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Serie Gladbacher Lesebuch (49): Erinnerungen an das Spielzeug von damals

Serie Gladbacher Lesebuch (49) : Erinnerungen an das Spielzeug von damals

Teddybären, eine Ritterburg und Brummkreisel hatten in den 1930er Jahren viele Kinder. Gespielt wurde auch draußen an der Niers.

Wie oft mag ich diesen Satz gehört haben, wenn Nachbarskinder an der Haustüre klingelten oder durch die meist unverschlossene Türe kamen und an unserer Etagentüre klopften: „Spielst Du mit mir?“ Es war nicht schwer, Mitspieler zu finden, denn es war wohl ein Dutzend Gleichaltriger, Jungen und Mädchen, die dafür in Frage kamen. Wohl machte es einen Unterschied, ob wir drinnen oder draußen spielten. Wenn drinnen, dann hatte ich gute Karten, den von mir Gewünschten zu finden, denn alle Kinder kamen gerne in unsere Wohnung, da sich keine Geschwisterkinder einmischten, Mutter uns einen Teller mit Keksen hinstellte und es auch immer ein Glas mit Brause gab – gelb, grün oder rot.

Und womit spielten wir? Jedes Kind hatte eine Puppe oder einen Teddybär. Ich erinnere mich an mein Holzschaukelpferd, an Bauklötzchen und einen Brummkreisel. Ich erinnere mich an einen Kasten mit Würfeln, die mit farbigen Bildteilen beklebt waren. Wenn man die richtig ordnete, ergaben sie Märchenmotive. Natürlich hatte ich Bilderbücher, und der „Struwwelpeter“ gehörte dazu. Wir spielten Quartette mit unterschiedlichen Themen, die zunehmend militärischer wurden. Es gab Blechspielzeuge jeder Art. „Schwarzer Peter“ war ein beliebtes Spiel, bei dem natürlich der angerußte Korken immer bereit lag. Alle hatten die Brettspiele „Mensch ärgere dich nicht“, Mühle oder Halma. Ich spielte gerne Domino, wobei die Steine sich ja auch als Baumaterial eigneten. Wer einen handwerklich geschickten Vater oder Paten hatte, der verfügte über einen selbst gebauten Kaufladen, ein Puppenhaus, einen Bauernhof oder ein Kasperletheater. Ich hatte eine Burg, aber die war gekauft. Solche Sachen würde ich heute als „Ankerspielzeug“ bezeichnen, denn daraus ergaben sich viele Möglichkeiten für Zusatzgeschenke. Zu meiner Burg gehörte eine Armee Bleisoldaten, später waren die Figuren aus einem Kunststoff gefertigt.

Vieles war in fast jeder Familie vorhanden, aber es gab auch Dinge die hatten schon ein Alleinstellungsmerkmal. Ein Junge hatte eine Dampfmaschine, die mit Hilfe von Spiritus richtigen Dampf ausstieß. Ein anderer bewachte seinen Metallbaukasten mit Argusaugen und es war ein Privileg, damit spielen zu dürfen. Eine Eisenbahn, die Spannfeder musste mit einem Schlüssel aufgezogen werden, drehte einen monotonen Rundkurs, der irgendwann zu einer Acht erweitert wurde. Auch ich bekam einmal das ganz besondere Geschenk. Es war ein kleiner Projektor, der die Bilder einer eingeschobenen Glasleiste auf das an der Türe dafür aufgehängte Betttuch warf und der dann sogar einer „Laterna magica“ wich, bei der man mittels einer Kurbel einen kleinen Film aus Zelluloid zu bewegten Bildern machen konnte.

Nicht zu vergessen sind bei dieser Aufstellung die vielen Rollenspiele: Vater-Mutter-Kind, Schule, Doktorspiele. Ich spielte gerne und oft „Kirche“. Ich hatte dafür aus Blei gefertigte Utensilien: Kelch, Monstranz, sogar ein kleines Rauchfass, das Oberhemd meines Vaters und ein Schal der Mutter waren das Gewand. Viele Puppenkinder habe ich getauft, einige gleich mehrmals. Ich habe an diese Zeit des Spielens nur gute Erinnerungen und ich meine, es habe auch nur ganz selten einmal Streit und Tränen gegeben.

Für die Spiele draußen hatten wir wunderbare Gelegenheit. Wir spielten auf dem Bürgersteig, auf der wenig befahrenen Straße, im Kleingartengelände und an der nahe gelegenen Niers. Ich hatte einen Holzroller, die größeren Kinder fuhren mit einem gummibreiften Roller, einige hatten einen Holländer. Wir spielten mit Murmeln oder mit dem Hülldopp, spielten Kreisspiele, Nachlaufen und Verstecken, natürlich auch Fußball. Ich stand hoch im Kurs, als mir mein Vater einen echten Lederball von einer Reise mitbrachte.

Natürlich fehlten auch nicht Räuber und Gendarm und Indianerspiele. Die träge fließende Niers ließ die aus Holz oder Baumrinde gefertigten Schiffe nicht weit kommen. Dafür war es an der Schleuse im Bereich der Schlossmühle spannend und auch nicht ungefährlich, wenn auch der ewig grummelnde Schleusenwärter oft unsere Kreise störte. Meine Mutter sah es gar nicht gerne, wenn ich dort spielte, wenn wir im seichten Wasser Kaulquappen fingen. Sie hatte immer Sorge um mich, da ich in der Zeit für Erkältungen anfällig war, die mehrfach zur Bronchitis führten. Zu der Zeit war es einfach, auf den üppig blühenden Wiesen einen Strauß zu pflücken, der Mutters Unmut schnell verfliegen ließ.

Wir bauten im Unterholz unsere Hütten. Wir erzählten, spielten Karten oder heckten Streiche aus und ließen uns das geklaute Obst schmecken. Diese Jahre in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre war eine wunderschöne und unbeschwerte Zeit. Gegen Ende des Jahrzehnts zogen wir in eine moderne Wohnung, hatten nun ein Badezimmer und ich ein großes Mansardenzimmer als eigenes Reich. Die Schule erforderte viel Zeit und es fehlten geeignete Spielkameraden in der Nachbarschaft. Ich erfand für mich eine neue Spielmöglichkeit. Als Fußballbegeisterter kannte ich die Namen vieler Sportvereine: TuS Wuppertal, Sportfreunde Katernberg, Meiderich, SV Duisburg, Fortuna und Turu Düsseldorf, VfL Benrath, Preußen Krefeld und natürlich die heimischen Vereine Borussia, Eintracht, Sportklub Mönchengladbach und der Rheydter Spielverein. Ich stellte sie zu einer Liga zusammen, ihre Namen waren penibel in einem Schulheft eingetragen. Ich erstellte Spielpläne und würfelte das Ergebnis der Spiele aus. Ein torloses Unentschieden gab es natürlich nie, dafür aber gelegentlich sensationelle Ergebnisse, wenn zum Beispiel bei dem gewürfelten Ergebnis der Außenseiter den Spitzenreiter mit 6:1 schlug. Nach jeder Spielrunde erstellte ich eine neue Tabelle und war damit schon eine Weile beschäftigt. Als ich ein Fahrrad für den weiten Schulweg bekam, fuhr ich in der Freizeit zusammen mit einem Freund durch die Gegend und hin und wieder machten wir auch Tagestouren bis nach Xanten oder in das Schwalmgebiet. Ich habe daran schöne Erinnerungen.

Eigentlich könnte ich meinen Bericht hier abschließen. Aber es gibt einige Episoden, die zwar nichts direkt mit unseren Spielen zu tun haben, aber doch zu meiner Erinnerung mit der Gestaltung der Freizeit in Verbindung stehen. Wenn die Tage kürzer wurden, saß ich oft mit mehreren Spielkameraden und meiner Mutter zusammen am Küchentisch. Mutter erzählte, las vor, sagte Gedichte auf, sang mit uns. Wir knackten die Haselnüsse, die wir an den Sträuchern um Schloss Rheydt gepflückt hatten, und die aufgesammelten Walnüsse. Mutter machte uns Himbeersaft, auch schon mal eine heiße Zitrone und hin und wieder gab es Kakao.

Mehrmals pilgerte ich mit einer Gruppe der Pfarre nach Hehn, über Morr und durch die Landwehr ging es dorthin, betend und singend. In Heiligenpesch war ein kleiner Gottesdienst, einmal durfte ich dabei ministrieren, und anschließend ging es in eine der Gaststätten, die durch ein Schild auswiesen „Hier können Familien Kaffee kochen“. Es wurde der mitgebrachte Kaffee abgegeben, der Wirt stellte Wasser und Geschirr und berechnete dafür eine Gebühr. Zu meinen schönsten Erinnerungen zählen die Wanderungen, die eine Gruppe aus Verwandten und Freunden mehrmals im Jahr machte. Es ging vom Schloss über den Volksgarten nach Myllendonk, ein anderes Mal über Haus Horst, Liedberg nach Schloss Dyck oder über Wickrath zur Niersquelle nach Kuckum. Einmal fuhren wir mit dem Zug nach Dalheim und wanderten dort. Die Verpflegung wurde in Rucksäcken mitgenommen und auch ich hatte einen kleinen. Ich war mit meinen 12 oder 13 Jahren der Jüngste, hielt aber immer tapfer mit. Es wurde gesungen, gelacht, auch mal gespielt zwischendurch. Ein lustiger Haufen, der sich gut verstand. Wie ein Paukenschlag kam der Kriegsausbruch und das alles war vorbei. Mein Vater und drei weitere aus dieser Wandergruppe überlebten den Krieg nicht. Mein zweites Lebensjahrzehnt, so gut und schön es begonnen hatte, wurde zum Desaster. Aber es bleibt die Erinnerung an das, was schön und gut war.