Serie Was macht Eigentlich?: Rudi Pöggeler bleibt dem Bökelberg treu

Serie Was macht Eigentlich?: Rudi Pöggeler bleibt dem Bökelberg treu

Der Junge aus dem Sauerland kam 1963 zur Borussia, wurde eines der "Fohlen", die die Bundesliga erstürmten. Er ist ein "Jlabbacher Jong" geworden, der seit fast einem halben Jahrhundert am Bökelberg lebt. Drei Jahrzehnte war er Trainer am Niederrhein - und Lehrer in Dülken.

Wenn er aus dem Fenster seiner Wohnung schaut, geht der Blick rüber auf den Hang, den er in den 60er Jahren so oft hat immer wieder heraufrennen müssen beim Konditionstraining. Erst gescheucht vom gnadenlosen "Feldwebel" Fritz Langner und dann auch unter Hennes Weisweiler, dem Schöpfer der legendären "Fohlenelf". Rudi Pöggeler war eines dieser "Fohlen", hat von 1963 bis 1969 für Borussia gespielt, 126 Spiele bestritten, ist 1965 mit in die Bundesliga aufgestiegen.

Rudi Pöggelers letzte Reise mit Borussia: Es ging 1969 nach Japan, Korea und Hongkong. Er ist der Vierte von rechts. Foto: KN

Das Stadion, der unter Fußballfreunden international bekannte "Bökelberg", ist vor acht Jahren abgerissen worden. Geblieben ist der Hang, an dessen Fuß und auf dessen Höhe nun noble Wohnhäuser stehen. Gegenüber an der Bökelstraße wohnt seit 1968 der 75-jährige Ex-Vertragsspieler in dem Haus, in dessen Erdgeschoss seine Schwiegermutter damals einen Tante-Emma-Laden betrieb.

Vier Ausbildungen gemacht: Rudi Pöggeler als Technischer Zeichner Foto: KN

Rudi Pöggeler ist kein Name, der in einem Atemzug mit Leuten wie Netzer, Heynckes, Vogts oder Wimmer genannt wird, wenn über die ersten Jahre der Fohlenelf erzählt wird. Dass Pöggeler 1965 Günter Netzer im letzten Spiel der Aufstiegsrunde in die Bundesliga den Ball vorlegte, den der am Bökelberg zum 1:1-Ausgleich gegen Wormatia Worms verwandelte, weiß kaum jemand. Dabei war es genau das Tor, das den Sprung in die Erste Liga rettete.

Die 13 Aufstiegshelden 1965 und ihr Trainer, oben (von links): Bernd Rupp, Heinz-Willi Raßmanns, Albert Jansen, Werner Waddey, Arno Ernst, Heinz Lowin, Hennes Weisweiler; unten Walter Wimmer, Rudi Pöggeler, Herbert Laumen, Manfred Orzessek, Günter Netzer, Jupp Heynckes und Egon Milder. Foto: Walter Strucken

Rudi Pöggeler war kein begnadeter Fußballer wie Günter Netzer, eher ein Malocher wie Berti Vogts, der sich sein Können am Ball hart hat erarbeiteten müssen. Und der obendrein einige Zeit in seinen Lehrbüchern büffelte, wenn die anderen Borussen Karten spielten. "Ich war schon ausgebildeter Maschinenschlosser und technischer Zeichner, machte dann neben dem Fußball noch eine Ausbildung zum Maschinenbautechniker", erzählt Rudi Pöggeler. "Hennes Weisweiler gefiel das nicht. Er wollte Spieler, die nur für den Fußball lebten." Doch der mit 26 Jahren schon nicht mehr ganz junge Mann aus dem Sauerland ließ sich nicht beirren, bestärkt auch durch die Worte des damaligen Ministerpräsidenten Dr. Franz Meyers, der bei einem Empfang zu Borussias Aufstieg in der Düsseldorfer Staatskanzlei sagte: "Es ist für Fußballer gut, wenn sie ein zweites Standbein haben."

Großvater und Enkel Marc im neuen Borussia-Park Foto: Wiechmann

So arbeitete Rudi Pöggeler nach bestandener Prüfung zwei Jahre vormittags bei der weltweit bekannten Maschinen- und Bohrgerätefabrik Alfred Wirth in Erkelenz. Trainiert wurde damals am Bökelberg unter Fritz Langer dreimal die Woche nachmittags, bei Weisweiler dann viermal. 1967 kamen zwei Vormittage hinzu - da war dann Schluss mit dem "Nebenjob" bei Wirth.

Als Vertragsfußballer verdiente er wie die meisten 1964 bei Borussia 1200 Mark im Monat, 1965 in der Bundesliga 100 mehr, plus etwa 300 Mark für einen Sieg. Für den Bundesliga-Aufstieg 1965 gab es eine Prämie, die für die damalige Zeit nicht gewöhnlich war: 5000 Mark. Dazu eine vergoldete Armbanduhr, ohne Gravur. "Die habe ich immer noch", sagt Rudi Pöggeler "Und sie läuft immer noch."

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So, wie auf ihn selbst der alte VW-Spruch "Und er läuft, und läuft ... läuft" zutrifft. Dies und seine Zähigkeit im Zweikampf nutzte Hennes Weisweiler, als er 1964 bei Borussia Nachfolger des nach Schalke gewechselten Fritz Langner wurde. Langer hatte Pöggeler 1961 aus dem Sauerland zu Westfalia Herne in die Regionalliga und 1963 dann nach Gladbach geholt - geködert auch mit einem nagelneuen Karmann-Ghia-Cabrio ("Einen einfachen VW wollte ich nicht") als "Handgeld".

Unter Fritz Langner hatte Pöggeler vor allem im Sturm gespielt: "Ich erzielte in meinem ersten Jahr am Bökelberg elf Tore in der Regionalliga und vier im Pokal." Weisweiler aber hatte für den Sturm Leute wie Jupp Heynckes, Herbert Laumen, Bernd Rupp, Werner Waddey und im alten "WM"-System anfangs noch Günter Netzer. Er machte Pöggeler, einen Dauerläufer wie Hacki Wimmer, zum Abräumer im Mittelfeld oder ließ ihn die gegnerischen Spielmacher unerbittlich auf Schritt und Tritt verfolgen. Pöggelers Torriecher ging dabei nicht verloren: Vier Treffer erzielte er bei seinen 23 Einsätzen bis zur Regionalliga-Meisterschaft. In der Aufstiegsrunde kam Rudi Pöggeler dann zunächst nicht zum Einsatz: Die Abschlussprüfung zum Maschinenbautechniker in Düren ging ihm vor. Erst im letzten Spiel, dem gegen Worms, war er wieder dabei - und lieferte die Vorlage zu Netzers alles entscheidenden Tor.

76 Spiele hat Pöggeler dann in der Bundesliga bestritten, noch drei Tore erzielt. 1968 und 1969 machte er dann noch einmal eine neue, seine vierte, Ausbildung: zum Fußballlehrer, in einem Lehrgang unter Hennes Weisweilers Leitung an der Sporthochschule Köln, gemeinsam mit seinen Gladbacher Kollegen Berti Vogts und Hartwig Bleidick. Pöggeler: "Mir war klar, dass ich mit meinen 30 Jahren über kurz oder lang als Bundesligaspieler ausgemustert werden würde. Ich wollte aber weiter etwas im Fußball tun."

Zunächst wechselte er am Saisonende 1969 für zwei Jahre in die Regionalliga zu Viktoria Köln, 1971 kam er zum Verbandsligisten 1. FC Viersen. Dies wurden dann auch ab 1973 seine ersten Vereine als Trainer. Mehr als 30 Jahre, bis zur Saison 2004/2005, betreute der diplomierte Fußballlehrer Amateurteams am Niederrhein, insgesamt neun Stationen: von Borussias Amateuren bis zu Rhenania Hinsbeck und am Ende, mit 66 Jahren, noch Helena-brunn. Etwas Fußball musste sein. Die Weisweiler-Elf, die er 1961 mit Borussias jahrzehntelangem Physiotherapeuten Charly Stock, Herbert Laumen und Hans Davids gegründet hatte, reichte ihm nicht.

Fußball war ab 1969 nicht mehr Haupt-Einnahmequelle. Die größeren "Brötchen" hat er zunächst (1969 bis 73) als Konstrukteur bei Alfred Wirth in Erkelenz verdient, danach vor allem als Sportlehrer am Berufskolleg in Dülken: "30 Jahre lang, und ich habe nicht einen einzigen Tag gefehlt." Dazu kommt noch bis heute sein "Aushilfsjob" im Viersener Sporthaus Pergens.

(RP)
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