Mönchengladbach: Rettet unser Platt!

Mönchengladbach : Rettet unser Platt!

Vorurteile gibt es reichlich: Mundart ist ungehobelt und peinlich. Platt wird nur von alten Leuten gesprochen und von Karnevalisten. Aber etliche Gladbacher lieben diese alte Sprache. Weil sie Heimat bedeutet.

Platt ist primitiv, die Sprache der Ungebildeten: Über solche Aussagen kann sich Johannes Ohlig furchtbar aufregen. "Unsere Mundart ist eine eigenständige Sprache", sagt der ehemalige Leiter der Grundschule Burgbongert. "Viele plattdeutsche Redewendungen und Begriffe lassen sich gar nicht ins Hochdeutsche übersetzen." Usselig — das ist so ein Ausdruck. Ungemütlich, nicht besonders angenehm, irgendwie negativ. Es bleibt beim holprigen Versuch. Usselig klingt da doch wesentlich netter, und jeder versteht es. "Noch", sagt Ohlig. "Aber leider wird immer weniger Platt gesprochen."

Der fast 74-Jährige gehört zu den Menschen in der Stadt, die den Untergang der plattdeutschen Sprache aufhalten wollen. Schon in seiner aktiven Zeit als Lehrer hat er in Arbeitsgemeinschaften seine Schüler mit Mundart vertraut gemacht. "Einmal machte sich eine Kollegin über mich lustig. Sie meinte, Platt verderbe die Kinder", erinnert er sich. Da habe er ihr geantwortet: "Ich kann Hochdeutsch und Englisch, habe Latein, Griechisch und Hebräisch gelernt. Und ich spreche und liebe Platt."

Immer wieder käme auch der Vorwurf, wer Platt spreche, würde automatisch und zwangsläufig Fehler im Hochdeutschen machen. "Das ist Unsinn. Platt ist eine Sprache für sich. Sie existiert neben dem Hochdeutschen." Seine drei Kinder und die sechs Enkel seien mit dem Plattdeutschen aufgewachsen. Ihren schulischen Leistungen habe das in keiner Weise geschadet. Vier seiner Enkel sind immer dabei, wenn Johannes Ohlig zu den Odenkirchener Plattdeutsch-Abenden einlädt. Sie lesen Texte vor oder erheitern die Gäste mit Sketchen — auf Platt, versteht sich. Zu den Veranstaltungen kommen regelmäßig 80 und mehr Männer und Frauen, die sich die Liebe zur Mundart bewahrt haben.

In Johannes Ohligs Elternhaus wurde Platt gesprochen. Und bis heute seien Redewendungen und Worte bei ihm "rheinisch drin". "Wenn ich alte Odenkirchener treffe, reden wir selbstverständlich Platt", sagt Johannes Ohlig. "Das ist ein Stück Heimat." Kindheitserinnerungen sind Platt, die Geschichten der Großeltern und die Gefühle. Auch die sind Platt.

Gar nicht mag Ohlig, wenn Mundart in einem Atemzug mit Karneval genannt wird. "Platt ist keine Karnevalssprache", sagt er entschieden. "Platt ist nicht jeck, Platt ist Muttersprache." Die Vorträge, die er hält, unterscheiden sich erheblich von den Büttenreden, die die Narren zum Besten geben. "Das kann man nicht vergleichen." Plattdeutsch sei eine gefühlvolle Sprache. Sie zu erhalten — daran arbeitet Ohlig. Kommentar

(RP)
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