bestzeit können die Männer in dieser Stadt jedenfalls heute nur träumen. Und im Triathlon war sie als Juniorin absolute Weltspitze.

Ein Super-Leichtgewicht ist sie immer noch, auch wenn sie zugelegt hat, seit sie 2005 mit dem Hochleistungssport aufgehört hat. Ihr aktuelles Gewicht: "52, vielleicht 53 Kilo", meint die 39-Jährige. 48 Kilo, verteilt auf 170 Zentimeter Körperlänge, das war ihr "Kampfgewicht" vor elf Jahren, als sie ihre Bestzeit lief: zwei Stunden, 26 Minuten und zwölf Sekunden für die 42,195 Kilometer beim Hamburg-Marathon 2002. Das gelegentliche Getuschel, sie sei magersüchtig, hat sie relativ kalt gelassen: "Ich bin eben ein Typ, der nicht viel wiegt. Das liegt in der Familie. Mein Vater ist 68 und immer noch sehr schlank, obwohl er keinen Sport treibt."

Sonja Oberem heute.

Zwei Stunden, 26 Minuten und zwölf Sekunden für die 42,195 Kilometer: Das ist eine Zeit, von der die männlichen Leichtathleten in Mönchengladbach und Umgebung heute nur träumen. Marc Müller war 2011 mit 2:42,25 schon eine Ausnahmeerscheinung, Silke Optekampf lief immerhin mit 2:37,17 schon deutlich näher an Sonja Oberems Bestzeit heran. Doch ob Mann oder Frau: Erfolgreicher als Sonja Oberem ist in den vergangenen fünf Jahrzehnten kein Mönchengladbacher Leichtathlet gewesen.

Karin Junker-Potgieter vom Rheydter Turnverein war 1960 bei den Olympischen Spielen in Rom Vierte im Weitsprung. Sonja Krolik, so hieß sie 1996 noch, schaffte es bei den Spielen in Atlanta auf den achten Rang im Marathonlauf. Vier Jahre später in Sydney erlebte sie eine Riesen-Enttäuschung, für die es allerdings einen Grund gab: "Ich hatte mir im Trainingslager eine Oberschenkelzerrung zugezogen, die nicht auskuriert war und sich nach 15 Kilometern so sehr bemerkbar machte, dass ich am liebsten aufgegeben hätte. Aber das macht man bei Olympischen Spielen nicht." So quälte sie sich bis zum Ende, kam als 24. ins Ziel: "Das war ein total verkorkster Tag."

Eigentlich war Sonja Oberem Schwimmerin, hat es als Jugendliche sogar mal zu einem dritten Platz bei der Westdeutschen Meisterschaft gebracht. "Doch für größere Erfolge im Schwimmen bin ich zu klein und zu schmächtig", lernte sie. Und dann war da ein junger Mann in der gerade erst gegründeten Triathlon-Abteilung der Schwimm-Sport-Vereinigung (SSV) Rheydt, der sie zunächst für den Kombi-Wettkampf aus Schwimmen, Radfahren und Laufen interessierte und schließlich auch für sich selbst: Klaus Oberem.

Enormer Ehrgeiz und extreme Ausdauer zeichneten Sonja bereits als Kind aus. "Sie steckte sich schon immer sehr hohe Ziele", sagt Hans Segschneider. Er war ihr Rektor an der Grundschule Pahlkestraße, hatte sie dazu als Vorsitzender und Trainer der SSV Rheydt schon früh im Blick. Triathlon war eine Disziplin, in der Sonja Oberem bessere Möglichkeiten sah, weiterzukommen als in der Leichtathletik: "Im Langstreckenlaufen war ich viel besser als im Schwimmen. Und Radfahren kann schließlich jeder", sagt sie. Und mit ihrem unbändigen Ehrgeiz und ihrem läuferischen Talent ("Ich musste mich anfangs nicht sonderlich anstrengen, um auch einen größeren Rückstand nach Schwimmen und Radfahren aufzuholen") hat sie es sehr schnell ganz nach vorne geschafft im Triathlon. Gleich im ersten Jahr, 1989, wurde sie Deutsche Meisterin auf der Jedermann-Distanz: 750 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und fünf Kilometer Laufen. Und dann war auch schon Schluss mit Jedermann. Die gerade 17-Jährige wechselte 1990 auf die "ernsthafte" Strecke: die Kurzdistanz mit 1500 m Schwimmen, 40 km Radfahren und 10 km Laufen.

  • Geheimwaffe Gesa Krause : Marathon sucht Star

Und sie wurde zur absoluten Senkrechtstarterin: Junioren-Weltmeisterin 1990, 91 und 92 – bis sie aus dieser Altersklasse herausgewachsen war. Wobei die drei Weltmeisterschaften sie sehr weit durch die Welt geführt hatten: Orlando in Florida, Queenstown in Neuseeland und Muskoka in Kanada waren Orte, die allein schon eine Reise wert waren. Und erst recht, wenn man dann noch Weltmeisterin wurde. Auch in der Frauen-Klasse blieb Sonja Oberem erfolgreich, wurde 1992 und 94 Europameisterin, dazu 93 und 94 Deutsche Meisterin.

"Laufen ist meine absolute Stärke, auch wenn ich nicht durch die klassische Leichtathletikschule gegangen bin. Beim Laufen konnte ich einen relativ großen Rückstand nach dem Schwimmen und Radfahren aufholen und am Ende gewinnen", hatte Sonja Oberem sehr bald gemerkt. Aber sie erfuhr auch, dass beim Triathlon, jedenfalls damals, ein ganz großer Traum nicht zu verwirklichen war: der von Olympischen Spielen. Bei denen aber gibt es traditionell Langstrecken-Laufwettbewerbe.

Weit und schnell laufen, das kann sie ja. Und sie suchte sich gleich den längsten Lauf aus, den es bei den Olympischen Spielen gibt: den Marathon. Beim Silvesterlauf 1992 in Wegberg gab es den Einstieg ins Läuferleben, erst einmal vorsichtig über 15 Kilometer. Ein knappes Dreivierteljahr später ("Ich hatte die Triathlon-Europameisterschaft verpasst, weil ich verletzt war") lief sie in Berlin ihren ersten Marathon – und wurde gleich Zehnte. Noch mochte sie Triathlon nicht aufgeben, machte bis 1994 beides. Doch mit ihren wachsenden Marathon-Erfolgen merkte sie bald: "Beides ist auf diesem hohen Niveau nicht möglich."

Nach ihrem fünften Platz in Berlin 1994 (die Zeit: 2.31 Minuten) fiel die Entscheidung: für Marathon. Und Sonja, nun im Trikot Bayer Leverkusens und betreut von Top-Trainer Paul-Heinz Wellmann, lief immer mehr ganz vorne mit, wie ihre Plätze bei den im Zweijahres-Rhythmus ausgetragenen Weltmeisterschaften eindrucksvoll zeigen: 1995 Achte, 1996 Siebte, 1966 Sechste und 2001 Fünfte. Dazu 1996 Achte bei den Olympischen Spielen in Atlanta. Da war aber auch der frustrierende 24. Platz 2000 bei den Spielen in Sydney – mit dem ihr Ärger um Olympia losging. Die Spiele 2004 waren an historischer Stelle: in Athen. Wo dann schon vorher "geprobt" wurde – und die Mönchengladbacherin 2001 und 2002 die vorolympischen Läufe gewann. Es war ihre beste Zeit, in der sie auch ihre persönliche Bestleistung lief: eben dieses 2:26,12 Stunden.

Doch dann zwang ein Ermüdungsbruch in der Leiste sie 2003 zu einer fast einjährigen Pause – was die Teilnahme in Athen kostete und Unverständnis auslöste: "Ich hatte zwar die Qualifikationsnorm verpasst. Man hätte mich aber trotzdem mit nach Athen nehmen können, ohne dass ich jemandem den Startplatz weggenommen hätte. Aus rein politischen Gründen durfte ich nicht – das war sehr frustrierend." 2005 kam Sohn Felix; sie erklärte ihren Rücktritt vom Leistungssport. Vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking versuchte sie zwar doch noch einmal, ihre dritte Olympia-Teilnahme zu schaffen, aber ohne den nötigen Erfolg. "Ich konnte mich nicht mehr mit der nötigen Professionalität vorbereiten. Vom Kopf her war es einfach durch."

Mehr von RP ONLINE