Mönchengladbach: Sinfoniekonzert: Feinherbes im ungarischen Volkston

Mönchengladbach : Sinfoniekonzert: Feinherbes im ungarischen Volkston

Georg Fritzsch bringt mit einem ungarisch-polnischen Programm die Niederrheinischen Sinfoniker in Hochform.

Ein paar Minuten benötigen die Zuhörer im Konzertsaal des Theaters, um sich an den Gast auf dem Dirigierpodest zu gewöhnen. Mit optischem Understatement leitet der aus Sachsen stammende Kieler Generalmusikdirektor Georg Fritzsch die Aufführung der fünf "Ruralia hungarica" des ungarischen Spätromantikers Ernst von Dohnányi. Selbst wenn nach der dezenten Einleitung durch die Solooboe (Gerhard Schnitzler) irgendwann die erste orchestrale Kraftentladung folgt, bleibt der Gast stets ruhig, gefasst, sparsam bei der Zeichengebung. Umso verblüffter ist das Auditorium von dem sinnlichen, rhythmisch temperamentvoll ausgeformten und farbenreichen Orchesterklang. Sogar eine Celesta (Karsten Seefing) trägt dazu bei.

Für den 1960 gestorbenen von Dohnányi, dessen fünf Landschaftsbilder aus Ungarn 1923 anlässlich des 50. Jahrestages der Vereinigung von Buda und Pest uraufgeführt wurden, war der hier gewählte Rückgriff auf den Volkston eher atypisch. Anders als sein Landsmann Bartók bettete er Lied- und Tanzvorlagen in den leichter konsumierbaren Gestus der Spätromantik ein. Da klingt zum Beispiel das Finale, das auf dem Volkslied "Verrückter Deutscher tanzt so" fußt, fast wie eine Toy Symphony der ungarischen Art.

Ruppig, rau, ungehobelt - das ist bei Béla Bartók "normaler" Umgangston. Sein Konzert für Orchester, Ende 1944 in der Carnegie Hall uraufgeführt, versucht Georg Fritzsch gar nicht erst ohrengefällig zu polieren. Und wieder braucht der Maestro auch nicht gestisch auf die Tube zu drücken, um mal dramatischen, mal melancholischen Ausdruck zu bewirken. Eine elegische Klage der Oboe, choralhafte Phrasen der Blechbläser, inegales Metrum in den Violinen und überhaupt häufige Taktwechsel sowie ironische Zitate ("Da geh ich zu Maxim" aus "Die lustige Witwe" im vierten Satz) prägen die Wiedergabe. Für das anspruchsvollste Stück dieses sechsten Sinfoniekonzerts mit den Niederrheinischen Sinfonikern fällt der Schlussapplaus eher verhalten aus. Die in Gruppen solistisch agierenden Orchestermusiker hätten hierfür mehr Anerkennung verdient gehabt.

Umso begeisterter feiern die Zuhörer vor der Pause ein junges Geigentalent: Der 25 Jahre alte Geiger Tobias Feldmann bewältigt das 2. Violinkonzert des Polen Henryk Wieniawski (1835 - 1880) mit ehrlicher, durch souveräne technische Brillanz veredelter Hingabe. Ohne Lack und Pomade, aber mit Herzblut. Hier spielt das Orchester nur noch die "zweite Geige". Und der Dirigent ist kaum noch wahrnehmbar. Feldmann macht fast alles selbst - und das großmeisterlich.

(ri)