Rock am Ring in Mönchengladbach: Nicht mal der Kammmolch ist zu sehen

Erster Festivalbesucher : Rock am Ring in Mönchengladbach: Wir sind schon da!

Rund um das JHQ wachsen Gerste, Mohn und Erbsen. Festival-Atmosphäre kommt da nicht auf. Oder etwa doch? Mit Zelt, Bier und Ravioli macht sich unser Mitarbeiter Florian Rinke als erster Rock-am-Ring-Besucher in Gladbach auf den Weg.

Die Liste der Bands ist fantastisch: Linkin Park, The Offspring, Die Fantastischen Vier, Jan Delay - Helden meiner Jugend! Doch das sind natürlich längst nicht alle. Vier Tage Musik zum Mittanzen, Mitfeiern, Ausrasten! 80.000 Menschen werden am Wochenende vor den Bühnen bei "Rock am Ring" feiern und springen. Sie werden schreien und schwitzen - ich hingegen sitze alleine auf einer frischgemähten Wiese und merke, wie mir die Kehle zuschwillt. Heuschnupfen.

Auch ich will die Helden meiner Jugend hören, Linkin Park, The Offspring, Die Fantastischen Vier, doch leider sind die Batterien meines iPods leer. Vielleicht hätte ich mich etwas besser vorbereiten sollen, doch die Zeit drängte. Als bei Facebook die Zahl der Unterstützer der Seite "Rock am Ring: Mönchengladbach sagt willkommen" auf über 25.000 in die Höhe schnellte, wusste ich, dass mir keine Zeit mehr blieb. Ich musste schnell handeln.

Noch ist er aber der einzige Festival-Besucher auf weiter Flur. Foto: Theo Titz

Ich lief zum Netto und kaufte einige Dosen Bier, griff noch nach Konserven mit Ravioli, lief auf den Dachboden und kramte aus den Kisten, in denen ich die Campingausrüstung aufbewahre, das Nötigste heraus: Schlafsack und Isomatte, einen Kocher, Besteck und was man sonst noch so braucht. Dann fuhr ich los: Rock am Ring, ich komme! 20 Minuten später bin ich bereits da. Herrlich, so leicht hätte ich mir die Anfahrt gar nicht vorgestellt.

Es ist mein erster Festival-Besuch, mein erster Besuch bei Rock am Ring, obwohl mir die Bands gut gefallen, ich Zelten mag und auch gegen Gesellschaft nichts einzuwenden habe. Aber dann waren da auch die Geschichten von Freunden, die von besoffenen Kolossen erzählten, die nachts auf ihr Zelt stürzten, von Wildpinklern in der Nähe des eigenen Grills, von sündhaft teuren Tickets und einem Wochenende, für das sie so viel investierten, wie ich in einen halben Urlaub.

Von all dem bemerke ich nichts. Überhaupt: Es ist ziemlich still. Niemand stört mich, während ich mein Zelt aufbaue. Niemand lacht, als ein Windstoß die Plane erfasst und das ganze Gebilde abhebt und mir ins Gesicht knallt. Niemand fragt, ob er ein Bier schnorren kann. Es ist niemand außer mir da. Umso besser, mehr Platz für mich! Es wird schließlich noch eng genug werden hier, wenn im nächsten Jahr die 80.000 Menschen nicht mehr in die Eifel fahren, sondern hier nach Mönchengladbach, ins JHQ.

Dann wird sich mein Plan ausgezahlt haben, zwölf Monate im Voraus anzureisen - es ist eben immer noch der frühe Vogel, der den Wurm fängt. Oder der Bussard den Kammmolch. Auch davon soll es hier ja einige Exemplare geben. Doch selbst die lassen mich noch in Ruhe.

Natürlich, noch ist nicht sicher, ob es wirklich mit Mönchengladbach und Rock am Ring klappt, aber wir Rocker setzen eben gerne Mal alles auf eine Karte - no risk, no fun, so läuft das bei uns! Vielleicht lasse ich mir bis nächstes Jahr noch die Haare lang wachsen, damit ich Headbangen kann. Allerdings könnte es auch lächerlich aussehen, denke ich, während der Wassertropfen vom Himmel genau die Stelle erwischt, die am Hinterkopf bereits etwas lichter geworden ist.

Hoffentlich regnet es jetzt nicht. Ok, das Zelt ist aufgebaut und ich könnte leicht Unterschlupf finden. Aber was dann? Ein Buch habe ich genauso vergessen wie das Laden meines iPods. Irgendwie erschien es mir unpassend, ein wenig Bettlektüre für ein Rock-Festival einzustecken. Statt des Buchs habe ich noch zwei Dosen Bier mehr im Rucksack unterbringen können. Die würden mir sicher neue Freunde bescheren, abends, wenn wir alle verschwitzt vom Auftritt von Metallica zurück zum Zelt torkeln. Ich hoffe nur, dass sie auch noch so lange haltbar sind.

Ich könnte mich natürlich auch ins Auto setzen, es steht ja in knapp 20 Meter Entfernung an der Hardter Straße - ein weiterer Vorteil der frühen Anreise. Aber soll so mein erstes Festival beginnen? Soll ich später meinen Kindern erzählen: Euer Vater war der allererste Besucher von Rock am Ring in Mönchengladbach, hat sich aber nach einer Viertelstunde ins Auto gesetzt, weil es ein bisschen genieselt hat. Nein! So nicht!

Stattdessen sehe ich mich im Schutz der Bäume etwas in der Umgebung um. Der Eingang zum JHQ ist mit hohen Betonplatten versperrt, im Hintergrund sieht man ein paar leerstehende Häuser. Angeblich soll der Sicherheitsdienst hier sehr strikt kontrollieren, damit niemand unbefugt das Gelände betritt. Rings um den ehemaligen Stützpunkt der britischen Soldaten sind die Felder mit Erbsen, Mohn und Gerste bewachsen.

Von Kuhwiesen, die als Campingplätze genutzt werden könnten, ist nichts zu sehen. Wobei 40 Prozent der Rock am Ring-Besucher auch aus NRW kommen. Sie könnten genauso bequem pendeln wie ich. Einfach raus aus der Stadt Richtung Rheindahlen, einmal rechts abgebogen und schon war ich da. Ein Ausflug wie in den Borussia-Park. Das sollte auch logistisch zu lösen sein, denke ich, während ich eine der vier Zufahrtsstraßen entlang blicke. Nun bin ich schon eine Stunde hier und habe immer noch keinen Kammmolch gesehen. Für alle Befürworter der Veranstaltung bin ich ab sofort der perfekte Kronzeuge.

Langsam bekomme ich Hunger, doch ich habe keine Ahnung, wie ich die Dose Ravioli öffnen soll. Ich habe weder einen Dosenöffner dabei, noch ein Feuerzeug. Und jetzt? Ich baue mein Zelt wieder ab, packe alles ins Auto. Denn auch von den 1650 Toiletten, die Veranstalter Marek Lieberberg für Rock am Ring aufbauen lässt, ist hier noch nichts zu sehen. Was soll's, dann komme ich eben morgen wieder. Selbst da werde ich vermutlich noch der erste Besucher sein. Und mein iPod ist bis dahin auch wieder geladen.

(frin)
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