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Serie Gladbacher Lesebuch (35): Die gute alte Zeit

Serie Gladbacher Lesebuch (35) : So war das Leben in der "guten alten Zeit"

Der Autor erinnert sich an Panhas, die Küche seiner Oma, den wöchentlichen Badetag, Gasbeleuchtung und den „Göttschklomp“.

„De goe alde Tiet“, das ist eine Mär, die sich hartnäckig hält, aber darum nicht wahrer wird. Großmutter mit ihrer großen Familie, sie hatte sechs Söhne und eine Tochter, meine Mutter, wohnte in einem Haus der Aktien-Bau-Gesellschaft am Loosweg in Geneicken. Die Häuser, für jeweils zwei Familien, waren Anfang der 20er-Jahre gebaut worden, hatten einen Wasseranschluss im Flur an der Wohnungstür und schon eine innen liegende Toilette in der Halbetage, zwar ohne Wasserspülung, aber immerhin braucht man nicht mehr in den Hof. Im Hof war eine gemauerte Grube, die in Abständen von der Fäkalienabfuhr geleert wurde. Dafür wurden dicke Schläuche durch den Hausflur gelegt und unter gewaltigem Lärm die Grube ausgepumpt. Das stank gewaltig. Aus der Grube wurde vorher bei Bedarf auch die Düngung für den Garten entnommen. Das geschah mit einem speziellen Gerät, „Göttschklomp“ genannt. An einem langen Holzstiel war ein Eimer befestigt, mit dem der übel riechende Inhalt der Grube in eine Tonne auf dem Schubkarren getan wurde. Es hieß, er werde getonnt.

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Die Häuser hatten eine Gasbeleuchtung, die jedoch nur ganz selten benutzt wurde. Gebräuchliche Beleuchtung war die Petroleumlampe. In einem Gasbehälter befand sich das Petroleum, ein Docht reichte hinein. Wenn es heller sein sollte, wurde der Docht ein wenig herausgedreht. Über die offene Flamme wurde ein Gaszylinder gesteckt. Mit der Aufhängung war eine Metallplatte verbunden, die das Licht reflektierte. Solche Lampen erhellten den Wohnraum und auch das Treppenhaus. Aber auch diese Lichtquellen wurden aus Ersparnisgründen nur benutzt, wenn es unbedingt erforderlich war. Oft brannten nur Kerzen in den Räumen. Die Wohnung hatte drei Zimmer und eine Mansarde, nicht viel Platz für eine so große Familie und nicht jeder der Söhne hatte ein eigens Bett. Übrigens gehörte der Nachttopf zur Standardausstattung der Schlafräume. In der Mansarde war es im Winter sehr kalt. Da wurde ein Ziegelstein im Backofen angewärmt, in ein Handtuch gepackt und in das Bett gelegt. Als die ersten Kinder heirateten, entspannte sich die Wohnsituation.

Der wöchentliche Badetag, immer der Samstag, war ein besonders konfliktreicher Tag. Das Badewasser wurde auf dem Küchenherd gewärmt, ohne Rücksicht auf die jeweilige Außentemperatur. Es wurde dann in eine Zinkwanne geschüttet, der Besen mit dem Aufnehmer immer in Reichweite. Die Großmutter bestand darauf, dass jeweils zwei der Söhne eine Badewannenfüllung nutzten. Da gab es über die Reihenfolge manch heftigen Disput, der jedoch meist über das Alter entschieden wurde. Als die Söhne in Fußballvereinen spielten, verlagerte sich ein Teil der Körpereinigung in die Duschräume der Vereinshäuser. Die Unterwäsche wurde einmal wöchentlich gewechselt, zwischen Arbeits- und Sonntagshemden genau unterschieden. Die letzteren hatten einen abknöpfbaren Kragen, so konnten sie häufiger als nur an einem Sonntag angezogen werden.

Der Großmutter Devise war, wer viel arbeitet, der muss auch gut essen. Es war keine Sterneküche, aber sie kochte gut und besonders die Eintöpfe waren geschätzt. Da gehörte fetter oder durchwachsener Speck hinein. Nach ihrer Meinung musste Gemüse glänzen. Es gab Panhas und in der Pfanne gebratene Blutwurst, zu Schnecken gerollte Würste mit einem Holzspieß zusammengesteckt und einmal in der Woche ein gebackenes Ei. Braten gab es nur am Sonntag, meist Sauerbraten. Der wurde schon am Freitag in einem besonderen Sud eingelegt. Am Sonntagmorgen roch es in Omas Küche ganz besonders gut, denn dann wurde aus einem kleinen Stück Suppenfleisch eine Rindfleischsuppe gekocht. Zu Omas Spezialitäten zählten „Dämpäepel“ und Heringe, die in einem Tontopf über mehrere Tage in einer speziellen Brühe eingelegt wurden. Wenn es zu besonderen Gelegenheiten selbst gemachtes Weißbrot oder eine Obstriemchentorte gab, so wurde dies zum Bäcker zum Abbacken gebracht.

Die Familie war finanziell nicht auf Rosen gebettet und der Groschen wurde mehrfach umgedreht, aber sie lebte in geregelten Verhältnissen und das war für sie sehr wichtig. Als die Söhne nach der Schulzeit in Arbeit kamen, entspannte sich die Situation. Sie zahlten Oma ein wöchentliches Kostgeld. Ich erinnere mich, dass die Onkel zusammenlegten und ein Grammophon kauften. Mit einer Handkurbel wurde das Laufwerk aufgedreht und von einer dicken Schellackplatte ertönte aus einem großen Schalltrichter die Musik. Das kam der Großmutter als Hexenwerk vor. Erst recht war das so, als in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre die Häuser einen Stromanschluss bekamen und ein Radio in´s Haus kam.

Überrascht es, wenn ich mich an viele Details aus dieser Zeit erinnere? Nun, ich war das erste Enkelkind und wohnte in der Nähe. Ich war viel bei meiner Großmutter, sie mochte mich und ich sie. Bei der Oma, sie stammte aus dem Selfkant, lernte ich Plattdeutsch. Meine Großmutter gehörte nach dem Krieg für ein Jahrzehnt zu meiner Familie, ehe sie mit 88 Jahren 1958 sterben durfte, von ihren Altersbeschwerden erlöst.