Serie Gladbacher Lesebuch (36): Der Jazzkeller, das Eiscafé Rina und die Budike

Serie Gladbacher Lesebuch (36) : Der Jazzkeller, das Eiscafé Rina und die Budike

In den 1960er-Jahren gab es in der Altstadt viele Bars und Cafés, in denen sich die Jugend traf. Die Musikszene florierte zu dieser Zeit.

Mich zog es schon früh Richtung Innenstadt. Das Café Heinemann, die Milchbar im Sonnenhaus, oder auch Tschibo an der Hindenburgstraße waren Anlaufstationen, die von mir anfangs nur ab und zu besucht wurden. Mich zog es mehr in den Jazzkeller, der an der Ecke Aachener-/ Waldhausenerstraße direkt neben einer Striptease-Bar, sein neues Zuhause gefunden hatte. Der Name der Location war „Bügeleisen“. Ich würde lügen, wenn ich mir nicht die schönen Bilder der „hübschen Damen“ immer wieder mit Genuss angeschaut hätte, die in einem Schaukasten zu sehen waren. Für damalige Verhältnisse, Mitte der sechziger Jahre, etwas Besonders. Und wenn sich dann auch noch die Tür der Bar öffnete, das rote Neonlicht und die leicht bekleideten Damen kurz zu sehen waren, die Versuchung war groß, die Bar zu betreten. Aber dafür war ich mit 16 Jahren zu jung. So ließ ich manchmal schweren Herzens die Bar links liegen und ging daneben die Stufen zum Jazzkeller hinunter. Dort gab es Livemusik und die Größen, nicht nur der Gladbacher Jazzszene, gaben sich die Klinke in die Hand. An zwei Bands erinnere ich mich sehr genau. Zum einen an die Mrs. Felix Brass Band, die dort unzählige Auftritte vorzuweisen hatte und bereits nach kurzer Zeit so bekannt war, dass sie Einladungen aus Japan, Südamerika und Amerika erhielt.

„Manni“ Schmelzer, Kinny Hagmann, nicht zu vergessen Klaus Schopen, der sehr viel für die Mönchengladbach Jazzszene getan hat, und Jochen Hövelmeier, die von Anfang an dabei waren, deren Namen verbinde ich sofort mit der Mrs. Felix Brass Band. Sogar Chris Barber, in der Jazzszene weltweit bekannt, gab sich die Ehre. Weitere Namen der Gründungsband sind mir leider entfallen. Eine weitere Band, die Dixiland-Band Old Market Stompers, auch sie waren weit über die Grenzen von Mönchengladbach bekannt. Im Jazzkeller sorgten sie gleichfalls für das entsprechende Jazzfeeling. Aber mehr als der Jazzkeller, das Bügeleisen, war das Eiscafé Rina am Berliner Platz zu meiner Jugendzeit sehr angesagt. Einige Zeit später gab es für mich nur noch das Kultobjekt der Stadt schlechthin, die Budike am Alten Markt, das Reich von „Alex“ Alexander Semjevski, bekannt wie ein bunter Hund.

Anfangen möchte ich aber mit dem Eiscafe Rina. So um die 15 Jahre war ich, als der Name „Rina“ zum ersten Mal fiel. Da wollte ich auch unbedingt hin, da sich dort fast jeden Nachmittag viele Jugendliche trafen. Besonders samstags und sonntags war es immer gerammelt voll. Die Inhaberin Rina, ein italienisches Temperamentbündel, nannte mich nur „Borussia“. Den Namen erhielt ich von ihr, da ich fast jedes Heimspiel besuchte. Und so kam ich zu diesem Spitznamen. Meine Eltern waren mehr als streng. Deshalb durfte ich in der Woche nicht dorthin. Entweder entschied ich mich für den Samstag- oder Sonntagnachmittag. Das konnte ich mir ausnahmsweise aussuchen. Dann jeweils nur für einige Stunden. Eine Uhrzeit wurde vereinbart und zu dieser Zeit hatte man zu Hause zu sein. Abends durfte ich unsere Wohnung nicht verlassen. So blieb ich zuhause und langweilte mich. Zum Fernsehen hatte ich keine große Lust.

Erst viel später, so mit 18 Jahren, erlaubten es meine Eltern, dass ich und mein Bruder auch bis 22 Uhr in die Altstadt gehen durften. Und wehe, wir verspäteten uns. Das Publikum im Eiscafé Rina war für mich, der nur die Volksschule abgeschlossen hatte, zuerst schon etwas Besonderes. Die meisten besuchten entweder die Realschule oder gingen noch auf´s Gymnasium. Wiederum einige studierten bereits und waren am Wochenende ebenfalls bei Rina anzutreffen. Eine sehr bunte Mischung eben. Dort fühlte ich mich einfach wohl. Es war cool, mit den anderen Mädchen und Jungs in Kontakt zu kommen. Ich wollte unbedingt dazugehören. Auch meine Vorstellungen über den sogenannten zweiten Bildungsweg meinen beruflichen Weg stetig weiter zu gehen und mich entsprechend weiterzubilden, reiften im Eiscafé Rina. Interessanterweise haben Rina und ihr Sohn Roberto nie etwas gesagt, wenn wir auf eine Cola oder ein Eis, das 50 Pfennig kostete, stundenlang sitzen blieben. Bei Rina wurde sehr intensiv Twist und Labamba getanzt. Aus der Musikbox, in der sich an die 50 Schallplatten befanden, konnte man für ein paar Groschen den Lieblingsschlager wählen. Und getanzt habe ich wirklich viel. Das einzige Problem war, dass ich immer schwitzte. Das machte mir aber nichts, da ich nach dem Tanzen die frische Luft aufsuchte, das Taschentuch aus der Hosentasche nahm und mein Gesicht trocknete. Dann ging es wieder schnell ins Eiscafé zurück, da die nächste Schallplatte schon lief und ich unbedingt wieder tanzen wollte.

Leider gingen die Nachmittagsstunden viel zu schnell zu Ende und ich trat verschwitzt, zu Fuß vom Berliner Platz den Heimweg zur Aachener Straße an. Unterwegs holte ich mir an der Bahnstraße eine „leckere Fritten, natürlich mit Majonäse“. Diese aß ich genüsslich, immer auf die Uhr schauend, auch pünktlich zu Hause anzukommen. Pünktlich war ich fast immer. Darauf achtete ich. So mit 18 Jahren durfte ich schon etwas länger ausbleiben. Sogar bis zum Abend, gegen 22 Uhr. Die Angst vor der „Abendmutter“ hatte sich endlich gelegt und ich freute mich auf die hübschen Mädchen, die Nachfolgerinnen der Abendmutter. Nur entscheidend jünger und hübscher. Eigentlich war das alles normal. Nur meine Eltern sahen in allem etwas Schlimmes, Verbotenes. Erklären kann ich mir das bis heute wirklich nicht. Aber so war es halt. Die Volljährigkeit begann erst mit 21 Jahren. Und so lange lautete der Spruch meines Vaters: „Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst, habe ich das Sagen. Und wenn es Dir nicht gefällt, kannst Du ja gehen.“

Der Mann an der Posaune: Manni Schmelzer war schon vor 50 Jahren eine Institution der Gladbacher Musikszene. Foto: Dieter Bongartz

Von dem wenigen Geld, das ich als Lehrling verdiente, hätte ich nach einigen Tagen wohl keinen Groschen mehr gehabt und wäre verhungert, bei den „Bergen“, die ich zu dieser Zeit verputzen konnte. Nachdem das Eiscafé Rina nicht mehr so interessant für mich war, ging es von nun an zur „Budike“, die ihren unscheinbaren Eingang am Alten Markt direkt neben dem Wienerwald hatte. Da fällt mir noch der Werbespruch von damals ein, der wie folgt lautete: „Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald“. Was war die Budike? Ein einfacher, größerer Saal wo hundert Leute bei Beat- und Jazz-Veranstaltungen Platz fanden, oder, besser ausgedrückt, „wie die Heringe aneinander klebten“. Die Enge, die Luft, die Hitze, es war manchmal unerträglich, aber oder gerade deshalb, auch einmalig. Es war einfach Kult, dort zu sein.

Dort spielten nicht nur alle bekannten Gladbacher Beat-Bands. Alex, der Inhaber, schaffte es auch, manche bekannte Bands aus England zu verpflichten. Eine dieser Bands waren die Hi-Fi´s, Ende der sechziger Jahre eine besonders in England bereits sehr bekannte Band, die unzählige Live- und einige Fernsehauftritte vorweisen konnten. Mit den Hi-Fi´s verbindet nicht nur mich, auch Marita, meine Frau, sehr schöne Erinnerungen. Es war an einem Samstag im September 1968. Am folgenden Sonntag war der Rheydter Blumenkorso, der durch die Stadt zog und das Ereignis nicht nur für Rheydt war. Ich hatte damit, schließlich war ich 19 Jahre alt, nicht viel am Hut. Das sollte sich aber noch gewaltig ändern. Die Hi-Fi´s spielten am Abend in der Budike. Irgendwie schaffte ich es noch, eine Eintrittskarte von Norbert Jansen, den sicherlich noch sehr viele kennen, zu erhaschen. Norbert war für mich ein wichtiger Mann. Er stand an der Kasse und kassierte das Eintrittsgeld. An ihm mussten alle vorbei.

Die Mr. Felix Brass Band: Lothar Fliescher, Klaus Schopen, Klaus-Dieter George; kniend Christoph Hagmann, Manfred Schmelzer, Ludger de Brouwer. Foto: Schmelzer/Archiv

Da das Geld bei mir knapp war, ließ mich Norbert das ein und andere Mal mit einem Augenzwinkern ohne zu zahlen in die Budike. Jahrzehnte später erkannte ich nach all der Zeit Norbert Jansen, leitender Arzt in einem Mönchengladbacher Krankenhaus wieder. Auch sein Erinnerungsvermögen setzte sofort ein und es dauerte nicht lange, bis das Thema Budike zur Sprache kam. Wie erwähnt, spielten die Hi-Fi´s in der Budike. Das Ereignis des Jahres schlechthin. Die Bude war gerammelt voll und die Luft konnte man mit einer Schere schneiden. Von der enormen Hitze nicht zu sprechen. An diesem Abend traf ich eine wunderbare junge Frau, die mit ihrer Freundin ebenfalls in der Budike weilte. Sie hieß Marita, war 18 Jahre jung. Ich forderte sie zum Tanzen auf, wenn das bei der Enge überhaupt noch möglich war, und habe mich an diesem Abend Hals über Kopf in sie verliebt. Auch sie hatte sich in mich verliebt. Die Hi-Fi´s waren nicht mehr so wichtig. Es zählte nur noch Marita. Wir blieben den ganzen Abend zusammen, tanzten miteinander und amüsierten uns. Am nächsten Tag verabredeten wir uns, um dann gemeinsam den Blumenkorso in Rheydt anzuschauen. Was macht man nicht alles, wenn man so frisch verliebt ist? Mir war alles egal. Ich wäre auch bis zum Ende der Welt gelaufen, um Marita wiederzusehen. Okay, soweit kam es nicht. Es ging nur von Holt bis zur Rheydter Innenstadt. Marita und ich sind inzwischen seit 48 Jahre verheiratet.