Interview Susanne Goga: "Recherche ist wie Detektivarbeit"

Interview Susanne Goga: "Recherche ist wie Detektivarbeit"

Die Autorin spricht über ihre Heimatstadt Mönchengladbach, Speisekarten aus dem alten Berlin und die Erfindung der Rheinromantik.

Frau Goga, Sie sind Literaturübersetzerin und Autorin und leben heute von Büchern. Wie haben Sie Bücher und das Lesen für sich entdeckt?

Goga In unserer Familie wurde viel gelesen. Bei uns zu Hause gab es immer Bücher, und mein Vater hat mich früh in die Stadtbibliothek mitgenommen. Ich habe dann immer gedrängelt, wieder hinzugehen, weil ich meine Bücher schneller ausgelesen hatte als er.

Welche Bücher haben Sie damals gelesen?

Goga Das waren zum Entsetzen meiner Mutter auch die klassischen Mädchenbücher wie "Hanni und Nanni", aber auch Abenteuergeschichten und griechische Sagen. Eigentlich war nichts vor mir sicher, ich habe alles gelesen.

Welche Lieblingsbücher hatten Sie?

Goga Ich habe massenhaft Enid Blyton gelesen, aber auch Erich Kästner und später Michael Ende. Aus der Pfarrbücherei hatte ich "König Artus und die Tafelrunde" ausgeliehen. Das fand ich besonders spannend. Ich bin später hingegangen und habe es der Bücherei abgekauft.

Sie haben dann in Düsseldorf studiert und gelernt, wie man Literatur übersetzt.

Goga Es gab den Diplomstudiengang "Literaturübersetzen". Das war ein literatur- und sprachwissenschaftliches Studium, das sich zusätzlich mit Übersetzen beschäftigte. Wir haben sehr literarische Texte übersetzt, das war ungeheuer spannend. Wenn fünfzig Leute den gleichen Text übersetzen, kommen fünfzig verschiedene Texte dabei heraus.

Arbeiten Sie immer noch als Übersetzerin?

Goga Ja, ich übersetze aus dem Englischen ins Deutsche. Ich habe viel von Chris Cleave übersetzt, "Little Bee" zum Beispiel, "Gold" oder "Die Liebe in diesen Zeiten". Es ist immer eine Herausforderung, aber ich übersetze ihn gern. Insgesamt habe ich inzwischen aber bestimmt hundert Bücher unterschiedlicher Autoren übersetzt. Dabei kommen natürlich auch Themen vor, die ich nicht so parat habe. Dann beschäftige ich mich mit dem historischen Hintergrund, vor kurzem zum Beispiel mit Afghanistan und seiner Geschichte. Ich war sehr erstaunt, wie frei es in Kabul in den 1970er Jahren zuging. Man lernt viel beim Übersetzen. Im Idealfall ist man hinterher schlauer als vorher.

Ist es ein gutes Gefühl, ein Buch in den Händen zu haben, in dem man selbst als Übersetzerin genannt wird?

Goga Das ist ein ganz besonderes Gefühl, denn genau genommen lesen die Leute meinen Text. Beim Übersetzen muss man Entscheidungen treffen, man hat einen gewissen Spielraum. Der Text wird hinterher durch den Filter des Übersetzers wahrgenommen. Um gut zu übersetzen, muss man sich trauen, sich vom Text zu entfernen, um die gleiche Wirkung wie im Original zu erzielen. Wenn ein Wortspiel nicht übersetzbar ist, muss man an anderer Stelle eins einbauen, um den Witz des Textes zu erhalten.

Wann kamen Sie auf die Idee, selbst zu schreiben?

Goga Das war 2001. Ich stand vor der Wahl, meine Dissertation zu Ende zu schreiben oder mit einem Roman zu beginnen. Ich habe mich für den Roman entschieden und einen geschrieben, der aber nie veröffentlicht wurde. Ich habe ihn an verschiedene Agenten geschickt. Und einer davon meinte, dass das Thema sich nicht verkaufen würde - der Roman spielte am Ende des Ersten Weltkriegs -, aber ihm gefiele, wie ich schreibe. Ich habe ihm dann drei Kapitel eines anderen Romans geschickt, und er hat mir daraufhin einen Vertrag angeboten. So fing alles an.

Dieser andere Roman war "Leo Berlin"?

Goga Ja, der spielte dann in der Weimarer Republik. Die Hauptfigur ist der Kriminalkommissar, der aber nicht der Typ einsamer Wolf ist, sondern ein Familienvater in schwerer Zeit mit unverheirateter Schwester im Haus. Daraus ließ sich viel entwickeln.

In Ihren Büchern steckt eine enorme Rechercheleistung. Wie kommen Sie an Ihre Informationen?

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Goga Wenn man erst mal eine Grundlage hat, ist viel gewonnen. In den weiteren Romanen kann ich auf dem aufbauen, was schon da ist. Ich habe mir im Laufe der Zeit eine Bibliothek mit entsprechenden Nachschlagewerken zugelegt. Es gibt zum Beispiel eine Reihe, in der alte Fotos aus Berlin veröffentlicht werden, nach Stadtteilen geordnet und mit Erklärungen versehen. Darauf greife ich gern zurück. Viele der Lokale und Geschäfte, die ich beschreibe, gab es wirklich. Ich recherchiere dann oft noch weiter. Neulich habe ich im Internet eine historische Speisekarte gefunden, in der ein komplettes Menü samt Preis aufgeführt wurde. So etwas verwende ich dann natürlich. Bei anderen Dingen ist die Recherche schwieriger, als man glaubt. Ich habe zum Beispiel unglaublich suchen müssen, um eine Übersicht über die Preise für Lebensmittel während der Inflation zu finden. Diese Recherche ist wie Detektivarbeit. Ich kann mich dann gut in meinen Kommissar Leo hineinversetzen.

Ihr sechster "Leo"-Band erscheint im Februar. Aber Sie haben auch andere historische Romane wie "Das Haus in der Nebelgasse" geschrieben. Wie kommen Sie da an Ihre Informationen?

Goga Ich habe Peter Ackroyds "London - eine Biographie" gelesen. Das hat mich auf die Idee zu diesem Buch gebracht. Er beschreibt ungewöhnliche Aspekte der Stadt, zum Beispiel die unterirdischen Flüsse Londons. Es gibt dort dreizehn Flüsse, die überbaut wurden und heute unter den Straßen fließen. Die Straßen sind nach diesen Flüssen benannt. Die Fleet Street beispielsweise folgt dem Verlauf des Fleet.

Waren Sie für die Recherche auch vor Ort?

Goga Ich war zweimal in London. Ich hatte im Internet ein Haus gefunden, das für meine Zwecke passte, und habe vor Ort Fotos gemacht. Später habe ich den Besitzer des Hauses ausfindig gemacht und ihn angeschrieben. Er war sehr nett, und ich konnte mir den Keller, der im Buch vorkommt, ansehen. Da war das Buch zwar schon fertig, aber es war gut zu erkennen, dass ich es ziemlich genau getroffen hatte mit meiner Beschreibung.

Ihr neues Buch spielt in Deutschland, und zwar in Bonn und am Mittelrhein. Es dreht sich um die Briten und die Rheinromantik des 19. Jahrhunderts.

Goga Das stimmt. Ich bin übrigens durch die RP-Serie im Sommer letzten Jahres auf die Idee gekommen und habe mich dann schlau gemacht. Im 19. Jahrhundert gab es eine richtige britische Kolonie in Bonn, mit eigenem Pfarrer, mit Pensionaten und Ärzten. Die dortige Universität war ein Anziehungspunkt, dort hat etwa Queen Victorias Mann Albert studiert. Aber auch das Klima, die Lage Bonns und das anschließende Mittelrheintal haben die Engländer gelockt. Es scheinen zeitweise rund tausend Briten in Bonn gelebt zu haben, das sind etwa vier Prozent der damaligen Bevölkerung.

Woher kam diese Rheinbegeisterung?

Goga Das hatte schon nach Ende der Napoleonischen Ära 1815 begonnen. Maler wie William Turner und Dichter wie Lord Byron haben dazu beigetragen. Für die Deutschen hatte der Rhein damals gar nicht diesen Stellenwert. Die Rheinromantik wurde von den Engländern erfunden. Sechzig bis siebzig Jahre lang kamen immer mehr englische Touristen. Es ist tatsächlich das erste Beispiel für Massentourismus.

Wovon handelt Ihr Buch? Ist es wieder ein Krimi?

Goga Es ist kein Krimi, aber es gibt ein Geheimnis, das gelüftet werden muss. Eine nicht mehr ganz junge Engländerin besucht ihren Onkel in Bonn. Dort macht sie sich daran, das Geheimnis zu ergründen, das ihren verschwundenen Vater umgibt. Der Roman wird "Die vergessene Burg" heißen, und ich habe auch endlich die passende Burg gefunden, die ich für diese Geschichte brauche. Es ist die Ruine Ehrenfels, die ich mir bei einer Wanderung mit meinem Mann auch ganz genau angesehen habe.

Sie sind in Mönchengladbach geboren und haben immer hier gelebt. Wie empfinden Sie die gegenwärtige Entwicklung der Stadt? Merken Sie etwas von der viel beschworenen Aufbruchsstimmung?

Goga Ja, wenn auch nicht überall. In Rheydt beispielsweise bleibt noch viel zu tun. Aber es passiert wirklich viel Positives, vieles, was nicht von oben gesteuert wird, sondern von den Bürgern kommt. Man sieht, dass es immer mehr Angebote im kulturellen Bereich gibt. Die Leute trauen sich, etwas in Angriff zu nehmen. Ein Beispiel ist die enorme Entwicklung, die der Greta-Markt genommen hat.

Haben Sie einen Lieblingsort in Mönchengladbach?

Goga Zu meinen Lieblingsorten gehören sicher der Abteiberg und der Abteigarten, aber auch versteckte Orte wie der jüdische Friedhof in Odenkirchen oder der Schmölderpark mit dem Gräberfeld. Dort kann man der Vergangenheit der Stadt begegnen.

DAS GESPRÄCH MIT SUSANNE GOGA FÜHRTEN ANGELA RIETDORF UND INGE SCHNETTLER.

(arie)
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