Mönchengladbach: Raues Gladbach mit Format

Mönchengladbach: Raues Gladbach mit Format

Die 270.000-Einwohner-Stadt erscheint wenig zimperlich. Punkten aber kann sie trotzdem: Mit einer sympathisch-einladenden Atmosphäre in der City. Nicht schön sind die Fassaden an der Hindenburgstraße.

Mönchengladbach ist eine Großstadt und ihr Europaplatz eine Beinahe-Müllhalde. Mitten am Hauptbahnhof steht das benennende Schild eingezäunt gemeinsam mit Müllcontainern und alten Fahrrädern. Der Platz ist ein Ort, an dem die Zeit rund vier Stunden voraus ist. Die Uhr am Bahnhofsgebäude ist hin. Drinnen wird gearbeitet. Ein Banner der Deutschen Bahn am Bauzaun verspricht: "In Mönchengladbach werden Sie sich künftig sehr viel wohler fühlen." Die Empfangshalle wird seit Ende Februar saniert. Im Juli soll sie glänzen.

Sauber und konsumfördernd zeigt sich im Gegensatz die Einkaufsmeile Hindenburgstraße. Foto: Maike Plaggenborg

Aber mit Grenzen offenbar. Denn der Weg zu den Gleisen bleibt wohl, wie er ist: urban. Dort hat schon lange keiner mehr Hand angelegt, zumindest nicht im säubernden Sinne. Eher im graffitischen. Flecken, die wie bald trocknende Wassertropfen im meterweiten Umkreis um einen Mülleimer herum aussehen, würden mies grinsen, wenn sie könnten, und sagen: "Ich bleibe." Sie waren mal Kaugummis. Jetzt sind sie Inventar. Dreck hat sich in vielen Ecken zusammengerottet, vermutlich mithilfe des Windes, der dann und wann durch die Katakomben zwischen Gleis eins und neun fegt. Irgendwann hat offenbar jemand entschieden, dass dieser Bahnhof einfach sein gelassen wird.

Lichterne Initiative zeigen die Wirte der Waldhausener Straße. Die Lampenschirme leuchten hübsch im Dunkeln. Foto: Maike Plaggenborg

Im besseren Sinne sein gelassen werden die Menschen, die draußen Alkohol trinken - allem Anschein nach täglich trinken und dies auch müssen. Nicht aus Genuss, sondern aus der Sucht heraus. Gladbach hat sogenannte soziale Probleme, und die werden auf Bänken, auf Supermarktparkplätzen oder an Springbrunnen ertränkt. Die Stadt hilft zumindest mit Plastikpissoirs. Das ist für alle Nutzer der Stadt wohl erst einmal eine Hilfe.

Partiellen Glamour dagegen versprüht der Sonnenhausplatz. Dort bricht sich das Licht. In tausenden Glassplittern, könnte man meinen. Aber es ist viel harmloser. Und charmanter. Ein Spezial-Split auf einer Kunstharzschicht ziert den Boden dort, zeigt eine kurze Recherche. Es ist der Flirt mit einem Asphaltboden, der einem am Tag wie am Abend die Sterne zu Füßen legt. Irgendwie zauberhaft, auch wenn es eigentlich Quatsch ist. Sauber würde ja schon reichen. Wie beispielsweise auf der Hindenburgstraße, die diese Fläche kreuzt. So hat eine Einkaufsmeile zu lächeln, und das tut sie auch mit der Straße, die charmanterweise leichte Wellen schlägt. Andererseits hapert es wiederum an manchen Stellen in der Stadt, die Teil der Rhein-Ruhr-Metropole ist, am reinlichen Erscheinungsbild. Hie und da zieren Müllsäcke, Fast-Food-Restaurant-Abfall oder zerbrochene Flaschen den ein oder anderen Gehwegrand, manchmal auch den Gehweg selbst. Tatsächlich lässt sich beim Herumschlendern an einer der viel befahrenen Hauptstraßen auch auf Sperrmüll auf dem Gehweg stoßen. Berlin-Style. Dafür gibt es in Gladbach kaum Hundehaufen, und falls doch, verweilen sie immerhin in einem schwarzen Beutelchen. Das muss Warnung genug sein.

Erneut wird das Licht ein Thema in dieser Stadt: Beim Durchschlendern der Waldhausener Straße. Dort sind die hängenden Leuchten von Mönchengladbach. Vermutlich entrissen aus der Szenerie altbackener Wohnzimmer zieren die Lampenschirme die Perspektive in die Flucht dieser abschüssigen Straße. Ganz schön hübsch, besonders im Dunkeln. Obendrein ist die Spezialbeleuchtung Zeugnis einer Initiative von ansässigen Wirten, wie sich im Zeitungsarchiv nachlesen lässt.

Ja, Mönchengladbach ist eine Großstadt. Es gibt öffentliche Verkehrsmittel, viele verschiedene Sprachen sind zu hören und unterschiedliche Menschen zu sehen und zu erleben. Tauben schleichen todesmutig und tiefenentspannt auf Hauptverkehrsadern herum, nur um an einen Krümel alten Brotes zu gelangen. Gladbach ist rau und dazu sympathisch gelassen. Denn die Menschen hier vermitteln ein eigentümliches Gefühl: Jeder kann hierher kommen und ist auf lässige Art eingeladen, so zu sein, wie er ist. Da muss man nur noch "Ja" und "Danke" sagen. Kurzum: Das Gesamtbild hat Format. Und übrigens: Nur schön wäre ja auch öde.

(RP)