Serie Gladbacher Lesebuch (33): Ausbildung bei Monforts

Serie Gladbacher Lesebuch (33): Ausbildung in der Maschinenfabrik Monforts

Als streng, aber doch auch schön beschreibt der Autor seine Lehrzeit. Die Zulassung dazu gab es als Weihnachtsgeschenk.

Das Jahr 1953 neigte sich dem Ende zu und in wenigen Monaten beginnt nach acht Jahren Volkschule der Ernst des Lebens. Nun wurde es höchste „Eisenbahn“, sich um eine Lehrstelle zu bemühen. Aufgrund meiner „Hobbys“, alles Mögliche mit alten, stabilen Baukästen herzustellen, bekam ich den Tipp: Bewerbe dich für eine Maschinenschlosser-Lehre bei der Maschinenfabrik A.Monforts. Also mussten ein Bewerbungsschreiben und ein Lebenslauf, handschriftlich geschrieben werden. Und das wurde unter Aufsicht von unserem Schuldirektor Herr Graeff an der Katholischen Volksschule Bell geübt. Ebenso hatte er von mehreren Gladbacher Firmen Übungsaufgaben der letzten Jahre. Auch die haben wir Kinder gepaukt. Es könnte ja sein, die kommen bei der Aufnahmeprüfung vor. Dann kam der große Tag. 100 aufgeregte „junge Männer“ wurden am Tor empfangen und zur Lehrwerkstatt geleitet. Dort empfing uns Lehrlingsmeister Toni Reiners (Reiners Tünn) welcher auch die Prüfung abhielt. Die Prüfung begann mit verschiedenen Rechenaufgaben, dann folgte ein Diktat über Roheisenerzeugnisse im Hochofen. Da schlug mein Herz vor Freude schneller, denn bei den geübten Aufgaben von verschiedenen Gladbacher Firmen war dieses Diktat dabei und es konnte nur von Monforts sein, denn Monforts hatte eine Gießerei. Doch beinahe hätte ich die Prüfung geschmissen. Ich war schon einen Satz schneller als der Prüfer, welcher beim Diktieren durch die Reihen ging und wäre er etwas schneller gegangen, hätte er das gesehen. Bei der nächsten Aufgabe ging es um handwerkliche Geschicklichkeit. Mit dünnen Drähten und einer Zange mussten Figuren gebogen werden. Dann war es überstanden. Es hieß, wer bis Heilig Abend nichts hört, ist durchgefallen.

Nun war Warten angesagt. Doch dann die große Enttäuschung: Der Briefträger ging Heilig Abend bei uns vorbei. Was ich nicht wusste, bei uns war die Bescherung erst am 1.Weihnachtstag und Mutter hatte den Briefträger vorher abgefangen, so dass die frohe Nachricht am Weihnachtsmorgen auf dem Teller lag. Man kann sich vorstellen, was ich in der Zeit bis zum Morgen mitgemacht habe. Ich war Messdiener und hatte von 4 bis 6 Uhr Dienst in der Christmette. Da konnte kein weihnachtliches Hochgefühl aufkommen. Doch eine Stunde später war dann alles vergessen. Ich hatte eine Lehrstelle und zusätzlich noch einen kleinen batteriebetriebenen Elektromotor für meinen Baukasten. Der 1. April, ein Donnerstag, war mein erster Arbeitstag. Er begann mit der Straßenbahn Linie 1 von der Kochschulstraße bis Hermges, umsteigen in die 5, die sogenannte Rund-Bahn, bis Monforts. Alle 25 Lehrlinge waren pünktlich vor der Lehrwerkstadt versammelt, bekamen ihren Spind zugewiesen und den Blaumann angepasst. Dann in der Werkstadt wurden wir mit den Vorgesetzten bekannt gemacht, die da waren: Meister Reiners, Chef für´s Ganze, Meister Leibold, Ausbilder für die Dreher, und Meister Dusend, Ausbilder für das 2. Lehrjahr. Dann bekamen wir unseren Schraubstock zugewiesen. Ich war der Zweitkleinste und musste auf einem Holzrost stehen. Es waren auch ältere Jungs dabei, die schon eine Schulausbildung hinter sich hatten. Sie bekamen einen Holzklotz unter dem Schraubstock, damit sie sich nicht bücken mussten. Mittlerweile war Mittagspause und Lehrlinge, die in der Kantine essen wollten, konnten Essensmarken kaufen. Wer kein Kantinenessen wollte, verzehrte sein Mitgebrachtes im Aufenthaltsraum. Dort stand auch ein Heißwasser-Becken in dem man sein mitgebrachtes Essgeschirr, den sogenannten Knibbel, erwärmen konnten.

Nachdem uns das kleine grüne Heft über die Betriebsordnung übergeben wurde, war der erste Tag überstanden und wir hörten zum ersten Mal den lauten Ruf vom Meister Reiners: Feierabend!. Wieder zu Hause, wollten Mutter und Oma genau wissen, wie es war. Dann gab es eine große Enttäuschung. Nach der Schule und den Hausaufgaben trafen wir Kinder uns immer am Nachmittag auf der Straße zum Spielen, doch kein Kind aus meiner Schulklasse war mehr auf der Straße. Da habe ich zum ersten Mal das Gefühl gehabt: Der Ernst des Lebens hat begonnen und war sehr traurig, denn die Kindheit war zu Ende. Doch dann kam der zweite Tag und wir bekamen zu spüren, was Arbeiten heißt. Wir lernten die Feile kennen und nun mussten wir tagelang ein U-Eisen runterfeilen. Die Feile musste immer parallel hin und her geschoben werden und sollten wir dabei zu viel wippen, bekamen wir zu hören, ihr müsst richtig feilen und nicht Geige spielen. Ich weiß nur, dass ich an dem Abend früh schlafen gegangen bin. Es waren lange Tage. 48 Stunden-Woche und samstags wurde noch gearbeitet. Und so lernten wir in den folgenden Monaten die Grundbegriffe des Metallhandwerks kennen.

Dazu gehörte das Meißeln. Das war für einige nicht einfach, immer genau die Meißel-Mitte mit dem Hammer zu treffen. Unser Betriebssanitäter hatte in der Zeit Hochkonjunktur. Wir wurden abwechselnd eingeteilt: Waschraum sauber machen, morgens zur Frühstückspause Milch, Kakao und Getränke für alle Lehrlinge in der Kantine besorgen. Samstags war Putztag, dann wurden wir eingeteilt, im Betrieb die großen und mit öligem Gussstaub verschmierten Maschinen zu putzen. Besonders die Zahnrad-Fräsmaschinen mochte keiner gern putzen, denn da waren nur dünne scharfe und ölige Späne. Nach einigen Monaten der Grundausbildung kamen die Dreher-Lehrlinge unter die Fittiche von Meister Leibold und die Elektriker-Lehrlinge wurden im Betrieb in der E-Werkstatt weiter ausgebildet. Wir hatten Berufsschule am Platz der Republik und Werksunterricht, den Meister Reiners abhielt. Es gab auch ein paar schöne Tage. Wir fuhren mit den Lehrlingen in die Jugendherberge Freusburg bei Siegen und gingen dort ins Museum.

Meister Reiners mit einem Lehrling an der Kopiermaschine. Foto: Heinz Willi Kleinen
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Das erste Jahr war vorbei und ich durfte im Nebenraum bei Meister Dusend schon kleinere Maschinen-Einheiten zusammenbauen, welche dann in der Großmontage von Gesellen an großen Maschinen montiert wurden. Mittlerweile waren wieder neue Lehrlinge angekommen. Wir fühlten uns denen gegenüber wie die Könige und konnten mitleidig auf die „Neuen“ runter blicken. In den folgenden zweieinhalb Jahren ging es für drei Monate in die verschiedenen Montagen von Textilmaschinenbau oder Werkzeugmaschinenbau. Da ich Werkzeugmaschinen bauen wollte, bin ich das letzte halbe Jahr vor der Gesellenprüfung in der W-Montage geblieben. Die alten Gesellen hatten ihren Spaß daran, uns junge Hüpfer auf den Arm zu nehmen. So bin ich mal drauf reingefallen. Beim Bohren mit der großen Handbohrmaschine musste immer einer schauen, ob man auch waagerecht bohrt. Dann träufelte mir Schlosser Toni Vinzens aus einer kleinen Flasche mit der Aufschrift „Genauigkeitstropfen“ ein paar Tropfen ins Auge und dann durfte ich den Bohrgang überwachen. Übrigens waren es normale Augentropfen für entzündete Augen, denn Toni war unser Spezialist fürs Entfernen von Fremdkörpern aus dem Auge. Da die häufigsten Fremdkörper aus Stahl bestanden, hatte er einen kleinen Magneten und das klappte fast immer.

In der Lehrwerkstatt sammelte der Autor Erfahrungen. Foto: Heinz Willi Kleinen

Die dreieinhalb Jahre Lehrzeit neigten sich dem Ende zu und die Prüfungen standen vor der Tür. Meister Reiners arbeitete unermüdlich mit uns, damit nur nichts schief ging. Da ja mehrere Firmen im Umkreis Lehrlinge ausbildeten, wollte jeder Lehrmeister, dass seine Jungs am besten abschneiden. Die schriftliche Prüfung fand in der Rheydter Stadthalle statt. Ich war sehr nervös, aber es hat dann doch noch geklappt, denn schriftliche Prüfungen waren damals nicht so mein Ding. Vor der praktischen Prüfung hatte ich keine Angst und so habe ich mit einem Leidensgenossen noch vor der Prüfung eine dreiwöchige Radtour bis nach Österreich und zurück gemacht. Dann war es so weit. Wir mussten nach Scheidt und Bachmann. Der dortige Lehrmeister Kastner leitete und überwachte die ganze Prüfung. Mehrere kleine Teile mussten bearbeitet und zusammengesetzt werden. Kurz vor Ende beim Montieren stellte ich fest, man hatte mir ein Teil gegeben mit Untermaß und so passte das Ganze nicht. Man entschuldigte sich und gab mir ein neues Teil, was für mich weniger schön war, denn ich brauchte einen halben Tag länger. Alle waren schon fertig und zurück nach Monforts und dort hieß es: Wo bleibt der Kleinen? Mit dem Ergebnis „Gut“ war alles wieder vergessen.

Dreher Meister Leibold mit Lehrlingen in der Lehrwerkstadt Dreherei Foto: Heinz Willi Kleinen

Damit war meine Lehrzeit zu Ende und im Nachhinein muss ich sagen, sie war streng aber reell und ich danke noch heute meinen damaligen Ausbildern und den Kollegen, welche mir damals etwas beigebracht haben. 46 Jahre bis zu meiner Rente war ich in der damals noch großen Maschinenfabrik A.Monforts.

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