Serie Gladbacher Lesebuch (32): Colonialwarenladen und Büdchen

Serie Gladbacher Lesebuch (32) : Vom Colonialwarenladen und dem Büdchen

In der Kindheit des Autors gab es noch kleine Geschäfte, in denen man einkaufte. Im Sommer wurden Früchte eingekocht.

Supermärkte, Outlet, Minto und Online-Handel waren unbekannt in der Zeit, in die meine Erinnerung führt. Selbst den „Tante-Emma-Laden“ gab es noch nicht. Das war zu Beginn der 30er-Jahre. Unser Geschäft war das „Colonial- und Kurzwaren“-Geschäft an der Ecke Schlossstraße/ Loosweg. „Colonial“, das wurde noch mit „C“ geschrieben. Das Geschäft war zweigeteilt durch eine große Theke mit Glasaufsatz. Jenseits der Theke war das Reich von Frau Esser, das war eine schmale, kleine, aber energische Frau, die dieses Geschäft betrieb. Der Laden war mit Waren voll gepackt. In einem Wandregal waren viele Schubladen mit Zucker, Mehl, Salz und anderen Dingen. Es gab kaum verpackte Waren. Die gewünschte Menge wurde abgewogen und in braune Spitztüten gefüllt. Marmelade, Kraut und Sauerkraut wurden aus Eimern verkauft und in ein mitgebrachtes Gefäß gefüllt. Öl und Essig kamen aus Kanistern in ebenfalls mitzubringende Flaschen. Bei diesen Kanistern stand ein großes Fass mit Petroleum für die damals übliche Beleuchtung, dafür hatte man eine Blechkanne dabei. In einem seitlichen Teil des Ladens waren die Kurzwaren gelagert: Garne, Nadeln, Gummiband und was sonst noch dazu gerechnet wird, aber auch eine kleine Auswahl an Handtüchern, Schürzen, Blusen und Pullover.

Einmal in der Woche wurde ein größerer Einkauf getätigt, zwischendurch für den täglichen Bedarf dies oder das geholt, denn es gab keine Möglichkeit für eine Vorratshaltung. Für die kleineren Einkäufe war ich zuständig. So kam ich oft in den Laden und alles hat sich mir gut eingeprägt. Die Einkaufswünsche schrieb Mutter auf einen Zettel und der wurde mit dem in etwa benötigten Geldbetrag in eine kleine Geldbörse gesteckt. Je nach Witterung wurden Lebensmittel auf der Außenfensterbank oder auf der Kellertreppe abgestellt. Nicht alle Kunden zahlten ihre Einkäufe sofort. Frau Esser notierte so manchen Einkauf in eine Kladde und wenn es dann den Lohn gegeben hatte, wurde der Wocheneinkauf abgerechnet. Viele Frauen standen am Freitagnachmittag an den Fabriktoren, um ihre Männer abzupassen, damit der als Bargeld ausgezahlte Lohn nicht dahin geriet, wo er nicht hingehörte.

Zu den Einkaufsmöglichkeiten gehörte auch das Büdchen an der Ecke. Dort gab es Tabakwaren, Getränke und Süßigkeiten und das auch, wenn der Laden geschlossen war. Das Büdchen war ein Sehnsuchtsort für uns Kinder, denn dort konnte man für Pfennigbeträge das bekommen, was uns das Herz höher schlagen ließ. Und auch das gehörte zum wöchentlichen Ablauf: Zuverlässig und pünktlich kam Bauer Ophüls mit seinem Pferdefuhrwerk und bot Eier, Kartoffel und Gemüse an. Auch für die aktuellen Neuigkeiten war er zuständig, sozusagen als Rabatt zum Einkauf. Vor Festtagen brachte er Geflügel oder Kaninchen mit. Im Herbst lieferte er auch die Einkellerungskartoffeln. Diese Einlagerung war selbstverständlich und auch billiger als der wöchentliche Kleineinkauf.

Regelmäßig fuhr der Milchmann vor, der aus einem mit Stangeneis gekühlten Großbehälter die gewünschte Menge in die Haushaltsmilchkanne umfüllte. Er hatte auch immer „Klatschkäs“, Butter und Käse dabei. In der Sommerzeit kam das „Eismännke“ dazu. Mit einem Handkarren und meist zwei Sorten Eis – Vanille und Schokolade – befuhr er die Straße, sehr laut und andauernd mit einer großen Schelle auf sich aufmerksam machend. Ein weiteres Angebot gehörte zum Herbst. Die Einkellerung von Kohle und Briketts war immer eine Großaktion. Oft wurden die Briketts auf ein Schulterbrett geladen und dann vom Kohlenmann oder seinem Helfer in den Keller getragen. Dort wurden sie gestapelt. Das war meine Aufgabe. Auch die Kohlen wurden in Säcken auf dem Rücken in den Keller gebracht.

Im Sommer wurden aus den Beeren des Gartens Marmeladen hergestellt und in der Erntezeit die Einkochgläser mit den Früchten gefüllt. Das Bestreben der Hausfrauen bestand darin, möglichst viele Gläser für die Winterzeit als Vorrat zu haben. Da gab es echte Konkurrenzkämpfe. Das Einkochen war schon eine Herausforderung, musste doch dafür der Küchenherd ohne Rücksicht auf die sommerlichen Temperaturen geheizt werden, damit die in einem großen Kessel auf einem Einsatz befestigten Gläser sich verschlossen.

Ich erinnere mich auch an das Einmachen von Bohnen und Weißkohl. Da wurden ganze Zinkwannen Bohnen gefädelt und geschnitten, die Bohnen wurden dann in große Tontöpfe getan, mit Brettchen und Steinen beschwert. In regelmäßigen Abständen mussten die Tontöpfe und die Abdeckungen abgewaschen werden. Ähnlich war es auch beim Weißkohl, der musste sehr fest in die Tontöpfe eingepresst werden. Dafür hatte die Großmutter einen dicken Holzstampfer und mich, denn ich musste mit sorgfältig gewaschenen Füßen den Weißkohl einstampfen.

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