Preisverleihung in Mönchengladbach: So war der Theater-Oscar 2019

Preisverleihung in Mönchengladbach : So war der Theater-Oscar 2019

Theaterpublikum und RP-Leser vergaben zehnmal den Preis an Darsteller und Regisseure. Einen Ehren-Oscar gab’s vom Generalintendanten.

Es wurde ein Abend der Leidenschaften, mit „Feuerwerk und Sonnenaufgängen“ im Gemüt, wie Petra Diederichs, RP-Redakteurin und Moderatorin der Theater-Oscar-Feier, auf der Bühne der Theaterbar voraussagte. Am Ende der Spielzeit, „wenn alle schon auf den Felgen fahren“, so Generalintendant Michael Grosse, ruft die Rheinische Post mit dem Theaterpublikum die „Erntezeit“  für die Künstler aus. Stadtdirektor Gregor Bonin erinnerte in seinem Grußwort  daran, dass „Mut zu Veränderung“ mit dem Risiko zu scheitern die Schnittstelle zwischen Stadtplanung und Theater darstelle. RP-Redaktionsleiterin Denisa Richters würdigte die Kombination von „Kreativität, Können und Fleiß“ als Basis für Erfolg beim Publikum.

Programmiert ist dieser Erfolg bei Ballettchef Robert North, der Choreograf landet mit einer Arbeit regelmäßig auf dem Preistreppchen. Diesmal erhält er den Theater-Oscar für das Ballett „Farben der Welt“. „Ich war überwältigt, erlebte einen Rausch der Sinne“, gestand Bärbel Lenz, Vizevorsitzende des Trägervereins im BIS-Zentrum, in ihrer Laudatio. North dankte besonders dem Theaterpianisten André Parfenov, Ausstattungsleiter Udo Hesse und Assistentin Sheri Cook, Norths Frau, für die Zusammenarbeit.

„Ballett war für mich lange nur Tü-Tü“, gab Reinhold Schiffers (SPD), Lobredner für den besten Tänzer, zu. Seine Haltung zu der Sparte habe sich grundsätzlich gewandelt, nachdem er den Film „Billy Elliot – I Will Dance“ gesehen hatte. Er sei froh, betonte der Vorsitzende des Kulturausschusses, dass das Theater weiter ein Ballettensemble vorhält. Zum vierten Mal ging der Oscar für den besten Tänzer an den Italiener Alessandro Borghesani. Die beste Tänzerin der Spielzeit 2018/19 heißt Irene van Dijk, die Niederländerin erhielt die Auszeichnung zum ersten Mal. Schiffers‘ Parteifreund Ulrich Elsen räumte als ihr Laudator ein, dass er aufgrund seines Körperbaus allenfalls für die Rolle des „sterbenden Wals“ tauge. „Aber ich bewundere  Tanz und mit dem Mehrheitsvotum des Publikums Irene van Dijks großartige Leistungen“, so Elsen.

Als der frühere Richter Heinrich Rungelrath, seit 20 Jahren Vorsitzender der Krefelder Theaterfreunde, eine Ausgabe des Strafgesetzbuches und ein Paar Handschellen aufs Rednerpodest legte, ahnte mancher schon, dass es in seiner Lobrede um eine „Räuberpistole“ ging. Rungelrath überreichte den Theater-Oscar an Schauspieldirektor Matthias Gehrt. Der hat Schillers Jugenddrama „Die Räuber“  inszeniert. Gehrt bewegte die Besucher mit einer persönlichen Erklärung: Während der Produktion „starb mein engster Freund – und eine Woche später mein Vater“, berichtete der vielgereiste Regisseur, der „Die Räuber“ zuletzt in einer Fassung auf Hebräisch in Tel-Aviv herausgebracht hat.

Kulturdezernent Gert Fischer ist seit vielen Jahren als Oscar-Laudator im Einsatz, wobei seine Spezialität der überraschende Vorstoß aus der Position des Anti-Lobredners ist. So erkennt er im (biblischen) Stoff der Verdi-Oper „Nabucco“ ein „Minenfeld“. Regisseur Roman Hovenbitzer habe gleichwohl den „Spagat zwischen historischer Weite und privater Enge der handelnden Figuren“ gut gemeistert. Hovenbitzers Dankesrede verlas Dramaturgin Ulrike Aistleitner.

In altmodischem Outfit präsentierte sich die Cellolehrerin Julia Polziehn von der Krefelder Musikschule als „größter Fan“ der besten Sängerin: Die heißt Sophie Witte und wurde in der Saison in sechs herausragenden Rollen gefeiert. Darunter als Ophélia in der Oper „Hamlet“, Blanche in „Gespräche der Karmeliterinnen“ und als „fantastische Pamina“ (Polziehn) in Mozarts „Zauberflöte“.  Die Sopranistin bedankte sich mit einer auch darstellerisch hoch anspruchsvollen Arie als Puppe Olympia aus „Hoffmanns Erzählungen“ von Offenbach.

Ihr Debüt als Lobrednerin einer Oscar-Feier erlebte die Kirchenmusikerin Stephanie Borkenfeld-Müllers. Sie stimmte das Publikum auf „eine Urgewalt von Mann“ ein, nämlich den Bassbariton Johannes Schwärsky, der den Preis als bester Sänger bekam. „Er singt seine Rollen mit großer Leidenschaft“, verriet Borkenfeld-Müllers. Was Schwärsky mit seinem kraftstrotzenden Vortrag eines Chansons („Der fette Elvis“) von Thomas Pigor eindrucksvoll beglaubigte.

Helmut Schroers, langjähriger Leiter der Krefelder Mediothek, erfüllte bei seiner Laudatio den besonderen Wunsch seiner Preisempfängerin. „Sie würde gern mal von mir besungen werden“, verriet Schroers, setzte sich an den Steinway und begleitete sich bei einem selbstverfassten Chanson (nach der Melodie eines Udo-Jürgens-Songs). Darin gab er charmant eine Menge Privates der Schauspielerin Esther Keil preis, die ihren achten Oscar erhielt. Rekord!  Mit einem Zitat des Piaf-Chansons „La vie en rose“ erinnerte Schroers an die herausragende Gesangsleistung Esther Keils in dem Musical „Himmel über Paris“. „Das war noch viel schöner, als ich es mir erhofft hatte“, lobte die Preisträgerin ihren Minnesänger.

Kriminalistische Spuren legte die auf Kriminalromane spezialisierte Autorin Susanne Goga in ihrer Preisrede auf den jüngsten Schauspieler im Ensemble. Mit Tom Hanks und Spencer Tracy habe er gemeinsam, dass er zweimal in Folge einen Oscar bekommt. „Krass, ey, vielen Dank“, reagierte der Preisträger Henning Kallweit (28), der bereits 2018 den begehrten Publikumspreis gewonnen hatte, auf die Auszeichnung.

In Abwesenheit ehren musste Thomas Hoeps, Leiter des Kulturbüros, die derzeit im Fränkischen bei Schlussproben einer anderen Produktion eingespannte Bühnenbildnerin Christine Knoll. Sie brachte für „Let’s Stop Brexit“ mit humorigem Blick ein Stück weit das britische Unterhaus auf die Bühne. „Sie hat einen Tempel der Fußbekleidung geschaffen“, erwähnte Hoeps Knolls anekdotenreifen Einfall, einen Schrank voll mit Pumps der Ex-Premierministerin Theresa May zu präsentieren. Hoeps würdigte May als „die Imelda Marcos der britischen Schuhmode“.

Die Gewinner des Theater-Oscars 2019 auf einen Blick (bei Abwesenheit ihre Entsandten): vorne (v.l.) Johannes Schwärsky, Sophie Witte, Esther Keil, Henning Kallweit und Michael Magyar, oben (v.l.) Ulrike Aisleitner für Roman Hovenbitzer (abwesend), Robert North, Matthias Gehrt, Irene van Dijk, Alessandro Borghesani und Andreas Wendholz für Christine Knoll (abwesend). Foto: Bauch, Jana (jaba)
Stephanie Borkenfeld-Müllers – die Kantorin als Laudatorin. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Die Cellistin Julia Polziehn zeigte als Laudatorin für Sophie Witte auch Schauspieltalent. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Stimmgewaltig: Sophie Witte wurde als „Beste Sängerin“ ausgezeichnet. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Hat jetzt schon den vierten Theater-Oscar: Alessandro Borghesani („Bester Tänzer“). Foto: Bauch, Jana (jaba)
Esther Keil  („Beste Schauspielerin“) erhielt von Helmut Schroers ein Lied als Laudatio. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Begeisterte in „Spamalot“ als Pferd Petsy: „Bester Schauspieler“ Henning Kallweit. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Irene van Dijk wurde von Laudator Ulrich Elsen als „Beste Tänzerin“ geehrt. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Johannes Schwärsky wurde „Bester Sänger“ und dankte mit dem Chanson „Fetter Elvis“. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Die Theaterbar war gut besucht, vorne Stadtdirektor Gregor Bonin und Denisa Richters (RP). Foto: Bauch, Jana (jaba)
Ex-Richter Heinrich Rungelrath (l.)  freute sich als Laudator mit Schauspieldirektor Matthias Gehrt. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Generalintendant Michael Grosse dankte den RP-Lesern. Foto: Bauch, Jana (jaba)
Autorin Susanne Goga war Laudatorin „Bester Schauspieler“. Foto: Bauch, Jana (jaba)

Last but not least der Ehren-Oscar. Den vergibt traditionell „in demokratischer Selbstbefragung“ der Intendant, wie es Grosses Vorgänger Jens Pesel einmal ausgedrückt hat. Diesmal „trifft“ es Grosses Partner in der Geschäftsführung der Bühnen, Michael Magyar. Der „Mann der Zahlen“ war sichtlich gerührt.

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