Zum Fall Brittany Maynard: Seelsorge bei Krebspatienten zeigt Ärzten Grenzen auf

Zum Fall Brittany Maynard : Seelsorge bei Krebspatienten zeigt Ärzten Grenzen auf

Die an Krebs erkrankte Amerikanerin Brittany Maynard hat mit ihrer Entscheidung, ihr Leben selbst zu beenden, für eine öffentliche Diskussion gesorgt. Am Johanniter-Krankenhaus Bethesda in Mönchengladbach kümmert sich ein mutliprofessionelles Team um unheilbar kranke Krebspatienten. Eine schwierige Aufgabe, bei der auch Angehörige, Ärzte und Seelsorger manchmal an ihre Grenzen stoßen.

Dr. Detlef Saric, Chefarzt der Palliativmedizin, und Ulrich Meihsner, evangelischer Pfarrer und Seelsorger am Bethesda, haben die Geschichte von Brittany Maynard in den Medien verfolgt. Sie respektieren die Entscheidung der jungen Amerikanerin, ihr Leben zu beenden. "Mir steht es nicht zu, ein Urteil über die Entscheidung zu fällen, die der Patient aus seiner individuellen Situation heraus trifft", sagt Meihsner. Trotzdem glaubt Saric, dass Brittany Maynard die Chance gehabt hätte, eine andere Entscheidung zu treffen.

Saric und Meihsner sind Teil des Palliativteams, das am Bethesda unheilbar kranke Krebspatienten betreut. In dem Team sind Ärzte, Pflegende, Seelsorger, Psychologen, Ernährungsberater, Mitarbeiter des Sozialdienstes und - je nach individuellem Bedarf des Patienten - noch viele mehr.

Jeder Patient hat individuelle Bedürfnisse

"Es geht um die Frage: Wie können wir diesem Menschen dabei helfen, seinen letzten Lebensweg so angenehm wie möglich zu gestalten?", sagt Dr. Saric. "Viele Patienten haben Angst vor Leid und davor, am Ende ihres Lebens ihre Lebensqualität zu verlieren." Um diese Angst zu mindern, wird schon zu einem frühen Zeitpunkt auch die Palliativmedizin in die Krebs-Behandlung einbezogen. "Wir warten nicht, bis der Patient an einem Punkt ist, an dem er nicht mehr weiter weiß", sagt Meihsner "Wir wollen ihn von Anfang an umfassend unterstützen."

Trotzdem kämen viele Patienten in eine Phase, in der sie wie Brittany Maynard in Betracht ziehen, ihr Leben zu beenden, sagt Meihsner. "Dann sagen sie zu mir, ich könne ihnen doch Tabletten besorgen." Das darf der Seelsorger nicht. Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Trotzdem hat Meihsner Verständnis für den Wunsch des Patienten. "Ich höre zu und versuche, mit dem Patienten und seinen Angehörigen einen gangbaren Weg zu finden", sagt Meihsner.

Selbst dann, wenn ein Patient am Ende doch in die Schweiz fährt, in der die Sterbehilfe legal ist, verurteilt der evangelische Pfarrer ihn nicht. "Das steht mir nicht zu. Ich glaube, dass Gott alle Menschen so annimmt, wie sie sind", sagt er.

Manchmal stößt das Team an seine Grenzen

Doch es gibt Situationen, da stoßen die Mitglieder des Palliativteams an ihre Grenzen. Zum Beispiel, wenn ein Patient jegliche Behandlung ablehnt."Es ist unsere Pflicht, den Patienten die ganze Palette an Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die helfen können. Dadurch versetzen wir ihn in die Lage, eine kompetente Entscheidung für die Zukunft zu treffen", sagt Saric. Doch es gibt Patienten, die wollen keine Chemo-Therapie, keine Operation - ähnlich wie Brittany Maynard. Dann kommt es vor, dass die Situation auch für den Arzt zur Belastung wird.

Trotzdem möchten Saric und Meihsner nicht davon sprechen, dass sie in ihrer Arbeit manchmal scheitern. "Scheitern ist das falsche Wort", sagt Saric. "Wir achten zu jedem Zeitpunkt der Behandlung die Autonomie des Patienten. Er entscheidet, was am besten für ihn ist - und das müssen wir akzeptieren". Der Arzt erinnert sich an eine Patientin, der es sehr schlecht ging und die trotzdem allein nach Hause gehen wollte, obwohl sich dort niemand um sie hätte kümmern können. "Den Druck, zu wissen, dass diese Frau dort allein ist und dass ihr niemand helfen kann, habe ich kaum ausgehalten", sagt Saric.

Der Tod gehört zum Alltag

In solchen Fällen kann das Palliativteam des Bethesda auf zusätzliche externe Hilfe zurückgreifen. Gemeinsam mit Mitarbeitern des Palliativnetzes in Mönchengladbach gelang es, dass die Patientin nach Hause entlassen werden konnte und dort nicht alleine war. "Wir haben es geschafft, dass sich immer jemand um sie gekümmert hat", sagt Saric. So habe sie erledigen können, was sie noch zu erledigen hatte. Nur wenige Tage später sei die Frau gestorben, erinnert sich der Arzt.

Ohne Teamarbeit sind solche und andere Leistungen nicht zu schaffen, die das Palliativteam am Bethesda für seine Patienten möglich macht. Der Zusammenhalt im Team hilft allen Beteiligten, mit dem Tod umzugehen, der ihnen nahezu täglich begegnet. "Wenn ein Patient stirbt, sprechen wir in unserer wöchentlichen Teamsitzung darüber", sagt Meihsner. "Wir halten inne und zünden eine Kerze an. Das gibt uns neue Kraft."

(lsa)
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