Mönchengladbach: Sinfoniker mit ausgeruhter Leistung

Mönchengladbach : Sinfoniker mit ausgeruhter Leistung

Zum Auftakt der Sinfoniekonzerte gab es einen russischen Abend.

Sie sind wieder da, und voll Tatendrang! Die Niederrheinischen Sinfoniker eröffneten die Konzertspielzeit im Theater mit einer hochkonzentrierten, blitzsauberen Leistungsschau. Erstmals hatte Musikdirektor Mihkel Kütson, der gegenwärtig selbst auswärts gastiert, das Pilotkonzert der siebenteiligen Reihe einem Gast überlassen. Jac van Steen stand zum dritten Mal am Pult des Gemeinschaftsorchesters, er kennt den Klangkörper bestens.

Van Steen sorgte für stimmtechnisch ausgewogene, kontrastbetonte Interpretationen dreier Werke russischer Komponisten. Die "Sinfonischen Tänze" von Sergej Rachmaninow, die dieser, bereits vom Krebs gezeichnet, 1940 auf Long Island schrieb, erwiesen sich gar als Entdeckung. Unter van Steens inspirierender Zeichengebung, der den ganzen Schmerz, die tiefe Melancholie, aber auch die verblüffende Walzer-Leichtigkeit (2. Satz) dieses großartigen Tonwerkes famos herausarbeitete, folgte im Parkett ein Aha-Erlebnis dem nächsten. "Mit diesem Werk kann ein Orchester zeigen, was in ihm steckt", hatte der Gast aus Brabant zuvor gesagt. Er sollte nicht zu viel versprochen haben. Hier konnte das Orchester nicht allein den weiten Atem dieses breit angelegten Klangkosmos übermitteln, sondern auch durch präzise Ausdeutung der anspruchsvollen Partitur überzeugen. Dabei genossen reihum Solisten an Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Altsaxofon und die Konzertmeisterin ihre kleinen, aber superfein bewältigten Solo-Partien. Der geschmeidige Walzersatz erinnerte an Tschaikowskys Pathétique.

Mit Tschaikowsky hatten die Sinfoniker den Abend eröffnet und bereits hier beachtliche Musizierfreude zu erkennen gegeben bei dessen Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia". Nach altertümlicher Choral-Eröffnung entfesselten die Musiker ein stürmisches Wechselspiel aus Gewalt, Liebesglut und Verzweiflung. Da fiel es nicht schwer, im Geiste Bilder vom Streit der Veroneser Familien Montague und Capulet und von der Liebe derer Sprösslinge zu erwecken.

Zwischen den beiden Sahnehäubchen fand sich als Kontraststück das zweite Violinkonzert eines weiteren russischen Meisters, der noch immer umstritten ist. Sergej Prokofjews g-Moll-Konzert irritiert auch fast 80 Jahre nach seiner Uraufführung durch seine Ambivalenz: Da sind einerseits gleitende Kantilenen der Sologeige in überraschend frischer Schönheit, die an den Lyrismus eines Brahms erinnern; andererseits raubeinige bis brüske Knalleffekte. Viviane Hagner sorgte bei ihrer kompromisslosen Ausführung für widerstreitende Empfindungen. Eine hochvirtuose, sehr einfühlsame Künstlerin, die keine Wünsche offen ließ, das ist sie. Bei einem anderen Violinkonzert hätte Viviane Hagner danach sehr wahrscheinlich viele Bravorufe geerntet. Immerhin wurde fleißig applaudiert. Dafür bedankte sich die Mannheimer Professorin prompt: Als Zugabe gab es ein Bravourstückchen von Fritz Kreisler.

(RP)
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