Rettungsdienst Mönchengladbach: „Wir sind doch eigentlich die Guten“

Redaktionsgespräch Marc Deußen : „Wir sind doch eigentlich die Guten“

Marc Deußen, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt, spricht über Gaffer und Aggressionen, die Fähigkeiten von Notärzten und Notfallsanitätern und warum in Mönchengladbach so erfolgreich wiederbelebt wird.

Sie sind Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes. Heißt das, Sie sind der oberste Notarzt der Stadt?

Deußen Nein, das wird oft verwechselt. Als Ärztlicher Leiter  unseres Rettungsdienstes trage ich in erster Linie die medizinische Verantwortung für die Notärzte und die Rettungs- und Notfallsanitäter.  Unsere Notärzte werden jeweils von den vier Krankenhäusern der Stadt gestellt, die  rund 400 Sanitäter sind bei der Feuerwehr oder den Hilfsorganisationen angestellt. Ich bin für die  medizinischen Belange verantwortlich, aber auch für die Aus-, Fort- und Weiterbildung. Für die Sanitäter wurde gerade das neue Berufsbild des Notfallsanitäters  mit einer dreijährigen Ausbildung geschaffen. Um diese Vorgaben umzusetzen und zu überwachen, braucht es ärztliche Expertise.

Also sind Sie kein Notarzt?

Deußen  Doch, ich bin sowohl regelmäßig im Notarztdienst tätig als auch Leitender Notarzt. Leitende Notärzte sind Spezialisten, die bei Großschadenslagen hinzugezogen werden. Ein Beispiel: Als vor kurzem ein Auto mit einem Zug kollidierte, wurde sofort auch ein Leitender Notarzt angefordert, weil es möglich war, dass es  bei dieser Schadenslage viele Verletzte gab. Dann kümmert sich der Leitende Notarzt zum Beispiel um die medizinische Einschätzung der Lage und die Verteilung der Verletzten auf die Krankenhäuser der Umgebung. Er weiß, welche Kliniken in Frage kommen, welche Kompetenzen benötigt werden. Glücklicherweise blieb es in dem genannten Fall bei drei Leichtverletzten.

Kommen wir zu Ihrer alltäglichen Arbeit. Es wurde immer wieder über Gaffer berichtet, die Rettungseinsätze behindern. Ist das immer noch ein Problem oder sehen Sie Verbesserungen?

Deußen Es gibt eigentlich keine Verbesserung. Gaffer behindern tagtäglich unsere Arbeit. Teilweise sehen wir Bilder von der Unfallstelle im Netz, bevor wir eintreffen. Einige Leute kommen nicht auf die Idee zu helfen, sie filmen lieber. Bei einem Unfall auf der A52 zum Beispiel wurde ein LKW-Fahrer im Führerhaus eingeklemmt. Als wir kamen, standen vor Ort Leute herum und machten Aufnahmen. Keiner hatte versucht zu helfen oder dem Fahrer wenigstens gut zuzureden. Dabei gehört es doch eigentlich zu den urmenschlichen Instinkten, Hilfe zu leisten. Aber das ist teilweise leider verloren gegangen.

Sind Sie machtlos gegen Gaffer oder haben Sie eine Handhabe?

Deußen Wir gehen professionell damit um und fokussieren uns auf den Einsatz. Aber es bleibt schwierig und ist ein großes Ärgernis. Gegebenenfalls müssen wir Leute abstellen, die sich um die Schaulustigen kümmern. Gaffer sind sich im Allgemeinen keiner Schuld bewusst und werden oft noch frech, wenn man sie anspricht.

Bleibt es bei verbalen Frechheiten oder kommt es auch zu physischen Attacken?

Deußen Die Aggressionen nehmen allgemein zu, dabei sind wir doch eigentlich die Guten. Wir wollen Hilfe leisten. Aber das ist nicht mehr bei allen präsent. Wir werden manchmal in völlig verwahrloste Wohnungen gerufen und finden dort Leute vor, die unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen stehen. Da sind die Hemmschwellen niedrig. Unsere Leute sind zwar gehalten, zurückzutreten und gegebenenfalls die Polizei dazu zu holen, aber es kommt schon zu Wortgefechten oder auch mal zu körperlichen Angriffen. Wir können auch nicht einfach wieder gehen, wenn der Betroffene nicht einsichtig ist und keine Hilfe will. Wir brauchen dazu seine Unterschrift, sonst kann so etwas als unterlassene Hilfeleistung gewertet werden. Eine Unterschrift von einem Intoxikierten zu bekommen, ist aber auch nicht einfach.

Was müsste geschehen, um die Situation zu verbessern und die Rettungskräfte besser zu schützen?

Deußen Es wird immer schnell nach dem Gesetz geschrien, aber daran liegt es eigentlich nicht. Es ist eine Frage der Wertevermittlung. Wir stellen einen Verlust von Respekt und eine Verrohung der Sitten in einem Maße fest, die ich mir früher nicht hätte vorstellen können. Was wir brauchen, ist ein neuer Geist. Man kann Exempel statuieren und Strafen verhängen, aber damit kommt man meist nicht weiter.

Warum nicht?

Deußen Ein gutes Beispiel sind die Fehlalarme: Ein Kind hat eine Temperatur von 37 Grad, die Eltern wollen unbedingt, dass das Kind mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wird. Die Begründung: „Das steht uns zu.“ Ihre Rechte kennen die Menschen sehr gut, ihre Pflichten nicht immer. Die Fahrt im Rettungswagen ist für den Kassenpatienten kostenlos und in der Notaufnahme wird er auch noch priorisiert behandelt. Das ist sehr verlockend. Und jetzt kommt das Problem: Wenn der Arzt im Krankenhaus entscheidet, dass die Fahrt nicht notwendig war, müsste eine Rechnung gestellt werden. Wenn die Menschen aber von Hartz IV leben, muss die Stadt die Rechnung zahlen. Die Betroffenen merken also nichts davon, fühlen sich in ihrem Handeln bestärkt und werden beim nächsten Mal wieder so handeln.

Gibt es noch andere Fälle, in denen die Rettungswagen grundlos gerufen werden?

Deußen Es gibt Fälle, in denen wir in drei Wochen zehn Mal zur gleichen Adresse ausrücken. Das hat aber einen anderen Hintergrund. Da lebt dann zum Beispiel ein altes Ehepaar, der Mann Diabetiker, der ständig unterzuckert, weil die beiden es in ihrem fortgeschrittenen Alter nicht mehr hinbekommen, die Medikamente richtig zu dosieren und zu  nehmen. Es gibt keine richtige Instanz, bei der wir so etwas melden können, damit sich jemand kümmert. Wir versuchen aber in solchen Fällen, Kontakt zum Hausarzt aufzunehmen, um für alle eine akzeptable Lösung zu finden Insgesamt leiden wir darunter, dass die Notrufnummer 112 auch sehr inflationär gestreut und immer häufiger angerufen wird. Weil nicht immer abzuschätzen ist, wie ernst es ist, wird im Zweifelsfall immer die höhere Einsatzstufe gewählt.

Ist es schwierig, Notärzte zu rekrutieren?

Deußen Nein, die Einsätze sind bei Ärzten beliebt. Man arbeitet in einem besonderen Spannungsfeld, es gibt flache Hierarchien, dynamische Situationen und man hat die Möglichkeit, über den Tellerrand der Klinik hinaus zu sehen.

Finden Sie genügend Sanitäter?

Deußen Dieser Markt ist leer. Das liegt auch an der Umstellung der Ausbildung. Der Rettungssanitäter durchlief früher eine anderthalbjährige Qualifizierung, der neue Notfallsanitäter wird drei Jahre ausgebildet. Wir qualifizieren all  unsere  Rettungsassistenten  nach, aber das reicht nicht, denn die Zahl der Einsätze wächst  ständig. Sie ist in den letzten zwei Jahren um 30 Prozent angestiegen. Bisher ist es uns aber gelungen, das ganz gut aufzufangen. Alle Berufsfeuerwehrleute  werden zu Notfallsanitätern qualifiziert. Umgekehrt haben wir jetzt  Kurse eingerichtet, bei  denen jeweils  14 Azubis zu Notfallsanitätern ausgebildet werden und anschließend noch eineinhalb Jahre lang eine Feuerwehrausbildung machen.

Was ist Ihrer Erfahrung nach der gefährlichste Ort, an dem man sich aufhalten kann: der Arbeitsplatz, die Straße oder die eigenen vier Wände?

Deußen Schwer zu sagen. Im Verkehr sprechen wir von Hochrasanztraumen. Da treten Energien auf, für die der menschliche Körper nicht geschaffen ist. Ein Sturz von einer Leiter kann aber auch sehr dramatische Folgen haben. Im Haushalt kommt es immer da zu Risiken, wo man am ungeübtesten ist, also zum Beispiel wenn man mal eben die Dachrinne von Laub säubern will, obwohl es schon dunkel wird.

 Wie oft werden Sie gerufen, wenn es um Leben und Tod geht?

Deußen Wir führen etwa 150 Reanimationen im Jahr durch. Die Wiederbelebung ist in mehr als der Hälfte der Fälle bei uns in Mönchengladbach erfolgreich. Damit gehören wir seit Jahren zu den Top 5 der Rettungsdienste in ganz Deutschland. Darauf sind wir sehr stolz. Wir erreichen dieses sehr gute Ergebnis, weil wir Geräte eingeführt haben, die  die Drucktiefe und die  Frequenz  unserer Reanimationsmaßnahmen messen. Außerdem sind wir innerhalb von fünf Minuten beim Patienten. Vorgeschrieben sind acht Minuten. Die fünf Minuten bis zu unserem Eintreffen aber müssen von Laienhelfern überbrückt werden. Leider gibt es hier noch zu viele Defizite. Das elementare Wissen und die Bereitschaft zur Ersten Hilfe sind in Deutschland noch nicht weit genug verbreitet.

Kann man belangt werden, wenn man bei Erste-Hilfe-Maßnahmen etwas falsch macht?

Deußen Das definitiv nicht! Als Laie oder Hilfeleistender kann man nicht in rechtliche Schwierigkeiten kommen, wenn man etwas tut. Nichts zu tun ist dagegen unterlassene Hilfeleistung und damit eine Straftat.