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Mönchengladbach: Premiere mit viel Müll, Moral und Musik

Mönchengladbach : Premiere mit viel Müll, Moral und Musik

Christoph Roos inszeniert Dürrenmatts Parabel "Der Besuch der alten Dame". Er streicht viel, provoziert und bleibt einiges schuldig.

Nach der Premiere brandet der Applaus zunächst verhalten, mit der Zeit regelrecht begeistert den zehn Akteuren auf der Bühne und dem Regieteam entgegen. "Der Besuch der alten Dame", Friedrich Dürrenmatts Parabel über Geld und Moral, befriedigt auch ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung die Lust auf Theater mit Anspruch. Im Theater Mönchengladbach beginnt die Geschichte auf dem Müllhaufen, zu dem das einstmals freundliche Städtchen Güllen verkommen ist.

Bühnenbildner Peter Scior hat das prächtig hingekriegt. Mit ohrenbetäubendem Radau rauschen Schnellzüge vorbei an den Einwohnern, die der großen Welt hinterherschauen. Am Ende ist alles cool und chic, die Güllener sind Mörder, aber reich und zufrieden. Aus dem Off dröhnt rockige Musik und wir alle sollen uns mitschuldig fühlen an der Hinrichtung mit Eisenstange. Darüber wird noch zu reden sein.

 Der Besuch der alten Dame: Friedrich Dürrenmatts Parabel feiert Premiere auf der großen Bühne des Theaters Mönchengladbach. Die Hintergrundmusik kommt wieder vom Krefelder Markus Maria Jansen.
Der Besuch der alten Dame: Friedrich Dürrenmatts Parabel feiert Premiere auf der großen Bühne des Theaters Mönchengladbach. Die Hintergrundmusik kommt wieder vom Krefelder Markus Maria Jansen. Foto: Matthias Stutte

Claire Zachanassian, einst mit Schimpf und Schande aus Güllen vertrieben, kehrt Jahrzehnte später, inzwischen steinreich, zurück und verspricht der — wie sich später herausstellt: von ihr — ruinierten Gemeinde eine Milliarde für Gerechtigkeit. Die sieht in ihren Augen so aus, dass ihr Jugendfreund, der Kaufmann Alfred Ill, sterben muss. Er hatte die damalige Klara geschwängert und in Kauf genommen, dass sie durch die Hölle der Prostitution gehen musste — bis sie sich einen Milliardär angelte. Auf diese Grundlage stellt Dürrenmatt seine theatrale Versuchsanordnung, in der er vorführt, dass der Mensch an sich korrumpierbar ist und bei Geld die Moral aufhört.

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Das ist an und für sich schon mit der groben Nadel gestrickt, wird aber durch die Striche, die Regisseur Christoph Roos macht, nicht subtiler. Alles muss schnell gehen. Deshalb bindet er mal wieder den Krefelder Independent-Musiker Markus Maria Jansen ein, mit feinen Sounds zwischen den Szenen Stimmung zu machen, die über manchen Bruch hinweghelfen. Im Grunde entwickeln nur Ill (Bruno Winzen) und Claire (Eva Spott) so etwas wie Profil, der Rest bleibt blass. Bruno Winzen als Ill akzeptiert fatalistisch seine Schuld und ergibt sich dem Todesurteil der Bürger. Claire zeigt von Beginn an neben der coolen Rachlust ein ungestilltes Sehnen nach privatem Glück — Eva Spotts bodenloser Heulkrampf, ihre verschämtes Schnuppern an verjährter Leidenschaft machen großen Eindruck. Dem Stück, der Botschaft dient das wenig. Holzschnittartig sind die Nebenrollen geraten.

Intendant Michael Grosse gibt den Pfarrer sonor, fett, bigott; Matthias Fuhrmeister hat mit dem Lehrer die schillerndste, charakterfesteste Figur, die am Ende auch "blutigen Ernst mit den Idealen" macht.

Dass sich der Bürgermeister (Bernhard Bauer) kurz vor Schluss als Conférencier der Hinrichtung betätigt — mit Mikrofon in der Hand die Zustimmung des mit Schauspielern durchsetzten Publikums einholt —, soll nachdenklich machen. Dass dann am Ende die Güllener der Reihe nach eine Eisenstange in die Hand nehmen, mit der sie den gefesselten Ill erschlagen, geht denn doch gänzlich daneben. Dürrenmatts Botschaft ist ja: die schweigende Mehrheit ist der Täter. Das hat Christoph Roos dem Schockeffekt geopfert.

(ark)