Mönchengladbach: Schwerenöter in der Flimmerkiste

Mönchengladbach: Schwerenöter in der Flimmerkiste

Kobie van Rensburg inszeniert Mozarts "Don Giovanni" in einer Welt der Filmzitate. Dem Premierenpublikum gefiel's.

Wie schon beim "Figaro" vor drei Jahren spielt Regisseur Kobie van Rensburg auch beim "Don Giovanni" mit der Übertitelung, projiziert die deutschen Texte wie Sprechblasen um die Akteure herum. Das ist ganz lustig. Das spielt mit dem Thema Projektion, schärft und bricht die Wahrnehmung. - Eine neue Sicht auf Mozarts Meisterwerk? Irgend so etwas wird den Regisseur auch bewogen haben, die Handlung in einer Welt der Filmzitate anzusiedeln. Unser Frauenheld betätigt sich verführend, täuschend, schlagend, mordend und sterbend zwischen "Singin' in the Rain", "Casablanca", "Nosferatu" im New York der 30er Jahre - und gleich bei der Ouvertüre muss man zusehen, wie sich im edlen Schwarzweiß Frauenhände über das krause Brusthaar des Bühnenhelden hermachen. Dafür gab's reichlich Beifall.

Das hat van Rensburg nicht verdient. Denn die Idee mit der Flimmerei hat sich erstens nach wenigen Minuten abgedudelt; zweitens erreicht sie vor allem, dass die Geschichte an der Oberfläche bleibt, was - drittens - auch auf die Leistung der Sänger abfärbt. Nehmen wir Martin-Jan Nijhof, den niederländischen Bariton, den das Haus für die Giovanni-Partie verpflichtete. Er sieht blendend aus, auch live auf der Bühne. Und er hat die Stimme, die trägt, eine schöne Farbe, alle Register. Doch in die tragischen Tiefen der Figur dringt er, auch musikalisch, nicht vor. Ähnlich ergeht es der Donna Anna, für die Gesche Geier engagiert wurde. Ihr Sopran ist jung und dramatisch, sicher, manchmal glühend. Aber dann doch begrenzt in den rasanten Stimmungswechseln, die die Partie zu einer ganz großen des Repertoires macht. Zu Recht gefeiert wurde dagegen die Sängergarde des Ensembles: Michael Siemon meistert die Tenorpartie des Don Ottavio glänzend, gefühlt ohne zu atmen; Debra Hays gibt eine strahlende Donna Anna; Matthias Wippich überzeugt als Masetto, der seiner Herzensdame Zerlina verzweifelt verfallen ist. Die Zerlina-Partie ist bei Susanne Seefing in bester Kehle, verführerisch fließend und bis in alle Lagen voller Klang und Musikalität. Erheblichen Anteil am (komödiantischen) Schwung der Inszenierung hat Andrew Nolen als Leporello, der seinen wunderbaren Bass gewinnbringend einsetzt. So kann man von einem musikalisch gelungenen Abend berichten, zu dem Alexander Steinitz im Graben mit den sängerdienlich fein musizierten Niederrheinischen Sinfonikern den Grund legt. Beeindruckend vor allem die komplexen Ensembles und Rezitative. Als Bühnenmusiker hatte die Regie den Lautenisten Andrew Maginley aufgeboten und ihm eine Bühnenidentität als eine Art Marx-Brother verliehen. Der Oper hilft das ebenso wenig wie die Idee, dem Titelhelden ein Mordkomplott an den Hals zu dichten, bei dem er am Schluss á la "Mord im Orient-Express" von sämtlichen Betrogenen gemeinsam gemeuchelt wird.

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Als dann auch noch Sirenen kreischen und die Polizei vor der Skyline New Yorks auf den Plan stürmt, wird's ziemlich ärgerlich. Kobie van Rensburg will offenbar Krawall mit Mozart. Da tut der herzliche Beifall fast schon weh.

(ark)
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