Mönchengladbach: Reisebloggerin verdient Geld mit Fernweh

Mönchengladbach: Reisebloggerin verdient Geld mit Fernweh

Anja Beckmann aus Mönchengladbach hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Vier Monate im Jahr ist sie dienstlich im Urlaub.

Eine Woche New York - und das nur mit Handgepäck? Was andere Frauen schier zur Verzweiflung bringen würde, ist für Anja Beckmann aus Mönchengladbach reine Routine. Dabei muss in ihr Flightbag auch noch Kamera und Laptop. Denn Anja Beckmann ist hauptberufliche Reisebloggerin. Bis zu 100.000 Menschen lesen im Monat ihre Reisegeschichten im Internet. Und zu den Tipps zählt auch eine Packliste. "Wer gut plant, braucht nicht viel", behauptet sie. Vier Monate im Jahr macht die 44-Jährige dienstlich Urlaub für ihren Blog "Travel on Toast". "Über den Titel habe ich lange nachgedacht, es sollte etwas mit Reisen und Essen zu tun haben. Aber vieles war als URL schon vergeben. Die Idee ,Travel on Toast' kam unter der Dusche", erzählt sie.

Die Kamera ist immer dabei - wie hier in Florida. Oft reist Anja Beckmann nur mit Handgepäck. Auf ihrem Blog gibt es eine Packliste. Foto: Anja Beckmann

Begonnen hatte alles vor zwölf Jahren - in der Zeit vor Facebook. Anja Beckmann, die Germanistik, Politik und Kunstgeschichte studierte, nahm sich zwischen zwei Jobs eine einjährige Auszeit und ging auf Weltreise. Damit Freunde und Familie ihre Erlebnisse als Globetrotterin verfolgen konnten, richtete sie eine Homepage ein. "Das haben sich damals vielleicht 20 Leute angeguckt", sagt sie.

In Amsterdam wollte Anja Beckmann ihre Höhenangst überwinden. Foto: Anja Beckmann

Aber es war ein früher Einstieg. "Als ich 2012 mit meinem professionellen Blog startete, gab es vielleicht ein paar 100 Reiseblogger, jetzt sind es circa 3000", berichtete sie. Anja Beckmann hat als Social-Media-Beraterin gearbeitet, als Pressesprecherin, als PR-Beraterin und als freie Journalistin. Schon als kleines Kind ist sie gerne gereist. "Meine Eltern waren beide Lehrer, die hatten viel Ferien", sagt Anja Beckmann und lacht. Damals mit der Familie ging es vornehmlich nach Frankreich und Holland, jetzt um die ganze Welt. Anja Beckmann liebt das Meer, andere Kulturen, anderes Essen. Ihre Reiseziele sucht sie selbst aus. Manchmal lässt sie sich von Trends lenken. "Aber eigentlich mache ich das, worauf ich Bock habe", sagt sie. Hört sich nach dem absoluten Traumjob an, ist aber nicht immer so. "Ich muss natürlich darauf achten, dass die Reisen nicht zu teuer werden, muss Versicherungen abschließen, mich impfen lassen", sagt sie. Regelmäßig ist sie beim Tropenarzt. Und dann gibt es da noch den Jetlag. Dazu kommt im Fall Anja Beckmann noch etwas, was eigentlich so gar nicht zu einem Reise-Profi passt - die Angst vorm Fliegen. "Vor Langstrecken muss ich mich echt überwinden", sagt sie. Trotzdem macht sie das regelmäßig. Im Herbst beispielsweise geht es wieder nach Singapur. Als "Dienst am Kunden" bezeichnet sie ihre Aktion in Amsterdam. Dort schwang sie trotz Höhenangst auf Europas höchster Schaukel in 100 Metern Höhe über den Rand der Aussichtplattform. "Auf Instagram kam das gut an", sagt sie. Aber noch mal würde sie das nicht tun. Ihr Vater sei da viel abenteuerlustiger. "Er ist 72 und fliegt mit dem Gleitschirm."

2012 startete Anja Beckmann mit ihrem professionellen Blog. Foto: Anja Beckmann

Die Menschen, die Anja Beckmanns Blog "Travel on Toast" lesen , sind in der Hauptgruppe zwischen 25 und 54 Jahre alt. Zwei Drittel sind Frauen. Einige Leser hat Anja Beckmann schon persönlich getroffen, andere schreiben ihr und stellen Fragen. "Gibt es auf dem Flug nach Singapur Getränke?", "Ist es schwierig, ein Visum für Indien zu bekommen?", "Was empfiehlst Du mir in diesem Jahr als Reiseziel?". Bei letzter Frage muss die Reisebloggerin passen. "Dabei müsste man zu viel beachten: Fährt man allein oder in einer Gruppe? Welche Vorlieben gibt es? Welche Abneigungen? Wie hoch ist das Budget?", sagt sie.

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Früher war Anja Beckmann bei ihren Reisen meistens alleine unterwegs. Trotzdem: Sexuelle Belästigungen hat sie nie erfahren. "Vielleicht liegt es daran, dass ich 1,80 Meter groß bin oder daran, dass ich in Ländern, in denen sich die Frauen bedeckt halten, mich nicht freizügig kleide", sagt die 44-Jährige. Auch sonst hat sie auf ihren Reisen zwar Missgeschicke erlebt, aber letztendlich immer Glück gehabt. In Bolivien wurde sie Opfer eines Taschendiebs, in Mexiko rutschte sie mit ihren Flipflops vom Bordstein und wäre beinahe überfahren worden, und in Südamerika wurde sie einmal von einer Gruppe, die sie in einem Hostal kennengelernt hatte, im Wald vergessen. Alles verlief glimpflich. Auch der irrsinnige Sonnenbrand, der heftige Blasen hervorrief, ist vergessen.

Da Anja Beckmann ihre Reisen in der Regel selbst organisiert und bezahlt, muss sie genau kalkulieren. In teuren Städten bucht sie auch schon mal Kapselhotels, wo sie in einer Box übernachtet. Für die 44-Jährige muss es nicht immer das Fünf-Sterne-Hotel sein. Edelrestaurants seien schön, Street-Food und Tavernen-Essen aber auch oft köstlich. Anja Beckmann versucht immer, die Spezialitäten des jeweiligen Landes zu probieren. Schlangen und Heuschrecken waren auch schon dabei.

Mit ihren sehr guten Englischkenntnissen hat sich Anja Beckmann bisher in fast jedem Land gut verständigen können. Zur Not muss Google Translate für die Übersetzung her. Obwohl das auch schon für Heiterkeit sorgte. Anja Beckmann wollte in Griechenland Pflaster kaufen. "Die Apothekerin hat sich kaputtgelacht, denn Pflaster wurde mit Pflasterstein übersetzt", so Beckmann, die wegen ihres Freundes nach Rheydt zog.

Geld verdient sie durch Werbung. Für Microsoft hat sie eine Computermaus mit nach Stockholm genommen und dort fotografiert. Für eine Bank gibt sie Spartipps zum Thema Reisen und für ein Versicherungsanbieter eben Versicherungstipps. Ihr Auskommen sei gut, sagt sie. "Ich verdiene so viel wie vorher in meinen anderen Berufen."

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