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Regionaldekan Clancett wünscht sich Besinnung auf Schwächen

Serie Denkanstoß : Auch die Apostel haben gestritten – wie die Union

Eigentlich sollten wir jetzt schon mitten im „Sommerloch“ sein – jener Zeit, die, früher durch die Parlamentsferien in der Hauptstadt geprägt war, von Journalisten oft auch als „Saure-Gurken-Zeit“ gefürchtet war. Wo gerade noch in den Regierungs- und Parlamentsgebäuden geschäftige bis hektische Betriebsamkeit herrschte – nun gähnende Leere. Und nach all‘ dieser Hektik hatte man sich doch auch etwas Ruhe gewünscht...

Doch in diesem Jahr ist das alles irgendwie anders: Nach dem Schock über das Aus von Jogis Jungs bei der Weltmeisterschaft in Russland der schwelende und immer wieder eskalierende Streit der Unionsschwestern, der viele, auch treue Parteimitglieder sämtlicher Farben, einfach nur kopfschüttelnd und ratlos zurückließ. Das Ganze dann garniert mit internationaler, ebenso teils verstörender Begleitmusik aus allen Teilen der Welt machte bei mir aus der kopfschüttelnden Ratlosigkeit bisweilen auch Angst: Wo soll das alles, bitteschön, noch hinführen? Was hat eigentlich noch in unserer Welt Bestand? Auf wen oder was ist noch Verlass?

Klar, werden sie jetzt beim Lesen dieser Zeilen denken, bei dem Mann von der Kirche gibt es doch nur eine Antwort – und die ist Gott. Ja sicher, davon bin ich ja auch überzeugt. Und doch kommen auch bei mir manchmal Zweifel auf. Und als ob es so geplant gewesen wäre, haben wir auf dem Höhepunkt des Streites zwischen München und Berlin am Ende der letzten Woche in der Kirche das Fest der beiden Apostel Peter und Paul gefeiert. Dabei hat mir dann der Blick in die Geschichten geholfen, die von den beiden überliefert sind. Auch bei denen gab es immer wieder Streit um die richtige Ausrichtung der jungen Kirche. Manchmal sogar erbitterten Streit. So einträchtig, wie sie oft in der bildenden Kunst dargestellt werden, standen sie kaum beieinander. Da flogen auch schon einmal die Fetzen. Und so mancher sagt, dass aus dieser Spannung zwischen den beiden Apostelfürsten erst eine ungeheure Energie für die jungen, gerade erst entstehenden Gemeinschaften von Christen entstanden ist.

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Beide aber zeichnete noch etwas anderes aus, dass sie vor allen anderen immer wieder sehr glaubwürdig erscheinen ließ. Etwas, das auf den ersten Blick gar nicht so heldenhaft aussieht. Beide hatten immer wieder auch Zweifel – und zeigten diese auch. Daraus entstand dann immer wieder neu etwas Positives, etwas, dass die Menschen ansprach, sie wirklich ernst- und mitnahm. Etwas, das letztlich keinen ratlos zurückließ. Vielleicht ist es genau das, was gerade den Unionsstreit der letzten Wochen so unerträglich werden ließ: Keiner ließ irgendwelche Zweifel zu. Bis zum Schluss. Schwäche zeigen: Fehlanzeige. Das war streng verboten, hätte möglicherweise, so die irrige Annahme der Streithähne, Punkte für die Gegenseite bringen können.

Vielleicht ist es aber gerade das Eingestehen von Schwachpunkten bei sich selbst, das die vermeintliche Gegenseite beeindruckt. Das Beispiel der Apostel Peter und Paul zeigt das überdeutlich: Beide stehen auch zu ihren Schwächen und lassen sie zu. Das macht einen Petrus erst wirklich zu einem „Fels“, auf dem Jesus seine Kirche bauen möchte, wie es in der Bibel nachzulesen ist. Deswegen sind Peter und Paul auch und in gerade solchen Situationen scheinbarer Ausweglosigkeit für mich immer ein hervorragendes Beispiel für den Umgang mit Konflikten: Zu den eigenen Schwächen stehen und Zweifel zulassen. Ganz Mensch bleiben. Und als solcher bist du eben ein schwaches Wesen, hast Zweifel und unbeantwortete Fragen.

Ich hoffe, vielleicht auch mit Ihnen, darauf, dass das „Sommerloch“ uns ein bisschen Zeit gibt, einmal über unsere Schwächen nachzudenken und zu ihnen zu stehen. Das würde nicht nur den beiden Unionsschwestern guttun – auch wenn es sicher gerade auf den ersten Blick nicht dem Zeitgeist entspricht.

Ulrich Clancett ist Regionaldekan
der Stadt Mönchengladbach.