1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach

Mönchengladbach: Opernsängerin altert im Zeitraffertempo

Mönchengladbach : Opernsängerin altert im Zeitraffertempo

Die Maskenbildnerin Miriam Brocker schafft es, in nicht einmal zehn Minuten mit ein paar Handgriffen aus der 32-jährigen Lisa Kaltenmeier eine alte Frau zu machen. Ihr Arbeitsplatz ist die Maske im zweiten Stock des Opernhauses.

"Der Mund, Miri." In Lisa Kaltenmeiers Stimme mischt sich Zufriedenheit mit Panik. Die Sopranistin hatte den Frisierstuhl in der Maske des Frauenchors schon verlassen wollen. Im letzten Augenblick fiel ihr auf, "dass er zu gesund aussieht." Miriam Brocker, ihre Freundin und Maskenbildnerin, nickt und legt gelassen Hand an. In Sekunden werden aus gesunden roten Mund der Sängerin fahle, blutleere Lippen. Nun sind beide zufrieden. Die Regie wird nichts zu meckern haben. Sie hat für die Oper Cavalleria nämlich alte Menschen im Chor verlangt.

In nicht einmal zehn Minuten wurde daher aus einer lebensfrohen 32 Jahren alten Krefelderin eine sehr, sehr alte Frau. Nun passt auch das schwarze Kleid zur Opernsängerin. Um das Erscheinungsbild komplett zu machen, bekommt sie von der Garderobe noch einen Kittel verpasst.

Etwa eine Stunde vor Beginn der Vorstellung ist Lisa Kaltenmeier mit dem Bus nach Rheydt ins Opernhaus gebracht worden. Sie genießt das Schminken regelrecht: "Wenn Miriam mit dem Schwämmchen arbeitet, fühlt sich das so kuschelig an." Zunächst wird der Haut der jungen Frau mit Puder aufgehellt. Wie im Zeitraffer wird sie welk.

Die Maskenbildnerin trägt nun mit breitem Strich dunkles Make Up für die Falten auf. Das wirkt im Sinne des Wortes maskenhaft. "Sonst sieht aber man schon nach der 2. Reihe nix mehr", erklärt Miriam Brocker.

Eine kranke, abgezehrte Sängerin. Man stellt sich als Beobachter unwillkürlich die Frage, ob sie den Abend überstehen wird und wünscht ihr das Beste.

Lisa Kaltenmeier bleibt allerdings völlig unbeeindruckt von ihrer Verwandlung. Schließlich ist die Oper schon rund 15 Mal aufgeführt und sie dementsprechend zurechtgemacht worden. Abgeklärt kommentiert sie die kleinen hellen Stellen, die ihre Freundin nun über den Augen deutlich betont, neben den "gemeinen Fältchen": "Das ist grausam. Das Helle beschwert und betont die Augenlider. Sie sehen jetzt aus, als würden sie runterhängen." Aus ihrem Mund klingt das irgendwie nach der Lust an der Verwandlung. "Was Licht und Schatten doch ausmachen." Fehlt eigentlich nur noch die Perücke. Dazu hat Miriam Brocker die Haare der Sopranistin bereits "aufgeschneckelt". Das Haar wird zu vielen kleinen Schnecken gedreht, damit die Haare später gleichmäßig am Kopf anliegen. Nun windet die Maskenbildnerin ein Band um den Kopf der Opernsängerin. Daran wird die Perücke mit Nadeln befestigt. Lisas hängt im Schrank hinter dem Frisierstuhl auf einem Haken. Daneben ein Stück Klebeband mit ihrem Nachnamen.

Der Raum 234 - 235 Maske, liegt im zweiten Stock des Opernhauses. Drei, nein vier Schminkplätze. Schrank, Stauraum. Jede Menge Pinsel, Behälter für Nadeln, Krepprollen, diverse Puderdosen, Fettschminke. Ein vergleichsweise kleiner, enger Raum. Die Maske für den Frauenchor am Standort Krefeld ist nach Einschätzung von Miriam Brocker noch kleiner.

Für die Rheinländerin ist es die zehnte Spielzeit als Maskenbildnerin: "Schon im Alter von sechs Jahren wollte ich das machen." Mit ihrer Kollegin Petra Rodriguez betreut die Maskenbildnerin an diesem Abend 16 Sängerinnen. Für jede haben sie rund zehn Minuten Zeit. "Das ist schon Stress. Wenn ich das Kolleginnen oder Kollegen an anderen Theatern erzähle, können die das kaum glauben", so Miriam Brocker. Ihre Kollegin nickt dazu. Eigentlich würden die beiden Maskenbildnerinnen gerne noch mehr Zeit für die Maske jedes Einzelnen aufwänden, "man kann es noch alles viel feiner und ausdrucksstärker machen." Die Arbeit an den Sängerinnen, überhaupt nahe am Menschen zu sein mit ihrer Arbeit, macht ihr sehr viel Freude: "Ich habe das Schminken auf alt schon eine Spielzeit lang gemacht. Da kennt man dann schon die Gesichter und ihre Besonderheiten." Auch wenn es schnell gehen muss, Lisa Kaltenmeier kann in der Maske entspannen: "Und zwar supergut. Haare machen, schminken, ich könnte einschlafen." Sie macht ohnehin einen entspannten Eindruck. Ihretwegen könnten "wir Cavalleria auch die nächsten zehn Jahre noch spielen. Wir lieben das, die alten Omas zu spielen." Für die Niederrheinerin ist es das erste feste Engagement in ihrer Karriere, die sie bereits nach Venedig geführt hat: "Dort habe ich studiert." Demnächst ist Lisa Kaltenmeier in Nabucco zu sehen, Premiere ist am 23. Juni. In der drei Stunden Oper wird sie eine eigene Rolle singen: "Die Anna." Ein tolles Schlussbild auf dem Flur Richtung Bühne: Gemeinsam mit einer Kollegin wackelt die Sopranistin gekonnt ihrem Auftritt entgegen. Auf O-Beinen und gramgebeugt.

(RP)