Mönchengladbach: So gelingt der Sprung in die Zukunft

Mönchengladbach : So gelingt der Sprung in die Zukunft

Zahlreiche Traditionsbetriebe in der Stadt verpassten den Strukturwandel, andere erobern seit Jahren offensiv neue Märkte. Was ist ihr Geheimnis? Drei Firmenchefs sagen, wie sie ihr Unternehmen fit für die Zukunft machen.

Wer nicht stets vorwärts geht, der fällt zurück. Was nach einem Spruch aus einem chinesischen Glückskeks klingt, ist in Gladbachs Wirtschaft seit Jahrzehnten harte Realität: Textilfirmen und Maschinenbauunternehmen schlossen, da sie die Zukunft überraschte, Kaufhäuser verpassten den Zeitgeist, Einzelhandelsgeschäfte den Wandel. Wie erobert ein Unternehmen neue Märkte, wie schafft es den Sprung in die Zukunft? Die RP hat bei drei lokalen Firmenchefs, die den Wandel in ihren Betrieben erfolgreich vorantreiben, nachgefragt.

Schulte+Sohn Als Stadtmetzgerei startete das von Wilhelm Thiriart gegründete Unternehmen Schulte+Sohn 1903 in Rheydt. In den 60er Jahren übernahmen Wilhelm Schulte und seine Frau Christa das Geschäft in der Rheydter Innenstadt, bauten es kontinuierlich aus und belieferten bald Hotels, Restaurants und den Lebensmitteleinzelhandel mit Fleisch- und Wurstwaren. 1992 zog das Unternehmen in das Gewerbegebiet Güdderath. Burkhard Schulte leitet es inzwischen in der vierten Generation.

Behutsam öffnete er den Betrieb für ein neues Geschäftsfeld: Mittels der Plattform www.gourmetfleisch.de verkauft Schulte+Sohn Edel-Fleisch im Internet. Die Idee brachte Burkhard Schulte von einer Amerika-Reise mit. "Man muss versuchen, über den Tellerrand zu schauen, gegen den Mainstream zu arbeiten und eine Nische zu finden", verrät Schulte. 90 Prozent der Internet-Bestellungen werden von Schulte+Sohn binnen 24 Stunden ausgeliefert — selbst nach Paris.

"Man muss den Mut haben zu experimentieren. Und braucht natürlich eine vernünftige Anschubfinanzierung", sagt Schulte. Es gelte, den Markt zu beobachten, offen zu sein für Trends. "Wir werden den Internet-Handel auf jeden Fall weiter ausbauen", kündigt der Geschäftsführer an. Junkers & Müllers Seit mehr als 60 Jahren fertigt das Unternehmen technische Textilien in Mönchengladbach. Dreimal schon hat es seinen Maschinenpark ausgetauscht, um auf die gewandelten Bedürfnisse der Kunden reagieren zu können.

Es begann mit der Stoffproduktion für Regenschirme, es folgten textile Duschvorhänge und der innenliegende Sonnenschutz wie etwa Rollo, Plissee und Lamelle. Zwischenzeitlich fertigte das Unternehmen auch Deko-Stoffe. Ein weiteres Geschäftsfeld sind heute die sogenannten Media-Textilien, die unter anderem für Werbebanner gebraucht werden. "Wir haben uns immer wieder neu erfunden", sagt der technische Geschäftsführer Udo Jakobs und betont den Stellenwert von Investitions- und Entwicklungsfreude.

"Man sollte immer bereit sein, neue Wege zu gehen." Wichtig sei auch der Mut zum antizyklischen Denken: Mit mehr als 300 Produkten präsentierte sich Junkers & Müllers während der Wirtschaftskrise 2008 auf einer Messe. "Während alle aus Angst auf die Bremse getreten sind, haben wir extra in die Entwicklung investiert", sagt Jakobs. "Wir waren beinahe die Einzigen auf der Messe, die Neues präsentieren konnten. " Badshop Reuter 1986 gründete Bernd Reuter seinen Handwerksbetrieb für Heizung und Sanitär.

Damals beschäftigte er einen Lehrling, inzwischen umfasst sein Unternehmen mehr als 200 Mitarbeiter. 2004 eröffnete Reuter einen Online-Handel für hochwertige Sanitärprodukte. Rund 95 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet der Gladbacher Betrieb heute im Internet. Dort ist er nicht mehr nur als reiner Bad- und Sanitärfachhändler vertreten — sondern auch als Anbieter für exquisite Wohnaccessoires. "Wir haben die Möglichkeiten, die das Internet bietet, früh erkannt", sagt Bernd Reuter.

"Man kann die Umwälzungen, die das Netz mit sich gebracht hat, fürchten. Man kann darin aber auch neue Chancen und Möglichkeiten entdecken. Nichts anderes haben wir getan." Jedes Unternehmen, so der Firmenchef, müsse mit der Zeit gehen, ständig prüfen, "ob neue Technologien aufkommen und überlegen, ob und wie sie sich nutzen lassen". Dazu gehöre auch, sich nach den Bedürfnissen und Wünschen der Kunden zu richten. Das Internet habe die Einkaufsgewohnheiten der Kunden klar verändert.

Die Frage, die Bernd Reuter sich stellte, war im Rückblick simpel: "Wer gewohnt ist, Unterhaltungselektronik, Waschmaschinen und Autos über das Netz zu kaufen, warum soll derjenige nicht auch Badmöbel oder Badaccessoires per Mausklick bestellen?"

(RP)