Serie Gladbacher Lesebuch (46): Als Hühner betrunken durch den Stall torkelten

Serie Gladbacher Lesebuch (46) : Hühner torkelten betrunken durch den Stall

Die Autorin fütterte das Federvieh mit Obst, das zur Herstellung von Likör benutzt worden war.

Auch unsere Familie, bestehend aus Vater, Mutter, zwei Kindern, Oma, Opa und zwei Tanten, lebte in der Nachkriegszeit überwiegend von den Erzeugnissen unserer Gärten. Meine Eltern verstanden es, dem kargen Boden alles abzugewinnen, was für den täglichen Bedarf notwendig war. Ich liebte das Obst aus unseren Gärten. Da gab es Erdbeeren, Kirschen, Pfirsiche, Birnen, Äpfel und Johannis- und Stachelbeeren. Natürlich wurden viele Kartoffeln gepflanzt, Gemüse und Gurken. Meine Mutter kochte alles ein, damit wir uns im Winter von diesen schier unerschöpflichen Vorräten ernähren konnten. Das Einlegen von sauren Gürkchen und Zwiebelchen in einer Essigbrühe mit Gewürzen gelang meiner Mutter besonders gut. So manches Abendessen bestand aus Bratkartoffeln mit Gürkchen und Zwiebelchen, oder auch rote Beete oder eingelegte Heringe.

Mein älterer Bruder Herbert und ich nahmen uns an einem Abend ein 1,5 Liter-Glas Gürkchen und Zwiebelchen vor, und naschten ausgiebig. Oh, oh, das würde Mutter sofort auffallen. Was also tun? Nach einigem Überlegen kamen wir auf die Idee, ein volles Glas aus dem Keller zu holen. Wir aßen auch dieses Glas soweit leer, wie das erste einmal war. Das alte Glas spülten wir und stellten es zu den anderen leeren Gläsern in den Keller. Banges Warten. Ob Mutter es wohl merken würde? Nein, sie bemerkte unseren Frevel nicht. Nach vielen Wochen haben wir es ihr gestanden. „Ihr seid mir ja Schlawiner“, sagte sie und lachte. Meine Mutter verstand es, aus den reifen schwarzen Johannisbeeren, mit braunem Kandis und Korn-Weinbrand einen schmackhaften Likör herzustellen. „Aufgesetzter“ hieß das Getränk, welches an manchem Sonntagabend für die Erwachsenen ausgeschenkt wurde. Die Beeren und der Kandis mussten lange Zeit in der Flasche bleiben, bis sich alles gut vermischt hatte. Danach wurden die mit Weinbrand vollgesogenen Beeren entfernt. Sie sollten auf den Kompost in den Garten geschüttet werden. Diese Aufgabe fiel meinem Bruder und mir zu.

Bevor wir den Komposthaufen erreichten, kamen wir am Hühnerstall vorbei. „Weißt du was, Schwesterchen,“ sagte mein Bruder, „wir geben unseren Hühnern die Beeren, mal sehen was passiert!“ Gierig begann das Federvieh, die voll Weinbrand gesogenen Beeren aufzupicken. Und es dauerte nicht lange, da torkelten alle Hühner durch den Hühnerstall und gaben zudem seltsame Geräusche von sich. Oh, Oh, die Hühner waren besoffen. Unsere Eltern hatten in der Küche die Laute der Hühner mitbekommen und eilten in den Garten. Ihnen war sofort klar, was da passiert war. Eine lange Strafpredigt über das Hühnerwohl blieb uns nicht erspart. Mit dem Versprechen, so etwas nicht wieder zu tun, wurden wir in den Nachmittag entlassen.

Meinem Vater spielten wir einen ganz anderen Streich. Zu Weihnachten bekam er von seinen Kindern, wir waren 14 und 18 Jahre alt, eine Flasche Steinhäger. Er war erstaunt und erfreut. Nur, diese leere Original-Flasche Steinhäger hatten wir mit Wasser gefüllt und obenauf einige Tropfen Melissengeist gegeben. Für besondere Anlässe stellte mein Vater diese Flasche in den Schrank. Sie würden kommen, diese besonderen Anlässe. Im Januar 1952 sollte unser Hausflur einen Anstrich und neue Tapeten erhalten. Ein befreundeter Anstreicher hatte den Auftrag bekommen. Er erschien mit zwei Gesellen. Nur, es war sehr kalt und der Flur völlig ungeheizt. Mein Vater war daheim und wollte den Arbeitern etwas Gutes tun. Er besann sich auf die Flasche Steinhäger im Schrank und holte sie freudestrahlend. „Hier Jungs, es ist so kalt, da tut ein Steinhäger wohl gut.“ Mit vier Schnapsgläschen bewaffnet, betrat mein Vater den Flur. Sofort wurde eine kleine Pause eingelegt, der Schnaps ausgegossen, und der erste trank. „Herr Stein, dat is doch Waater!“ Ungläubig probierte auch mein Vater den „Steinhäger“ und konnte diese Feststellung nur bestätigen. Ihm war sofort klar, wer ihm da schon zu Weihnachten einen Streich gespielt hatte. Unser Glück war es, dass wir beide nicht zu Hause waren. Ich glaube, es hätte ein Donnerwetter gegeben.

Am Abend, als wir alle um den Tisch saßen, berichtete mein Vater: „Da wollte ich heute den Anstreichern bei ihrer Arbeit im Hausflur etwas Gutes tun und bot Ihnen einen Steinhäger an“ weiter kam er nicht. Mein Bruder und ich wussten sofort Bescheid. Das Donnerwetter blieb aus. Natürlich haben die Anstreicher nicht unter unserem Streich leiden müssen. Sie bekamen stattdessen einen Chantre eingeschenkt.