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Serie Gladbacher Lesebuch (40): Eine Leiche und die Gasthausstraße in den Siebzigern

Serie Gladbacher Lesebuch (40) : Eine Leiche und die Gasthausstraße in den 1970er Jahren

Da zieht ein junges Paar in die Altstadt – und merkt erst dort, was vor der Tür so los ist. Langweilig wurde es jedenfalls nie.

Wir hatten das Studium in Köln beendet und kamen nach Mönchengladbach zurück, um hier am 1. Dezember 1974 unsere erste Stelle als Lehrerin und Lehrer im Vorbereitungsdienst anzutreten. Vorher hatten wir geheiratet und fanden schnell eine gemeinsame Wohnung an der oberen Gasthausstraße, direkt gegenüber des Geroparks – sehr zentral, nahe an der Altstadt, ruhig und mit einem schönen Blick ins Grüne. Etwas erstaunt waren wir allerdings gewesen, als einige Verwandte und Bekannte, vor allem ältere Leute, leicht irritiert reagierten, wenn wir ihnen von unserem neuen Domizil erzählten. Diese Gegend, so wandten sie ein, habe ja keinen besonders guten Ruf. Da wäre doch mal dieses Bordell gewesen und so eine Kneipe.

Tatsächlich hatte es vor unserer Zeit ein altes verwinkeltes Haus an der Ecke Gasthausstraße / Weiherstraße gegeben und dort das, was die Leute weniger diskret als „Puff“ bezeichneten. Aber das war lange her. Das Häuschen war einem Parkplatz gewichen und um die Ecke an der Balderichstraße fand nur noch ein bisschen Straßenstrich statt, wie wir allmählich merkten. Und diese Kneipe, von der die Rede gewesen war? Im Erdgeschoss unseres Hauses gab es ein Lokal. Es öffnete nur am Wochenende und nannte sich „Ball der einsamen Herzen“. Der Wirt war ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch und freitags- bis sonntagsabends klangen von unten hörbar, aber dezent die Stimme und die elektronische Orgel des Alleinunterhalters zu uns in den zweiten Stock. Er spielte die Schlager-Hitparade rauf und runter. Wie oft wir „Rosamunde, schenk mir dein Herz und sag Ja“ gehört hatten, konnten wir nicht zählen.  Probleme gab es nie.

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Lange vor unserer Zeit, gab es dort die Gaststätte „van Houten“ und ein schönes altes Bodenmosaik im Hausflur wies auch noch darauf hin. „Eingang zur Gartenwirtschaft van Houten“ stand dort noch gut lesbar. Wie wir erfuhren, war „van Houtens Nachtlokal“, wie es auch genannt wurde, eine Institution gewesen. Es hieß, dort hätten kleinere und größere Gladbacher Gauner verkehrt. Und sonntags, so wurde uns auch erzählt, habe es den „Kü-ekemetzkes-Ball“ gegeben, den Küchenmesserchen-Ball. Der hieß so, weil sich dem Vernehmen nach jeder männliche Ballbesucher vorsorglich ein kleines Küchenmesser in die Jackentasche steckte – man wusste ja nie, was passiert. Aber auch das war natürlich längst Geschichte.

Als wir an unserem ersten Sonntagmorgen in der neuen Wohnung nach dem Aufstehen bei sonnigem Winterwetter aus dem Fenster schauten, entdeckten wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite zwei Beine, die aus dem Gebüsch ragten. Ein Betrunkener? Während wir noch überlegten, ob wir zuerst die Polizei oder doch besser gleich den Rettungswagen anrufen sollten, kamen schon beide Fahrzeuge an. Bei der anschließenden Befragung der Kriminalbeamten nach Beobachtungen erfuhren wir, dass es sich wirklich um einen Leiche gehandelt hat. Und am nächsten Tag lasen wir in der Rheinischen Post, dass der Mann wohl bei einem Streit erstochen worden war. Ob mit einem Küchenmesser, wurde allerdings nicht erwähnt.

Wenige Jahre später schloss der „Ball der einsamen Herzen“ und im Erdgeschoss wurde eine Diskothek eingerichtet. Weil jetzt in dem kaum schallgedämpften alten Haus bis in die tiefe Nacht die Bässe in unsere Wohnung wummerten, aber auch, weil die Familie schon gewachsen war und wir uns noch weitere Kinder wünschten, wurde es Zeit, die Gasthausstraße zu verlassen. Anfang 1980 zogen wir in ein Haus mit Garten in Odenkirchen. Seit knapp drei Jahren, im Rentenalter, leben wir wieder in einer Wohnung an der oberen Lüpertzender Straße und freuen uns, in unserem alten Quartier zu sein. Nur wenige 100 Meter sind es zu unserer ersten Wohnung. Jetzt könnten wir ganz leicht zu Fuß zum Küekemetzkes-Ball gehen – wenn es ihn noch gäbe.