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Mönchengladbach: Singen im Chor hilft psychisch Kranken

Mönchengladbach : Singen im Chor hilft psychisch Kranken

Dr. Andrea Jäger ist Psychiaterin und Psychotherapeutin. Seit 20 Jahren leitet die singbegeisterte Mönchengladbacherin Chöre. Seit zwei Jahren bietet die Ambulanzärztin in der LVR-Klinik wöchentlich eine Singstunde für Patienten an.

In der LVR-Klinik gibt es einen Musiktherapieraum. Dort stehen ein Klavier, Trommeln, Congas, Xylophone und Percussion-Instrumente. All dies, dazu die selbst gezupfte Akustik-Gitarre, kann Andrea Jäger gut gebrauchen. Doch wenn sie donnerstagnachmittags mit einer Gruppe von 27 Leuten musiziert, steht ein anderes Instrument im Zentrum: die menschliche Stimme, und zwar beim Chorgesang.

 Die LVR-Klinik (mit dem neuen Gebäudetrakt)
Die LVR-Klinik (mit dem neuen Gebäudetrakt) Foto: Hans-Peter Reichartz

Das Singen, so hat es der Geigenvirtuose Yehudi Menuhin auf den Punkt gebracht, sei "die Muttersprache aller Menschen". Mehr noch: Singen kann heilen, haben Evolutionsbiologen und Mediziner erforscht. Auf dieses Prinzip setzt die Mönchengladbacher Ärztin und begeisterte Sängerin Dr. Andrea Jäger bei ihrer Arbeit in der Klinik. Chöre leitet sie seit 20 Jahren, darunter das Vokalensemble Piece of Peace und den Frauenchor Heart Core. Und das kam so: "Ich habe schon früh selbst in Chören gesungen und konnte feststellen, dass ich mir bei A-cappella-Arrangements sämtliche Stimmen parallel gut einprägen und sie reproduzieren kann", erinnert sich die 49-Jährige. Dieses Talent half ihr, eigene Arrangements zu machen und bei der Arbeit mit Gesangsgruppen verschiedene Stimmen anzuleiten. Die Sänger brauchen dann keine Noten, Textblätter reichen voll und ganz.

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Und so kommen die Patienten gern zum wöchentlichen Patientensingen. Nach einem "Warm-up" mit Solfeggio-Übungen auf wechselnden Tonhöhenstufen, wobei auch Gymnastik den Körper lockert, gibt Jäger das Signal: "Alles Jazz!" Diese zum geflügelten Wort in den Probenstunden gewordene Botschaft bedeutet: "Es gibt einfach keine schiefen Töne, denn alles ist Jazz."

Schon stimmt Jäger den Kanon "Zwei kleine Wölfe" an. Alle fallen ein und singen das Strophenlied durch. Danach heißt es: Alles klar zum Kanon. Wer in welche Stimmgruppe will, ist freiwillige Entscheidung. Zügig wechseln die im Kreis sitzenden Patienten die Sitzplätze, um zwei Singgruppen zu bilden. Fingerschnipsend gibt die Chorleiterin den Rhythmus vor. Nach einigen Durchgängen klingt es ganz apart, die Gesichter wirken entspannt, ein Lächeln stellt sich hier und dort ein. Und selbst ein junger Mann, der ein wenig in sich gekehrt auf seinem Stuhl sitzt, singt das Lied leise mit.

Wer den Text nicht auswendig kann, schlägt in einer Liedermappe die betreffende Seite auf. Die Chorleiterin verfügt über ein beachtliches, internationales Repertoire, darunter Songs aus Afrika.

Und die Gruppe schafft noch mehr: Sogar komplexere, dreistimmige Partien beherrschen die Sängerinnen und Sänger. Dafür hat Jäger einen weiteren Coach dabei. Die angehende Sonderpädagogin Lea Kemper – mit Schwerpunkten Deutsch und Musik – stellt sich vor einer der drei Singgruppen auf und singt in hellem Sopran die anspruchsvolleren Partien mit. So kann nicht mehr viel schiefgehen.

Eine Teilnehmerin erklärt nach der Singstunde: "Das tut mir wirklich gut, ich komme gern hierher, Singen ist was für Herz und Seele." Ein hochgewachsener Patient erinnert sich: "Nach meiner ersten Stunde beim Singen ging es mir so gut, dass ich spürte: Ich war das erste Mal seit zwei Jahren glücklich, ein intensives Erlebnis." Und ein älterer Mann gibt an, er empfinde das Singen bei Andrea Jäger "wie eine Art Meditation; alles in meinem Inneren öffnet sich dabei".

Solche positiven Auswirkungen kann Andrea Jäger nur bestätigen. "Singen ist ein Geburtsrecht", sagt sie. Und bezieht sich auf den Verband Natural Voice Practitioners' Network in England, dem sie angehört und über den sie regelmäßig Fortbildungen absolviert. Beim Singen werden heilsam wirkende Hormone ausgeschüttet, darunter das "Kuschelhormon" Oxytozin, ferner Melatonin und DHEA. Melatonin unterstützt das Immunsystem, DHEA hilft beim Abbau freier Radikaler. Mehrmals täglich ein Liedchen anzustimmen kann vor Erkältungskrankheiten schützen.

Bei der Behandlung psychischer Erkrankungen scheint Gesang ebenfalls hilfreich zu sein. Daher finanziert die LVR-Klinik das Patientensingen gemeinsam mit dem Verein zur Rehabilitation psychisch Kranker sowie mit Intres, der Mönchengladbacher Gesellschaft zur Integration und Rehabilitation Suchtkranker. Deren Geschäftsführer Norbert von Dahlen schätzt Jägers Arbeit so sehr, dass er ab und zu selbst an den Gesangsstunden teilnimmt und bei Auftritten den Patientenchor unterstützt. Solche finden regelmäßig zu den Weihnachts- und Sommerfesten der Klinik statt. Einen besonderen Auftritt hatte der Chor im Herbst 2012 auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie im Haus Erholung vor über 200 in der Psychiatrie tätigen Menschen aus ganz Deutschland. Dort gab es zum Abschluss "standing ovations".

(RP/rl)