Serie Gladbacher Lesebuch (44): Der Bahnhofsvorplatz in den 1960er-Jahren

Serie Gladbacher Lesebuch (44) : Der Bahnhofsvorplatz in den 1960er Jahren

Der Autor erinnert sich daran, wie der Gladbacher Hauptbahnhof für ihn als Kind das Tor zur großen weiten Welt war.

Denke ich an den Gladbacher Bahnhof und seinen Vorplatz, fallen mir jede Menge Erinnerungen ein. Für mich, Baujahr 1950, lag hier das Tor zur großen, weiten Welt. Meine Großeltern wohnten in Oberhausen, und dahin kam man nur mit dem Zug. Mit dem Bus fuhren wir zum Antritt der großen Reise von Neuwerk in die Stadt. Am Bahnschalter löste Vater unsere Fahrkarten, der alles andere als kundenfreundlich war: Ein Fenster, darin eine kleine Öffnung, die der Beamte bei Kundenkontakt öffnete, worauf „Bitte hier sprechen“ stand. Das Geld legte Vater in eine Art Drehscheibe unterhalb des Fensters, erst dann kamen die Fahrkarten. Zu dieser Zeit gehörten die Bahnsteige noch zum Hoheitsgebiet der Deutschen Bundesbahn. Diese durften nur mit gültiger Fahrkarte betreten werden. Wollte man lediglich seine Lieben auf dem Bahnsteig verabschieden oder begrüßen, ging das nur mit einer Bahnsteigkarte. Damit passierte man die Sperre in der Bahnhofshalle, an der ein Schaffner die Karte aus stabiler Pappe mit einer Lochzange entwertete. Beim Verlassen des Bahnhofs sammelte er alle Karten wieder ein. Auf einem Bahnsteig gab es damals noch einen kleinen, beheizten Warteraum mit einem Kiosk, der Reiseproviant bereithielt, vom Underberg-Ffläschchen, über Schokolade bis hin zur heißen Bockwurst.

Als wir an einem Heiligabend nach Oberhausen fuhren, gab es noch drei Preisklassen des Personenbeförderungskomforts. Wir fuhren dritter Klasse, auf Holzbänken. Jedes Abteil war nur von außen über mehrere Stufen begehbar. Die unterste Treppenstufe lief den ganzen Personenwagen entlang. Durchgehende Innengänge, in denen man von vorn bis hinten durch den gesamten Zug laufen konnte, waren zu dieser Zeit noch nicht erfunden. Dafür aber etwas anders, was meine Aufmerksamkeit erregte: Die Abteilbeleuchtung, bestehend aus einfachen Milchglasglühbirnen, wies noch eine zusätzliche dunkelblaue Birne auf. Mein Vater erklärte mir den Sinn dieses blauen Lichts: dadurch sollten im Krieg bei Nachtfahrten feindliche Flugzeuge den Zug nicht erkennen können. Er legte den Schalter um – und so fuhren wir mit dem blauen Kriegslicht durch einen friedlichen Heiligen Abend der Nachkriegszeit und konnten in viele Zimmer sehen, in denen das Christkind schon seine Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte.

Der Bahnhofsvorplatz erfuhr mehrmals Umbauten. Nach dem Krieg verband ein Fußgängertunnel den Bahnhof mit dem Haus Westland, von dem Ausgänge zu den Bahnsteigen der Busse und Straßenbahnen führten. Schaukästen in den Tunnelwänden informierten über die Stadt, und auch Firmen konnten hier ihr Angebot platzieren. Mit den Jahren verkam aber der Tunnel, Scheiben der Schaukästen wurden zerstört, Graffiti-Sprayer taten ihr Werk, und es roch auch unerträglich nach Urin. Die langen Sitzbänke am Zugang vor dem Haus Westland entwickelten sich mehr und mehr zu einem beliebten Aufenthaltsort für obdachlose Stadtstreicher. Das war natürlich ein öffentliches Ärgernis, denn hier kamen ja viele einheimische und auch auswärtige Reisende vorbei, sozusagen am Eingangstor zu Stadt. Um dem Einhalt zu gebieten, baute man die Sitzflächen kurzerhand mit Beton zu einer schiefen Ebene um, und der Spuk war jetzt vorbei. Allerdings ging nun ein Spuk in der Bürgerschaft richtig los, denn diese unkonventionelle Lösung sah alles andere als schön aus und verlagerte das Problem lediglich an eine andere Lokalität. Auf dem Bahnhofsvorplatz gab es auch eine öffentliche, unterirdisch angelegte Toilette, vom Volksmund „Bedürfnisanstalt“ tituliert. Kleine Geschäfte für die Männer waren umsonst, große kosteten zwei Groschen. Ganz zu Anfangs saß da eine Toilettenfrau, die die Kabinentür aufschloss. Eines Tages wurde sie wegrationalisiert. Danach warf man das Geld in den Schlitz über der Türklinke an der Kabinentür, und der Weg war frei.

In den 1960er Jahren erinnerte der „Bahnhofsbunker“ an die Vergangenheit, am oberen Bildrand zu sehen. Zu dieser Zeit waren Kriegsversehrte, wie der Mann im Vordergrund mit den Krücken, nichts ungewöhnliches. Auch der Kabinenroller links unten im Bild gehörte ins Stadtbild. Foto: Sammlung Bernhard Büdts

Die Busse waren seinerzeit noch mit zwei Angestellten der Stadtwerke besetzt. Vorne saß der Fahrer und der Schaffner bei der hinteren Tür, wo auch der einzige Einstieg war. Die Fahrgäste betraten durch eine Doppelfalttür eine Plattform, von der man durch eine Sperre am Schaffner vorbei die Sitzplätze des Busses erreichen konnte. Natürlich nur mit vorher gelöstem Fahrschein oder gültiger Wochen- oder Monatskarte. Die Plattform nahm erstmal alle neu zugestiegenen Fahrgäste auf und so konnte der Bus weiterfahren, auch wenn noch nicht alle Fahrgäste einen gültigen Fahrschein hatten. Weil zu den Stoßzeiten die Busse immer überfüllt waren, fuhren die Stadtwerke zusätzliche Einsatzfahrten. Damals waren Bus und Straßenbahn wirklich noch die Nahverkehrsmittel Nummer eins. Bis in die 1960er Jahre gab es hier noch Busse mit Anhängern. Wesentlich moderner waren da schon die Doppelstockbusse der Linien 13 und 23, die über Hardt bis nach Waldniel fuhren. Später erging es auch den Schaffnern wie der Toilettenfrau: Sie wurden wegrationalisiert, und die Busfahrer mussten deren Arbeit mit übernehmen. Das setzte natürlich neue Busse voraus, ohne Plattform und Schaffnersitz hinten, dafür mit Einstieg vorn, Fahrscheindrucker und Kasse beim Fahrer. Sie hießen Ein-Mann-Wagen und waren mit einem entsprechenden Schild gekennzeichnet.

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