Renate Harnacke: Offene Sprechstunde bei Kinderärzten nicht sinnvoll

Renate Harnacke: Offene Sprechstunde bei Kinderärzten nicht sinnvoll

Renate Harnacke kritisiert als Sprecherin der Kinder- und Jugendärzte der Stadt die Initiative des Gesundheitsministers.

Gesundheitsminister Jens Spahn fordert kürzere Wartezeiten, mehr offene Sprechstunden ohne Terminvergabe und stellt dafür eine höhere Vergütung in Aussicht. Ist das sinnvoll?

Harnacke Es ist für Kinder-und Jugendärzte erfreulich, dass der Gesundheitsminister Verbesserungen beabsichtigt. Ob diese für alle Fachrichtungen immer gleich sein sollten, stellen wir Kinder-und Jugendärzte in Frage, insbesondere beim Thema der sogenannten offenen Sprechstunde. Das ist in unserem Bereich wirklich nicht praktikabel.

Was spricht gegen offene Sprechzeiten in Kinderarztpraxen?

Harnacke Dagegen sprechen verschiedene Gründe. Zum Beispiel die Ansteckungsgefahr. Kinder- und Jugendärzte behandeln viele Patienten mit hochfieberhaften Infekten. Kleinkinder bis zu sechs Jahren haben üblicherweise bis zu 15 Infekte im Jahr. Wenn wir uns daran erinnern, dass Grippe eine sehr schwere Erkrankung ist, die Todesfolge haben kann, muss mit allen Mitteln vermieden werden, dass sie sich durch hochinfektiöse Tröpfcheninfektion in ärztlichen Wartezimmern, in die Patienten ohne Anmeldung oft zu Stoßzeiten drängen, noch zusätzlich ausbreitet. Kommen die Patienten dagegen mit Termin, bedeutet das, dass die Abläufe geordnet sind: Wartezimmer und übrige Räumen werden regelmäßig gelüftet, Türklinken, Spielzeuge und Ähnliches regelmäßig desinfiziert, um die unter Umständen lebensgefährliche Ansteckungsgefahr in der Arztpraxis zu minimieren.

Wie sieht es bei Vorsorgeuntersuchungen aus?

Harnacke Die Arbeit eines niedergelassenen Kinder- und Jugendarztes besteht zu einem großen Teil aus Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen. Diese Patienten sind in der Regel infektfrei und sollten ungeordnet hereinströmende Patienten mit Infekten möglichst nicht begegnen, zumal die erste in der Praxis mögliche Vorsorge die U 2 ist, zu der die Kinder erst wenige Tage alt sind. Bei Vorsorgeuntersuchungen ist eine offene Sprechstunde praktisch so nicht umsetzbar, denn für Vorsorgeuntersuchungen benötigen Kinderärzte mindestens 20 bis 30 Minuten. Niemand wäre zufrieden, wenn in einer offenen Sprechstunde acht Kinder zur gleichen Zeit gebracht werden und das letzte mehr als drei Stunden Wartezeit hätte.

Wie sind die Kinder- und Jugendarztpraxen organisiert? Müssen Ihre Patienten lange warten?

Harnacke Die Mehrzahl der Kinder- und Jugendärzte ist sehr gut organisiert, so dass die Wartezeit in der Regel gering ist. Selbst wenn es bei außerordentlichen Infektwellen einmal zu Wartezeiten von bis zu einer Stunde kommen kann, so handelt es sich dabei um Ausnahmen. Meldet sich ein Patient morgens wegen Fiebers, kann in der Regel noch für denselben Tag ein Termin vergeben werden, so dass eine ordentliche Untersuchung mit Therapievorschlag erfolgen kann.

Die Ärzteschaft ist seit 2016 verpflichtet, über Servicestellen Termine zu vermitteln. Ist das ein Angebot, das bei den Kinder- und Jugendärzten angenommen wird?

Harnacke Das Vermitteln von Terminen durch die Servicestellen hat bislang für uns Kinder- und Jugendärzte in Mönchengladbach praktisch keine Rolle gespielt.

ANGELA RIETDORF FÜHRTE DAS INTERVIEW.

(RP)